Den Job von Liisa-Ly Pakosta, der estnischen Digitalministerin, darf man sich zu einem großen Teil wie den einer staatlichen Marketingbeauftragten vorstellen. Denn wofür ist Estland bekannt im Rest der Welt? Worum beneiden alle die Balten? Richtig, für ihre von vorn bis hinten durchdigitalisierte Verwaltung, ihre quirligen Tech-Start-ups wie den Uber-Konkurrenten Bolt, ihre Spitzenposition in allen Digitalisierungsranglisten. Während Karsten Wildberger die skeptischen Deutschen noch auf Trab zu bringen versucht, reitet seine Amtskollegin Liisa-Ly Pakosta mit dem schicken Markenzeichen e-Estonia im Galopp voraus.Nur dass die 56 Jahre alte Politikerin ganz und gar nicht auftritt wie eine schnittige Techunternehmerin. Ihr Nerd-Faktor geht gegen null. Und auf die Frage nach ihrem liebsten digitalen Spielzeug entgegnet sie beim Besuch in der F.A.S.-Redaktion doch allen Ernstes: „Ich lese privat viel lieber auf Papier als auf dem Bildschirm. Vor allem weil ich dann sicher sein kann, dass niemand mitliest. Bücher habe ich dadurch neu schätzen gelernt.“In der Antwort steckt ein Abgrund. Pakosta ist in Estland nicht umsonst zugleich für die Digitalisierung und die Justiz zuständig. Sie wendet sich mit Verve gegen die Dystopie einer Überwachungsgesellschaft, wie sie der Alltag in China und die Visionen mancher amerikanischer Techkonzerne nahelegen. „Wir wollen keine Drohnen, Kameras, KI und Datenbanken nutzen, um auch noch dem letzten Verbrechen auf die Spur zu kommen“, sagt Pakosta, eine fünffache Mutter, die Rechtswissenschaften und Anthropologie studiert hat. „Wir finden es ganz in Ordnung, dass die Leute nicht perfekt sind. Wir wollen sie nicht bis ins Letzte kontrollieren, im Gegenteil: Die Bürger sollen die Regierung kontrollieren können.“
Estland: Digitalministerin Liisa-Ly Pakosta liebt Bücher
Estland ist das europäische Musterland der Digitalisierung. Die zuständige Ministerin hat ein paar überraschende Gedanken dazu.






