Man hört den Zeiger der altmodischen Wanduhr auf die nächste Minute springen, so mucksmäuschenstill ist es im Hörsaal der TU Bergakademie Freiberg. Der ältere Herr an der Tafel ist in seinem gewohnten Umfeld: Bernd Lippmann war jahrzehntelang Mathematik- und Physiklehrer, zuletzt Oberstudienrat. Doch worüber er gerade spricht, das sorgt immer noch für Unbehagen und Beklemmung im Raum.

Lippmanns Lebensgeschichte, vor allem die ersten 23 Jahre bis 1974, die er in Sachsen verbrachte, haben ihn geprägt. Als „Kämpfer für die Wahrheit“, so der Untertitel seines Buches „Die Stasi, Orwell und ich“, brachte er sich in Gefahr, kam dafür ins Gefängnis und letzten Endes zu hohen bundesdeutschen Würden. Bis zu 25 Spitzel hatte die Stasi einst auf den gebürtigen Freiberger angesetzt – selbst nach seiner Ausreise in den Westen der Republik. Doch der Reihe nach.

Bernd Lippmann im Hörsaal der TU Freiberg

© Claudia Lord

Der Tag, der Lippmanns Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“ einteilte, war der 16. August 1974 in Freiberg, im Haus seiner Eltern. „Kurz nach 5 Uhr morgens klingelte das Telefon und jemand stellte sich als Mitarbeiter der Universität vor, an der ich bis vor einem Monat noch studiert hatte (...). Kurz darauf kamen sie, die Genossen von der Staatssicherheit. Sie fuhren mit zwei Autos vor, stürmten ins Haus und kamen mir auf der Treppe zum Bad mit vorgehaltener Waffe entgegen. (…) Ich konnte mich noch anziehen, dann wurde ich abgeführt. Ich konnte noch sehen, wie eine Gruppe von vielleicht zehn Stasi-Leuten anfing, unser Haus zu durchsuchen“, schreibt Bernd Lippmann in seinem Buch.