Dieses Gedicht ist ein Glücksfund: Ich entdeckte es zufällig in einem Sammelband des Ullstein-Magazins „Die Dame“, den ich Marie Luise Scherer schenkte, einer „grande dame“ der deutschen Literatur, von der es auf Umwegen zu mir zurückfand. Soweit ich weiß, ist es das einzige zu Lebzeiten gedruckte Gedicht von Carola Neher, der Schwester von Brechts Bühnenbildner Caspar Neher, und atmet den Zeitgeist der späten Zwanzigerjahre, als sie in der „Dreigroschenoper“ die Polly spielte – Stichwort Neue Sachlichkeit.Brechts Heiratsantrag lehnte sie abDer prosaisch anmutende Text mit fremdsprachigen Einsprengseln und ironischen Volten könnte ebenso in Brechts frühem Stück „Mahagonny“ stehen, als der Sport zum Massenphänomen wurde und Robert Musil über ein „geniales Rennpferd“ schrieb. Doch die Unbeschwertheit des Gedichts, seine Keckheit und Lebensfreude stehen in krassem Kontrast zum Schicksal Carola Nehers, damals ein Shooting Star, um den Autoren und Regisseure sich rissen, während ihr Ehemann, der Dichter Klabund, in einer Davoser Lungenklinik mit dem Tode rang. Wie eine an beiden Enden brennende Kerze hatte Klabund, ein Amalgam aus Klabautermann und Vagabund, sein großes Talent verzehrt. Gottfried Benn hielt die Trauerrede, als er 1928 starb, und Brecht stahl ihm nicht bloß die Frau, sondern auch den „Kreidekreis“, ein Drama, das Brecht umschrieb und übernahm als Beispiel seiner „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“.Brechts Heiratsantrag lehnte Carola Neher ab und floh mit ihrem zweiten Mann, einem Rumäniendeutschen, vor den Nazis nach Moskau. Statt dort, wie erhofft, mit Erwin Piscator Brecht-Stücke zu proben, gab sie der in die UdSSR emigrierten Agitproptruppe „Kolonne links“ Schauspielunterricht, bis diese in die Fänge der GPU geriet und, der Spionage angeklagt, im Gulag verschwand. Stalins Terror griff auch auf Carola Neher über: Ihr Mann wurde verhaftet, und sie störte die Sowjetjustiz mit Fragen nach seinem Verbleib, bis auch sie als Trotzkistin denunziert, verhört und gefoltert wurde. Brecht, Mitherausgeber der Moskauer Zeitschrift „Das Wort“, protestierte halbherzig und bat Lion Feuchtwanger, der die Schauprozesse guthieß und Stalin dazu interviewt hatte, sich für Carola Neher einzusetzen – ohne Erfolg.Im Gefolge des Hitler-Stalin-Pakts wurden inhaftierte deutsche Kommunisten wie Margarete Buber-Neumann der Gestapo ausgeliefert – ihr Buch „Als Gefangene bei Stalin und Hitler“ berichtet davon. Carola Neher, inzwischen staatenlos, unterschrieb kein Geständnis und lehnte die Überstellung nach Nazi-Deutschland ab. Im Lager sang sie, um die Moral der Mitgefangenen zu stärken, Lieder von Brecht und wurde dafür mit Einzelhaft bestraft. Während des Zweiten Weltkriegs, als die Front näherrückte, wurde sie gen Sibirien in Marsch gesetzt und starb vermutlich an Typhus im Gefängnis Schwarzer Delphin von Sol-Ilezk, wo heute Serienmörder einsitzen. Dort erinnert heute nichts, nicht einmal ein Gedenkstein, an die geniale Schauspielerin, deren kurzes Leben im Juni 1942 in einem Massengrab endete. Ihr 1934 geborener Sohn Georg wuchs als Waisenkind in Erziehungsheimen auf und erfuhr erst nach Stalins Tod, wer seine Eltern waren. Sechs Jahre später, im Jahr 1959, erhielt er für sie eine Rehabilitierungsbescheinigung. 1975 konnte Georg Becker dank der Unterstützung von Lew Kopelew, Heinrich Böll und anderen aus Odessa in die Bundesrepublik übersiedeln.Carola Neher: „Sport“Ich liebe den SportTous les sports d'été et d'hiverEishockeyEiscremesodaBob mit BobbyGermansPlaying Golf in GermanyUnd Polo in Brioni!Ich ritt in Baden-BadenUm fünf Uhr früh die Oos entlangIch fuhr einen kleinen SteyrwagenIn Wien zuschandenIch segelte auf dem WannseeSchwamm am LidoUnd bin sogar (wenn auch widerstrebend)den Watzmann hinaufgeklettert.Ich kann SpagatRad fahrenRad schlagen.Ich laufe gern EisAber noch lieber: Gefahren.Ich tanzeBlack and White bottomund manchem auf der Nase herum.Ich spieleKlavierPokerWasserballErdballUnd Theater.Ich habe etliche HerzenKnock-out geschlagen.Ski-heil!In: „Die Dame. Ein deutsches Journal für den verwöhnten Geschmack. 1912 bis 1943“. Hrsg. von Christian Ferber. Ullstein Verlag, Berlin 1980. Vergriffen.Von Hans Christoph Buch ist zuletzt erschienen: „Vom Bärenkult zum Stalinkult“. Arco Verlag, Wuppertal 2024. 240 S., br., 22,- €.Redaktion Hubert SpiegelGedichtlesung Thomas Huber
Carola Neher in der Frankfurter Anthologie
Sie musste vor den Nazis fliegen und geriet in Moskau in die Fänge von Stalins Folterknechten. Ihr vermutlich einziges Gedicht weiß davon noch nichts: Es verkörpert den Übermut und die Lebensfreude der Zwanzigerjahre.






