Als der Kunsthistoriker Wieland Schmied 1958 Ezra Pound auf der Brunnenburg in Tirol besuchte, fiel ihm dies auf: „Jeder Satz, den er sagt, steht an der Stelle von zwanzig, die er verschluckt.“ Solches Sprechen erinnert an sein Hauptwerk, die „Cantos“: 117 poetisch-historisch-politische Botschaften, entstanden von 1915 bis zum Jahr 1966. Diese Texte drängen gleichsam darauf, alles auf einmal zu sagen und die Grenzen der zeitlichen Linearität von Sprache zu sprengen: Texte, die keine Texte mehr sein wollen. Man sollte sich daher nicht wundern, auf chinesische Zeichen zu stoßen, die Pounds Poetik um ein anderes Verständnis von Energie in der Sprache bereicherten, Zeichen auch einer experimentellen Orientierung.Sie sind ein Beispiel für die opaken Muster, die seine „Cantos“ durchziehen. Diese sind durchwoben von Assoziationen, die von den antiken Mythen bis in die Gegenwart reichen, vielsprachig wie „Ulysses“, dessen Held auch hier seine Spuren hinterlässt, als trickreicher Niemand. Die erste komplette deutsche Übersetzung (2012) von Eva Hesse mit reichem Kommentar kann überforderte Leser davor bewahren, das Buch gleich in den Orkus zu werfen.Die Zeitschrift, in der 1917 die ersten drei „Cantos“ von Ezra Pound erschienen sindArchivPound war immer auch Lehrer. Als er 1908 aus den USA nach London, später nach Paris kam, zeigte er seinen dichtenden Zeitgenossen, wie man richtig dichtet, gründete Zeitschriften und Bewegungen wie Imagism und Vorticism und schliff Eliots „Waste Land“ zum Klassiker.Ohne alte Meister keine neue DichtungZu seiner Lehre gehörte das Verfremden, das „make it new“. Das Neue war für ihn jedoch ohne das Alte nicht denkbar – von der Antike bis zur Renaissance. Dante war der große Lehrmeister: Pounds „Cantos“ sind den canti der „Göttlichen Komödie“ nachgebildet, auch in ihrer Suche nach dem Paradiso, der Leuchtsphäre der Wörter. Die alten Meister und Weisen reden immer mit, polyphon. Und Pound förderte Literaten wie Hemingway (bei dem er Boxen lernte) oder Joyce.Aber Lehren kann auch blind machen. 1917 veröffentlichte Pound die ersten der „Cantos“: Collagen, in denen Tradition und vulgärste Gegenwart sich gegenseitig beleuchten. Mit seiner Anbiederung an den Faschismus beginnt dann Pounds politisch-ethischer Untergang, der triftige Spuren in den „Cantos“ hinterließ. Antisemitismus, alternative Geldökonomien, das Changieren zwischen Antike, Konfuzius und einem Amerika von Jefferson bis Roosevelt erzeugen ein ungutes Gemisch, in dem phrasenhafte Kulturkritik die schönsten Verse mit Schmutz bewirft. Sein Eintreten für Mussolini, der die Cantos „unterhaltsam“ fand, und Pounds entsetzliche Radiobotschaften während des Krieges brachen ihm 1945 den Hals. Die Amerikaner setzten ihn bei Pisa in einen „Gorillakäfig“ neben anderen Verbrechern, später war er über ein Jahrzehnt in der Psychiatrie. Doch er dichtete weiter: die „Pisaner Cantos“, vielleicht die beste Einführung in das Werk.Als ihm Joyce erste Seiten von „Finnegans Wake“ vorgelegt hatte, fragte Pound ihn: Ist das nun Vision oder ein Mittel gegen Tripper? Eine Frage, die man sich auch bei den „Cantos“ stellen mag. Er selbst sprach von einem „Fegefeuer des menschlichen Irrens“. In jedem Fall ein grandioser Scherbenhaufen, der bei wiederholtem Lesen immer Neues aufscheinen lässt: poetischen Glanz ebenso wie Abgründe eines Scheiternden. „Einhundert Jahre und noch immer ein Problem.“ (Steve Lake)In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.