Es ist erst ein paar Wochen her, als Alexander Zverev mit Häme geradezu überschüttet wurde. Vor allem in den sozialen Netzwerken hielt man Deutschlands besten Tennisspieler vor, dass er sich fälschlicherweise für was Besonderes hielte. „Was maßt sich der Typ an?“ In diesem Sinne waren die harmloseren Kommentare gehalten. „Der Kerl ist doch durchgeknallt!“, lauteten die derberen Versionen.Zverev hatte gewagt zu behaupten, dass im derzeitigen Herrentennis zwei große Leistungslücken klaffen: eine zwischen Jannik Sinner und dem Rest der Tenniswelt, die andere zwischen „Alcaraz, mir und vielleicht Djokovic und allen anderen“. Sich mit zwei mehrmaligen Grand-Slam-Turniersiegern in einem Atemzug zu nennen und den Rekordchampion Djokovic auch noch mit einer Einschränkung, fanden viele frech von Zverev.Man kann von seinen oft allzu flotten und forschen Sprüchen halten, was man will: Aber diesen Spott hatte sich Zverev nicht verdient. Zieht man nun nach drei von vier Turnieren des Jahres eine Grand-Slam-Zwischenbilanz, bleibt festzuhalten: So gut wie der Hamburger schneidet kein anderer Tennisprofi ab. Die Lücke, das sind die anderen.Halbfinale bei den Australian Open äußerst knapp gegen Carlos Alcaraz verloren, Titel bei den French Open gewonnen und im Endspiel von Wimbledon dem Weltranglistenersten auf Augenhöhe begegnet: Damit steht Zverev deutlich besser da als Sinner (ein Sieg, ein Halbfinale, dazu der Kollaps in Paris). Zum Melbourne-Sieger Alcaraz, der die anschließenden zwei Grand-Slam-Turniere wegen einer Handgelenkverletzung verpasste, öffnet sich ein Spalt, was auch am Platztausch in der Weltrangliste ersichtlich wird. Und Djokovic? Für sein Alter höchst respektabel, aber immer weniger ein Anwärter auf die großen Titel.Zverev und der Djokovic-EffektZverev ist momentan sportlich unangefochten die Nummer zwei – mit Tendenz nach oben. Aus heutiger Sicht ließe sich trotzdem sagen: Zverev lag damals nicht ganz richtig. Die Lücke zwischen ihm und Sinner ist kleiner als vermutet, die hinter den beiden scheint größer geworden. Wenn es demnächst bei den US Open um den vierten bedeutenden Titel des Jahres geht, gibt es absehbar keine anderen Topfavoriten als die Nummern eins und zwei der Weltrangliste.Zur Wahrheit gehört auch, dass Zverev auf seinen Wegen ins Finale weder in Paris noch in Wimbledon einen Top-Ten-Spieler hatte bezwingen müssen. Die Felder hatten sich mehr oder weniger geöffnet, weil gesetzte Konkurrenten einen schwachen Tag erwischten und aus dem Turnier flogen, bevor sie Zverev in die Quere kommen konnten. So etwas ist Teil des sportlichen Wettbewerbs und wird irgendwann in Zukunft keinen mehr interessieren; ganz im Sinne des letzten deutschen Wimbledonsiegers Michael Stich, der dieser Tage sagte: Wenn man in Wimbledon gewinnt, ist es egal, ob man gegen den Platzwart gespielt hat.Über das Sportliche hinaus bleibt aber eine Lücke bestehen: Die Popularität anderer Tennisstars erreicht Zverev nicht. Das liegt zum einen an den Schatten der Vergangenheit. Die Vorwürfe häuslicher Gewalt wurden in der vergangenen Woche auch in englischen Medien wieder thematisiert. Es liegt zum anderen an Zverevs Haltung, vor allem für sich und seine Familie zu spielen und nicht zum Vergnügen aller.Und es liegt an einer Art von Djokovic-Effekt. So wie der Serbe vor zwanzig Jahren zunächst als Störenfried empfunden wurde, als er in den epischen Zweikampf zwischen Roger Federer und Rafael Nadal hineinstieß, ist Zverev für viele der neue dritte Mann. Derjenige, der große Duelle zwischen den so gegensätzlichen Typen wie der menschlichen Ballmaschine Sinner und dem spielfreudigen Alcaraz verhindern könnte. Es bleiben also Lücken, die Zverev schließen könnte.