Wo Deutschlands sicherheitspolitische Zukunft entschieden wirdIn seinem neuen Buch plädiert Roderich Kiesewetter für mutige strategische Weichenstellungen.Thomas Speckmann13.07.2026, 17.44 Uhr4 Leseminuten«Der Aggressor definiert, wen er als Gegner oder Partner sieht, nicht wir»: Ein Panzer der Bundeswehr während einer Übung im niedersächsischen Münster.Hannibal Hanschke / EPAWir werden einander viel verzeihen müssen. Dieser Satz ist in Deutschland zu einem Bonmot geworden. Er stammt aus der Corona-Zeit. Gesagt hat ihn der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn, heute Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Spahn hat ihn auch zum Titel eines 2022 erschienenen Buchs über die Pandemie gemacht. Dessen Untertitel lautete: «Wie die Pandemie uns verändert hat – und was sie uns für die Zukunft lehrt. Innenansichten einer Krise». Abgelöst wurde diese Krise im öffentlichen und damit auch politischen Bewusstsein von der Vollinvasion Russlands in der Ukraine.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ersetzte man in Spahns Titel «Pandemie» durch «Zeitenwende», hätte man eine passende Überschrift für die heutige Krise Deutschlands. Dieses Mal nicht in seiner Gesundheitspolitik, sondern in seiner Sicherheitspolitik. Ein solches Politikerbuch liegt nun vor: Wie Spahn für sein Buch auf jahrzehntelange Erfahrung in der Gesundheitspolitik zurückgreifen konnte, kann Roderich Kiesewetter sogar in doppelter Rolle «Innenansichten einer Krise» liefern – als hochangesehener Sicherheitspolitiker, ab 2015 als Obmann Aussenpolitik seiner Bundestagsfraktion zugleich Berichterstatter für Russland, sowie als langjähriger Offizier der Bundeswehr mit Verwendungen als Kommandeur, in Auslandseinsätzen und in internationalen Organisationen wie der EU und der Nato.UmdenkenWerden die Deutschen sich auch bei ihrer «Zeitenwende» viel verzeihen müssen? Diese Frage spiegelt sich zunehmend in den Berliner Zwischenbilanzen nach der inzwischen mehr als vier Jahre andauernden Vollinvasion Russlands in der Ukraine. Ein Zeitraum, der die Länge der letzten beiden grossen Landkriege im Osten Europas wie im Fall des Ersten Weltkriegs bereits erreicht hat oder im Fall des Zweiten Weltkriegs noch erreichen könnte, sofern es nicht zu einem politischen Umdenken in Moskau kommen sollte.Umdenken – das ist auch das Thema von Kiesewetter. Seine Zwischenbilanz der deutschen wie der europäischen «Zeitenwende» fällt insgesamt ernüchternd aus. In seinen Augen scheut man in Europa immer noch die Übernahme von Verantwortung – und das, obwohl Russland die Unterstützer der Ukraine als Kriegspartei und den Westen als Kriegsgegner sehe. Deutschland könne und dürfe sich das nicht schönreden, wie er mahnt: «Der Aggressor definiert, wen er als Gegner oder Partner sieht, nicht wir. Der Aggressor legt fest, ob, wann und wie er eskaliert, nicht wir.»Wie kann man damit umgehen? Kiesewetter packt diese Fragen in die Formel seines Buchtitels: «Was wollen wir? Was können wir?» Beim Wollen argumentiert er mit Fragen, die ihre Antwort gleich mit enthalten: Stehe man weiter zu Frieden in Freiheit und Selbstbestimmung? Sei man bereit, in dieses Ziel auch zu investieren, oder gehe man den Weg situativer Anpassung und des Ausgleichs mit Moskau? Verteidige Deutschland die Stärke des Rechts, oder passe es sich dem Recht des Stärkeren an?Gewinne die «Moskau-Connection» oder die an transatlantischen Werten ausgerichtete Vernunft? Übernehme Deutschland eine Scharnierfunktion in Europa, oder isoliere es sich in Unberechenbarkeit, Eskapismus und Sprunghaftigkeit, verbrämt mit einem Friedensverständnis in Form von Waffenstillständen und Einflusszonen? Sei Russland als künftiger Partner gegen China mit den unberechenbaren USA wirklich denkbar? Zurück zu den langen Linien russisch-deutscher Kooperation gegen all die Länder in den «Bloodlands» dazwischen, die sich wieder umzuorientieren hätten? Sonderwege, die Deutschland isolieren würden vom freiheitlichen Europa, oder ein klares erneuertes Bekenntnis zur Westbindung?Der Weg, den Kiesewetter weist, soll zu einer wehrhaften freiheitlichen Demokratie führen, die sich nicht zu einem Objekt imperialer Autokratien machen lässt. Er erinnert daran, dass er als Soldat den Eid geschworen habe, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Nicht Friede, sondern Freiheit stehe also im Mittelpunkt. Denn Frieden sei nur in Freiheit wirksam. Die Gesellschaft müsse bereit sein, dafür Phasen des Unfriedens in Kauf zu nehmen. Dabei ist er sich sicher: «Die Zukunft unseres Landes und unseres Europas wird sich in der Ukraine entscheiden. Die nächsten zwei Jahre stellen dafür die Weichen.»Drei visionäre ForderungenWas muss, was sollte in diesem Zeitraum geschehen? Antworten darauf hat Kiesewetter bereits als Oppositionspolitiker im Bundestag im ersten Halbjahr 2024 gegeben, das nach seiner Erinnerung von zunehmender Unsicherheit in der innenpolitischen Diskussion im weiteren Umgang mit der Ukraine geprägt gewesen sei. Das zu den Europawahlen antretende russlandorientierte Bündnis Sahra Wagenknecht habe erheblichen Zulauf bekommen. In Ostdeutschland habe eine Reihe Unionsverbände die Änderung der bisherigen Unterstützung der Ukraine gefordert. Auch die Forderung nach Gebietsabtretungen sei lauter geworden, nachdem sich ein ostdeutscher Ministerpräsident an die Spitze der antiukrainischen prorussischen Appeasement-Bewegung gestellt habe.Als Reaktion darauf brachte Kiesewetter drei völkerrechtskonforme Forderungen, wie er selbst betont, in seine Fraktion wie in die öffentliche Debatte ein: Erstens müsse die Ukraine befähigt werden, den Krieg auf den Boden des Aggressors, also nach Russland, zu tragen, um die Wucht der russischen Angriffe auf die Ukraine zu reduzieren. Zweitens solle Deutschland nach Ausbildung den Marschflugkörper Taurus liefern, um die russischen Versorgungslinien über die Krim abzuschneiden und die russischen Truppen dort zum Aufgeben zu zwingen. Drittens forderte er, die Nato-Mitgliedschaft der Ukraine als beste Sicherheitsgarantie mittelfristig anzustreben. Darüber hinaus nannte er bereits Anfang 2024 für Deutschland einen Mehrbedarf von rund 300 Milliarden Euro für Verteidigung bis 2030 und etwa 200 Milliarden für die Ertüchtigung und den Schutz der – kritischen – Infrastruktur sowie die Nachrichtendienste.Diese finanziellen Forderungen wurden unmittelbar nach den Bundestagswahlen 2025 zum Programm der neuen Regierung – mit einem Unterschied: Aus der von Kiesewetter geforderten halben Billion wurde weit mehr als eine. Wenigstens in diesem Punkt scheinen sich die politisch Beteiligten verziehen zu haben.Roderich Kiesewetter: Was wollen wir? Was können wir? Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung. Econ-Verlag, Berlin 2026. 288 S., Fr. 28.50.Passend zum Artikel