Lob zu verteilen, ist üblich im Sport. Tolles Spiel, gut gekämpft, weiter so, Glückwunsch zum Sieg, hat Spaß gemacht – das gehört zum Fair Play und am Ende jedes Wettkampfs dazu. Worauf es ankommt, sind die Nuancen. Also nicht nur was gesagt wird, sondern auf welche Weise. In dieser Hinsicht hat sich Alexander Zverev von seinen Konkurrenten in den vergangenen Wochen in aller Deutlichkeit Dinge anhören dürfen, die ihn auf seinem neuen Weg ermutigen. Bei aller Konkurrenz geraten die Liebhaber des Hochleistungstennis ins Schwärmen, wenn sie dieser Tage über den French-Open-Sieger und unterlegenen Wimbledon-Finalteilnehmer aus Deutschland sprechen.Man höre nur Darren Cahill zu. Als Spieler bezwang der Australier den damaligen Wimbledonsieger Boris Becker, als Trainer führte er den seit Sonntag zweimaligen Wimbledonsieger Jannik Sinner an die Spitze. Es war bemerkenswert, was Cahill nach dem 6:7, 7:6, 6:3, 6:4-Erfolg des Weltranglistenersten im Herrenfinale über den Weltranglistenzweiten sagte: „Man sieht das Selbstvertrauen eines Grand-Slam-Siegers, wie er sich auf dem Platz bewegt. Er glaubt mehr an sich. Er weiß, dass er bei einem Grand-Slam-Turnier sieben Matches gewinnen kann. Er ist ein großartiger Spieler. Wir haben größten Respekt vor Alexander.“ Übersetzen könnte man die Ausführung so: Willkommen bei den Champions!Befreiter nach dem French-Open-TriumphRespekt für seine Fitness, seine Rückhand und seinen Aufschlag hatte der Hamburger immer schon erhalten, seit er als Talent auf der Profitour auftauchte. Hinzugekommen ist nun Hochachtung. Alexander Zverev erscheint auf dem Platz seit Wochen als ein anderer: aufrechter, autoritärer, gelassener. Dass ihn sein Triumph bei den French Open ein Stück weit befreit hat im Denken und Handeln, gab Zverev nach dem verlorenen Wimbledon-Finale zu: „Ich denke, dass ich ein fantastisches Tennismatch und ein fantastisches Turnier gespielt habe. Wenn ich Paris verloren und dann hier wieder verloren hätte, würde ich hier nicht so sitzen.“In heiklen Situationen lässt der Hamburger nicht mehr die Schultern hängen und zieht sich kaum noch in seine Komfortzone einige Meter hinter der Grundlinie zurück. Er hat sich dazu gebracht, offensiv zu denken und aggressiv zu handeln. Vor allem mit dem Aufschlag und mit der Vorhand, die von einer einst wackligen Angelegenheit zur Waffe geworden ist. „Er ist ein sehr herausfordernder Gegner, denn es kann passieren, dass man über mehrere Spiele hinweg den Ball gar nicht berührt, weil er so gut aufschlägt. Und wenn er dann am Ball ist, versucht er, enormen Schaden anzurichten“, sagte Sinner, der das selbst ähnlich macht.Folgenreicher SturzDass der Weltranglistenerste aus Italien dennoch seinen Wimbledontitel erfolgreich verteidigte, lag vor allem an seiner Wehrhaftigkeit. Der Italiener ließ nur einen Breakball zu und nutzte zwei seiner eigenen fünf – das genügte, um Zverev einmal pro Satz den Aufschlag abzunehmen und das Finale in seine Richtung zu drehen. „Er hat eine beeindruckende Widerstandskraft bewiesen. Im heutigen Finale brauchte er genau diese Eigenschaft, denn Zverev hat ihn stark gefordert“, sagte „Supercoach“ Cahill auch in Anspielung auf Sinners Zusammenbruch neulich in der Hitze von Paris.Allerdings war Zverev nach einem Sturz in der Mitte des dritten Satzes und einer Überdehnung des Knies vorübergehend beeinträchtigt. „Ich hatte ein wenig Schwierigkeiten, beim Aufschlag richtig abzustoßen. Deshalb hat meine Aufschlaggeschwindigkeit nachgelassen“, sagte der Neunundzwanzigjährige. War der Ball im Spiel, war kein Unterschied bemerkbar.Das Knie sei zwar etwas angeschwollen, aber es handele sich – anders als die Verletzung 2024 an gleicher Stelle – vermutlich nicht um einen Bruch des Schienbeinköpfchens: „Ich glaube nicht, dass ich mir irgendwas gebrochen habe.“ Der seinetwegen nach Wimbledon gereiste Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sei danach in die Umkleide gekommen: „Wir haben ein paar Worte miteinander geredet. War schön, dass er da war“, sagte Zverev.Wie sehr dem Kanzler das Finale gefiel, war zunächst nicht in Erfahrung zu bringen. Dass Sinner seinen Spaß am starken Schlagabtausch mit Zverev hatte, sagte er offen: „Sein Spiel entwickelt sich immer weiter. Genau das ist das Gute daran, weil man jemanden hat, der einen an die eigenen Grenzen treibt.“ Dafür hatte bislang Carlos Alcaraz gesorgt, aber der siebenmalige Grand-Slam-Turniersieger leidet an den Folgen einer Handgelenkverletzung und hält seine Rückkehr seit mehr als zwei Monaten offen.Umstellung auf offensivere SpielweiseDie Tennisfamilie Zverev forcierte die Umstellung auf eine offensivere Spielweise im vergangenen Winter, um den Hochgeschwindigkeitsspielern Sinner und Alcaraz etwas entgegenhalten zu können. Die naheliegende Frage, ob er nicht bedauere, nicht schon früher damit angefangen und dadurch womöglich eher Grand-Slam-Titel gewonnen zu haben, überging Zverev beim Pressegespräch nach dem Finale. Fragt man Leute aus der Szene, erhält man erhellende Antworten.Zum Beispiel von Michael Stich, der weiterhin der letzte männliche Wimbledonsieger aus Deutschland bleibt. Zverev sei schon als Jungprofi erfolgreich gewesen, sodass er keine Veranlassung verspürt hätte, seine Spielweise zu verändern, sagte der auch auf Prime Video gefragte Experte Stich. „Es hat immer die Bereitschaft gefehlt, etwas Neues auszuprobieren, aus Angst, dass es schiefgehen könnte.“ Zwar versuchten es die Zverevs mit Expertise von außen wie zum Beispiel mit dem Altmeister Ivan Lendl. „Aber wenn der dir dann plötzlich sagt, was du tun sollst, und du selber sagst: Ich will das gar nicht und bin noch nicht bereit dafür, dann bringt das nichts“, sagte Stich.Die nächste Chance für Alexander Zverev und seine doch noch reformfreudige Familie, etwas Großes zu leisten, bietet sich bei den in sechs Wochen beginnenden US Open. In New York hatte der Hamburger zum letzten Mal Sinner bezwungen – mit einem couragierten Auftritt vor drei Jahren.