Berlin. Philipp Schröder ist einer der vehementesten Befürworter von mehr Marktwirtschaft in der Energiebranche in Deutschland. „Ich bin für eine harte Stunde null, auf die sich alle vorbereiten müssen“, sagt Schröder im Interview mit dem Handelsblatt bezüglich der geplanten Streichung der gesetzlichen Einspeisevergütung für Solaranlagen auf Hausdächern. Übergangslösungen würden notwendige Änderungen nur verzögern.Vor fünf Jahren hat Schröder die Klimatechnologiefirma 1Komma5 Grad gegründet, die seitdem ein vernetztes Energiesystem für Privathaushalte aufbaut. „Das Stromsystem und sein volkswirtschaftlicher Preis entscheiden über fast alle Lebensbereiche und damit über die Zukunft Deutschlands“, sagt er.Sein Unternehmen wolle dies aktiv vorantreiben. Dafür investiert 1Komma5 Grad unter anderem in eine eigene Softwarelösung, hauptsächlich aus dem eigenen Cashflow. Parallel dazu plant es den baldigen Börsengang.Lesen Sie hier das gesamte Interview:Herr Schröder, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will die gesetzlich garantierte Einspeisevergütung für Photovoltaikanlagen auf Hausdächern streichen. Dadurch dürfte es länger dauern, bis sich die Investitionen für Hausbesitzer amortisieren. Eine gute oder eine schlechte Entscheidung?Grundsätzlich ist es richtig, aber wahrscheinlich aus dem falschen Motiv.Warum?Es ist an der Zeit, auf ein marktwirtschaftliches Modell zu wechseln. Wer Strom produziert, sollte ihn am Markt auch eigenständig und auf eigenes Risiko verkaufen können – zu gleichen Bedingungen, ganz egal, welche Technologie zur Erzeugung eingesetzt wird. Dabei darf der zweite Schritt jetzt aber nicht vor dem ersten gemacht werden. Die energiewirtschaftlichen Grundlagen müssen erst funktionieren. Die Netzbetreiber sind hier in der Pflicht. Gleiches muss dann auch für neue Gaskraftwerke gelten, was derzeit aber noch nur geplant ist. Alles andere wäre ein Foulspiel an den Erneuerbaren. Vita Philipp Schröder Philipp Schröder gründete das Energieunternehmen 1Komma5 Grad vor fünf Jahren in Hamburg. Zuvor war er unter anderem Chef der deutschen Solarfirma Sonnen und verantwortete das Deutschlandgeschäft des US-Elektroautobauers Tesla. Schröder gilt als eines der bekanntesten deutschen Gesichter der Energiewende. Er wurde 1985 geboren und hat erneuerbare Energien an der Universität St. Gallen studiert.1Komma5 Grad wird derzeit mit rund 2,2 Milliarden Euro bewertet. Zu den Investoren gehören unter anderen Eurazeo aus Frankreich, Ecapital und B2Venture. 1Komma5 Grad ist in sieben Ländern aktiv, beschäftigt mehr als 3000 Mitarbeiter und versorgt mehr als 120.000 Haushalte mit Energiesystemen. Auf Basis des operativen Bruttoergebnisses ist die Firma profitabel, in diesem Jahr will sie einen Erlös von 750 Millionen Dollar erzielen.Der Thinktank Agora Energiewende schlägt einen längeren Übergang vor, bis die Einspeisevergütung gestrichen wird, um einen Markteinbruch zu verhindern. Wäre das in Ihrem Sinne?Ich bin für eine harte Stunde Null, auf die sich alle vorbereiten müssen. Über Strafzahlungen müssen Netzbetreiber angehalten werden zu liefern. Wenn wir jetzt wieder Übergangsfristen schaffen, passiert erst mal nichts und der Umstieg auf ein Marktmodell bleibt stecken. Ich wünsche mir mehr Mut von der Bundesnetzagentur und der Politik, sich für einen klaren Stichtag zu entscheiden.Privatspeicher dürfen in Deutschland bisher ausschließlich eigenen Solarstrom ins Netz abgeben. Das bedeutet, Privathaushalte können bisher nicht am sogenannten Arbitragehandel teilnehmen: Strom günstig einkaufen, zwischenspeichern und später zu höheren Preisen wieder einspeisen. Auch das soll sich ändern. Wie finden Sie das?Warum sollen bestehende Anlagen von Privatleuten nicht dieselbe Dienstleistung wie Großbatteriespeicheranbieter anbieten dürfen? Es ist Pflicht der Bundesregierung, Wettbewerb und Technologieoffenheit zu fördern. Alles andere wäre volkswirtschaftlich dumm. Das schadet der Wirtschaft. Und die Kundensysteme in Deutschland existieren schon, insgesamt 28 Gigawatt, und einen Netzanschluss haben sie auch bereits.Lassen Sie uns über 1Komma5 Grad sprechen. Sie haben sich in den vergangenen Jahren von einem Solaranbieter für Haushalte zu einer Energiefirma weiterentwickelt.Inzwischen sind wir eine ganzheitliche Plattform, die Elektrifizierung und Integration in den Energiemarkt vereint. Das reicht von Ladeinfrastruktur, Wärmepumpen und Klimageräten bis zu Solaranlagen. Unser Anspruch war schon immer, alles selbst umsetzen zu können und dabei sämtliche Prozesse und Gewerke auf unser eigenes Betriebssystem zu bringen.