PfadnavigationHomeICONISTFitness & WellnessAlkoholsteuer„Très bon“ – Und dann verteidigte sogar der Spa-Direktor den GenussStand: 07:58 UhrLesedauer: 3 MinutenAperitif mit oder ohne Alkohol?Quelle: Getty Images/Alex TreadwayDer Staat kassiert mehr auf Schnaps. Gleichzeitig boomen Null-Prozent-Shops. Unsere Autorin erlebt, wie aus Angst vor dem Rausch ein neuer Stolz auf Abstinenz wächst – und findet den Genuss im Glas zurück.Vor Kurzem saß ich bei einem Abendessen neben dem Chef des Spas eines Luxushotels in Marokko. Er kam aus Frankreich, genauer gesagt aus Bordeaux, und seiner Familie gehörte einst ein Weingut. Ein Kellner kam mit einer Flasche Rotwein, der Spa-Direktor ließ sich einschenken und probierte. „Très bon“, sagte er und ließ sich nachschenken. „Ich glaube, ich nehme auch einen Schluck“, sagte ich.Ein Spa-Direktor, der mit Genuss trinkt. Wie schön, dachte ich. Das sieht man ja nicht mehr so oft, dass Menschen trinken und dabei auch noch zeigen, wie gut es ihnen schmeckt. Für ihn sei das einfach ein Stück Lebensqualität, sagte er – sich hinsetzen, eine Flasche hochwertigen Wein aufmachen, genießen. Ich habe inzwischen das Gefühl, die meisten sehen darin eher ein Stück Lebensbedrohung. Lesen Sie auchBei vielen Events lautet die Standardfrage ans Servicepersonal, ob in den Gläsern auf ihrem Tablett Alkohol drin sei. Sobald sich jemand mit einer Flasche an den Tisch nähert, wird freundlich mit dem Kopf geschüttelt und die Hand übers Glas gehalten. Es gibt alkoholfreien Sekt. Phony Negroni, einen falschen Negroni. Auch ich habe so meine Strategien entwickelt, um auf Veranstaltungen weniger oder zumindest bewusster zu trinken. Immer erst nach einem Glas Wasser greifen, um den ersten Durst nicht direkt mit Alkohol zu löschen. Süße Cocktails vermeiden. Keine Drinks mischen. Nach dem Hauptgang beim Wasser bleiben.Aber das reicht ja nicht. Ich sehe regelmäßig Artikel und Instagram-Posts, in denen mir erklärt wird, es gebe „keine unbedenkliche Menge Alkohol“. Jetzt wurde eine neue Alkoholsteuer beschlossen. Sie soll von 13,03 Euro je Liter Reinalkohol auf 15,64 Euro angehoben werden. Nur die Biersteuer bleibt gleich, Wein bleibt steuerfrei. Ich lese, dass eine 0,7-Liter-Flasche einer Spirituose mit 40 Volumenprozent wie Wodka inklusive Mehrwertsteuer um 87 Cent teurer werden würde.80 Euro für „Phony Negronis“Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb, dies sei ein „Anlass zum Feiern“. Manchmal glaube ich, es gibt auch so eine Art nüchternen Rausch. Das Glücksgefühl, das einen durchdringt, weil man nicht trinkt, weil man stark geblieben ist, gut geschlafen hat und mit klarem Kopf aufgewacht ist. Vielleicht liegt es daran, dass so viele Menschen nicht mehr trinken. Ich habe mich diesem Rausch auch schon mal hingegeben. Ich stand in einem hippen Berliner Geschäft für alkoholfreie Drinks und suchte nach Zutaten für einen „Phony Negroni“. Der serviceorientierte Verkäufer googelte „Negroni Rezept“ und stellte mir gleich drei Flaschen mit „Alternativen“ hin: eine für Gin, eine für Wermut, eine für Campari. Ich probierte sie alle. Und war so berauscht, dass ich über 80 Euro für drei Flaschen Nullprozentiges bezahlte. Ohne Alkoholsteuer.Lesen Sie auchNüchtern betrachtet war das Quatsch, auch wenn mir mein selbst gemixter Nicht-Drink gut geschmeckt hat. Die vielen neuen Alternativen sind toll, das wachsende Bewusstsein für die Folgen von Alkohol hat was Gutes. Aber ich glaube, zwischen Abstinenz und Sucht gibt es eine große Bandbreite, die auch Platz für ein gutes Leben mit Alkohol bietet. Der Spa-Direktor erzählte von seinem Großvater, der jeden Morgen um zehn Uhr ein Glas Rotwein trank. Er wurde über 90 Jahre alt. Darauf haben wir angestoßen.
Alkoholgenuss: Zwischen Lebensqualität und nüchternem Rausch – Ein Balanceakt - WELT
Der Staat kassiert mehr auf Schnaps. Gleichzeitig boomen Null-Prozent-Shops. Unsere Autorin erlebt, wie aus Angst vor dem Rausch ein neuer Stolz auf Abstinenz wächst – und findet den Genuss im Glas zurück.






