Was wäre, wenn Haris Seferović im Mai 2016 im Relegationsspiel in Nürnberg die Frankfurter Eintracht mit seinem Tor nicht erlöst hätte und der hessische Traditionsklub zum fünften Mal aus der Fußball-Bundesliga abgestiegen wäre? „Gute Frage, ich kann sie aber nicht beantworten“, sagt Julien Zamberk im Juni 2026. Der 38 Jahre alte Frankfurter, seit November 2024 Finanzvorstand der Eintracht, umreißt die Möglichkeiten: „Es gibt Beispiele wie den VfB Stuttgart, dass der Abstieg nur ein kurzzeitiger Rückschlag war, aber einige Klubs haben Jahre gebraucht, um wieder hochzukommen, andere spielen in der dritten Liga.“Auf jeden Fall würde die Eintracht nicht dort stehen, wo sie heute steht, wenn die Hessen einen Umweg über die zweite Liga hätten nehmen müssen. Die Eintracht hat im vergangenen Jahrzehnt einen so rapiden sportlichen und wirtschaftlichen Aufschwung erlebt wie kaum ein anderer Verein der Fußball-Bundesliga. Aus dem Hinterbänkler, dessen Versetzung immer wieder gefährdet war und manchmal auch nicht erfolgte, ist ein Musterschüler geworden, der lediglich an schlechten Tagen ins Mittelmaß abgleitet. So wie in diesem Frühsommer. Erstmals nach acht Spielzeiten konnten sich die Frankfurter als Tabellenachter nicht für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren. Dieser Text entstammt der aktuellen Ausgabe des F.A.Z.-Wirtschaftsmagazins „Metropol“. Mehr erfahren Aber die schlechten Zeiten sind nicht vergessen, und viele Fans fragen sich, ob es der Eintracht in der Sommerpause gelingt, wieder die Weichen nach Europa zu stellen, oder ob die Krise den Anfang vom Ende des Höhenfluges darstellt, so wie es bei Borussia Mönchengladbach vor einigen Jahren der Fall gewesen ist.Die Eintracht steht finanziell immer noch gut daAn den finanziellen Voraussetzungen wird Sportvorstand Markus Krösche auf seinem Weg zum Ziel „internationale Wettbewerbe“ nicht scheitern, die Eintracht steht nach wie vor gut da. Die genauen Zahlen für das gerade abgeschlossene Geschäftsjahr werden noch ermittelt, aber wer eins und eins zusammenzählt, zweifelt nicht daran, dass die Eintracht einen Rekordumsatz von über 400 Millionen Euro verbuchen und ein positives Geschäftsergebnis vorweisen wird. Warum? Wegen der Zahlen des Vorjahres. Im Geschäftsjahr 2024/25 war der Transfer von Hugo Ekitiké (95 Millionen Euro) noch nicht verbucht. Der Umsatz lag bei 390 Millionen Euro, obwohl die Eintracht nur in der Europa League spielte und nicht in der lukrativeren Champions League. Zudem belasteten hohe Prämienzahlungen für das Erreichen der Königsklasse den Etat. Durch die Auszahlung der Boni kam ein Verlust von rund acht Millionen Euro zustande. Was für Unverständnis in der Öffentlichkeit sorgte und zu einigen aufgeregten Schlagzeilen in den Medien führte. „Party auf Pump“ prangerte die immens gestiegenen Personalkosten am prägnantesten an.Teil der Transferstrategie: Hugo Ekitiké brachte der Eintracht viele Tore und viele Millionen Euro Gewinn.AFPGenau an diesem Punkt waren in der Vergangenheit Bundesligaklubs wie Gladbach, Hamburg und Schalke gescheitert, die ihre Investitionen in den Kader auf die Teilnahme an der Champions League auslegten, anschließend den Königswettbewerb des europäischen Fußballs aber verpassten und in finanzielle Schieflage gerieten, was zu Notverkäufen führte und in den sportlichen Niedergang.Die Eintracht wirkt da viel stabiler, weil sie trotz der großen Steigerung eine gesunde Kostenstruktur bewahrte. Sie schließt im Vergleich zur Konkurrenz stärker erfolgsbezogene Verträge ab und achtet auf die Personalausgaben. So betrug die Personalkostenquote im Geschäftsjahr 2024/25 trotz der Rekordhöhe der Aufwendungen von 177 Millionen Euro knapp über 45 Prozent, das entspricht etwa dem Durchschnittswert der Liga. In der abgelaufenen Saison sind die Personalkosten wieder gesunken, da keine Prämien ausgeschüttet werden mussten. Es herrscht kein Druck für Spielerverkäufe. Zudem stärkt das Eigenkapital in Höhe von 69 Millionen Euro die Unabhängigkeit.So funktioniert die Transferstrategie der EintrachtDie finanzielle Stärke der Eintracht ruht auf zwei Säulen. Zum einen wurde und wird das Geschäftsmodell durch die Transfereinnahmen befeuert, indem Spieler billig ein- und teuer verkauft werden. Zudem sorgt die Vermarktung für Einnahmen. In der Hierarchie der Bundesligaklubs belegt die Eintracht hinter Bayern München und Borussia Dortmund Rang drei, was die an Spieltagen generierten Einnahmen sowie Sponsoring und Marketing betrifft. Die Erlöse werden auch dadurch erzielt, dass die Eintracht dank einer seriösen und nachhaltigen Vereinspolitik nicht nur auf dem Werbemarkt, sondern auch in der Gesellschaft, der Politik und in der regionalen Wirtschaft bestens positioniert ist. Nie war ihr Ansehen höher in der Bankenwelt, der Vertrag mit der Deutschen Bank wurde bis 2035 verlängert, nie war die Zusammenarbeit mit der Stadt enger und vertrauensvoller. Und die Verbindung zur Basis wurde mit den sportlichen Erfolgen größer und intensiver. Das Stadion ist praktisch immer ausverkauft, für Business Seats und Logen haben sich 2000 Unternehmen auf eine Warteliste eingetragen.Wie alles anfing: 2016 sicherte Haris Seferović der Eintracht durch sein Tor den Klassenverbleib.REUTERSDer Businessplan des hessischen Traditionsklubs ist durch einen ganzheitlichen Ansatz und durch Weitblick gekennzeichnet. Der Verein hat in sein Proficamp investiert, in den Stadionausbau, hat den Stadionbetrieb über den Fußball hinaus übernommen, Tochtergesellschaften gegründet und eine eigene Fernsehproduktion ins Leben gerufen. Wenn die geplante Multifunktionshalle gebaut wird, steht die Eintracht bei der Vergabe der Betreiberrechte in den Startlöchern. Und sollte die Erfolgsgeschichte weitergehen, wird in zehn bis 15 Jahren auch ein Stadionneubau zum Thema werden.All die Geschäftsfelder, die zum finanziellen Erfolg der Eintracht beitragen, sind jedoch stark vom Erfolg der Fußballer abhängig. Deshalb kommt dem Wirken auf dem Transfermarkt eine überragende Bedeutung zu. Bis 2016 agierte die Eintracht betont vorsichtig. Der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen scheute, auch wegen der Sünden der Vergangenheit, bis zum letzten Monat seiner Verantwortung so gut wie jedes Risiko. Mit Bruchhagens Abschied, der mit der erfolgreichen Relegation 2016 zusammenfiel, war der Weg frei für die innovativen Kräfte um Vorstand Axel Hellmann, die auch die Chancen auf dem Transfermarkt sahen.Frankfurter Transferwunder: Mit der „Büffelherde“ fing alles anDas Konzept wurde von der Saison 2017/18 an umgesetzt, im ersten Jahr nach dem Klassenerhalt per Relegation im Mai 2016 waren noch keine größeren Sprünge möglich, genau genommen gar keine. Sportvorstand Fredi Bobic standen damals 2,5 Millionen Euro zur Verfügung, um seinen Trainer Niko Kovač mit neuen Spielern zu versorgen – für alle, nicht für einen einzigen Profi. Der Umsatz der Eintracht in den Spielzeiten 2015/16 und 2016/17 lag jeweils bei 110 Millionen Euro, damit befand sie sich im letzten Drittel der Liga.Aber Kovač gelang es im Mai 2017, sein Team voller Leihspieler bis ins DFB-Pokal-Finale zu führen, was der Eintracht finanziellen Spielraum verschaffte. Sie investierte für die nächste Saison zwölf Millionen Euro in ihren ersten Königstransfer, den Franzosen Sébastien Haller. Luka Jović und Ante Rebić vervollständigten, zunächst auf Leihbasis, das Sturm-Trio, das als „Büffelherde“ in die Eintracht-Geschichte eingehen sollte und das Frankfurter Transferwunder begründete. Sportvorstand Bobic legte die Grundlage, sein Nachfolger Markus Krösche setzte von 2021 an dessen Arbeit mit noch größerem Erfolg fort.Die Liste derer, die mit großem Gewinn weiterverkauft wurden, ist lang: Hugo Ekitiké, Omar Marmoush, Randal Kolo Muani, Willian Pacho, Jesper Lindström, André Silva, Tuta, Filip Kostić, dazu die „Büffelherde“, die 2019 für über 100 Millionen Euro ihrer Wege zog. Die Umsatzentwicklung und die Erlöse gingen mit den Transfers stetig nach oben – unterbrochen von der Corona-Pandemie. Die Geschäftsjahre 2020/21 und 2021/22 schloss die Eintracht mit kumuliert rund 70 Millionen Euro Verlust ab. Ein Fehlbetrag, der vor allem durch den Einsatz des zuvor entwickelten Eigenkapitals gestemmt werden konnte, ohne das Transferkarussell signifikant zu verlangsamen. Hilfreich beim Überwinden der Corona-Krise war auch der sensationelle Gewinn der Europa League 2022 in Sevilla gegen die Glasgow Rangers.Erfolgsmodell: Wie die Eintracht ihren Umsatz in zehn Jahren vervierfachteDie Umsatzentwicklung verlief von 110 Millionen Euro im Jahr 2016 über 140 Millionen 2018, 280 Millionen 2020 und jeweils 390 Millionen 2024 und 2025 auf deutlich über 400 Millionen Euro 2026. Damit vervierfachte sich der Umsatz im vergangenen Jahrzehnt. Die Gewinn-und-Verlust-Rechnung ergibt für die Dekade eine schwarze Null – trotz der großen Corona-Delle von 70 Millionen Euro.Die Eintracht rangiert nun in der Bundesliga zwischen den Rängen fünf und sieben, was die Finanzkraft anbetrifft. Hinter Bayern München, Borussia Dortmund, RB Leipzig und Bayer Leverkusen, auf einer Höhe mit dem VfB Stuttgart, knapp vor der TSG Hoffenheim. Da Stuttgart in der kommenden Saison in der Champions League spielen wird und Hoffenheim in der Europa League, ist damit zu rechnen, dass die beiden Konkurrenten an den Frankfurtern vorbeiziehen werden.Was aber keinen allgemeinen Abwärtstrend für die Eintracht bedeuten muss. Denn trotz der Rückschläge in den vergangenen Monaten ist der Kaderwert relativ stabil geblieben, da die Eintracht vornehmlich in junge Spieler mit Perspektive investierte und ihnen langfristige Verträge gab, ohne festgeschriebene Ablösesummen. Der Wert des Kaders wird auf 350 bis 400 Millionen Euro taxiert. Das Spiel auf dem Transfermarkt kann für die Eintracht also von Neuem beginnen.Es ist keine gewagte Prognose, dass sich der Eintracht-Kader stark verändern wird. Das tat er fast in jedem Jahr, was der Eintracht von verschiedenen Seiten Kritik einbrachte. Punktuell versucht der Klub, auch Identifikationsfiguren aufzubauen, etwa im Fall von Kapitän Robin Koch. „Aber unabhängig von der eigenen Strategie ist es ohnehin unrealistisch zu glauben, dass Eintracht Frankfurt einen Marmoush oder Ekitiké halten kann, wenn Manchester City oder Liverpool den Spielern überaus lukrative Angebote unterbreiten“, sagt Finanzvorstand Zamberk.Auch für Fälle, die nicht ganz so eindeutig liegen, erläutert Zamberk den grundsätzlichen Eintracht-Ansatz, „Spieler in Wert zu setzen, wenn sich die Opportunität ergibt, denn das Risiko, sie um jeden Preis zu halten, ist doch viel größer“. Der Finanzvorstand meint damit steigende Kosten, die mit der Transferstrategie einhergehen und die mit Transfererlösen refinanziert werden. Dadurch, dass die Eintracht diese Erlöse zu einem Großteil wieder in entwicklungsfähige Spieler reinvestiert, schafft sie sich die Chance auf den nächsten Millionencoup. Zamberk: „Es geht immer um die Balance zwischen sportlicher Substanz und wirtschaftlichem Risiko.“ Ein Risiko, das Zamberk nicht nur nach den Grundsätzen eines Finanzbuchhalters bewertet, er bezieht auch die Gefühle der Fans mit ein: „Wir sind als Eintracht Frankfurt letztlich nicht dazu da, Gewinnmaximierung zu betreiben, sondern die Menschen durch guten Fußball glücklich zu machen.“
Strategie auf dem Transfermarkt: Das Erfolgsmodell von Eintracht Frankfurt
Vor zehn Jahren wäre Eintracht Frankfurt beinahe abgestiegen. Danach folgte ein rasanter Aufstieg. Grund dafür ist nicht nur die Transferstrategie des Vereins.






