Einst standen die Huftiere mit der seltsamen Nase kurz vor dem Aussterben. Dann wurden sie zu einem Paradebeispiel für erfolgreichen Artenschutz. Doch plötzlich sterben die Tiere wie die Fliegen; die Behörden spielen die Gefahr herunter.Merlin Gröber (Text und Bilder)12.07.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenDer Tod schwebt in der Luft, klebt an den Rändern der Pfützen und den Reifen des Pick-up-Trucks, der in der Steppe im Westen Kasachstans steht. «Pass auf, welche Luft du einatmest», sagt ein Mann mit beigem T-Shirt, dunkler Hose und zieht eine Atemschutzmaske aus einer schwarzen Tasche, die auf der Rückbank des Fahrzeugs liegt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vorsichtig nähert sich der Mann einem Tierkadaver, der im hohen Gras liegt. Mit Gummihandschuhen öffnet er das Maul des Tieres, untersucht die Hufe und seufzt. «Was hier passiert, ist grauenvoll», sagt er, geht zurück zum Auto, zieht seine Handschuhe aus und schiebt die Atemschutzmaske unters Kinn.Der Mann mit den Handschuhen ist Steffen Zuther, Geoökologe und einer der weltweit führenden Experten für das, was tot vor ihm im Gras liegt: Saiga-Antilopen. Zuther ist aus Deutschland angereist, weil er die Kälber der Huftiere mit ihren rüsselartigen Nasen untersuchen möchte.Jedes Jahr im Mai, wenn die Blumen in der Steppe im Westen Kasachstans blühen und das Gras hoch und grün ist, ziehen Hunderttausende Saigas über die russische Grenze in die Kalbungsgebiete und gebären ihren Nachwuchs. Dann kommt Steffen Zuther, in seinem Gepäck die schwarze Tasche mit Massband, Handwaage und Gummihandschuhen. Damit vermisst, wiegt und markiert er die frisch geborenen Kälber.Eigentlich.Die toten Tiere landen in Massengräbern, der Gestank ist bestialisch.Doch in diesem Jahr ist alles anders. Statt in einer blühenden Steppe steht Zuther auf einem gigantischen Tierfriedhof. Aufgedunsene Saiga-Kadaver mit eingefallenen Augen liegen neben toten Kälbern mit schwarzer Haut, die aussieht wie verbranntes Leder. Kranke Tiere humpeln durchs hohe Gras, brechen nach wenigen Metern zusammen und bleiben kraftlos liegen. Die Luft riecht nach Verwesung, am Himmel kreisen Steppenadler und Geier, die sich über die toten Tiere hermachen.Was ist passiert in der Steppe Westkasachstans?Nachdem Zuther seine Handschuhe und den Mundschutz im Auto verstaut hat, fotografiert er das tote Tier und setzt eine Markierung auf seinem GPS-Gerät. «Damit können wir später die ungefähre Dichte der Kadaver messen», sagt er. Er geht wenige Meter weiter durchs Gras zur nächsten Antilope, die aufgedunsen in der Mittagssonne liegt. «Normalerweise springen hier Tausende Tiere durch die Steppe, du gehst wie durch ein Meer aus Saigas.» Zuther deutet auf den Horizont, der hier in der flachen Landschaft unendlich weit entfernt scheint.Der Zoologe Steffen Zuther versucht ein Saiga-Kalb zu fangen, um es zu vermessen und zu wiegen.Seit 2007 arbeitet der Wissenschafter für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt als Geoökologe und forscht zu Saiga-Antilopen. Zwölf Jahre lang lebte Zuther in Kasachstan, untersuchte Saiga-Habitate, bereitete Schutzgebiete vor und leitete Naturschutzprojekte. Inzwischen lebt er wieder in Deutschland, hat sich auf das Monitoring der Saiga-Bestände spezialisiert und untersucht die Beziehungen zwischen Mensch und Wildtier in der Steppe.Das letzte Jahrhundert war für die Saigas ein Auf und AbDass Zuther überhaupt zu Saigas forschen kann, ist das Ergebnis einer der beeindruckendsten Naturschutzgeschichten weltweit: Nachdem die Saiga-Antilopen durch jahrhundertelange Jagd in den 1920er Jahren fast ausgerottet waren, erholten sich die Bestände im Laufe des 20. Jahrhunderts.Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kollabierten die Populationen erneut: Durch grassierende Wilderei, Lebensraumverlust und den Wegfall staatlicher Schutzmassnahmen brachen sie innerhalb weniger Jahre um 95 Prozent ein – der schnellste jemals dokumentierte Rückgang einer Grosssäugerart. Anfang des 21. Jahrhunderts rannten, grasten und kalbten nur noch rund 21 000 Saigas in der flachen Steppe Kasachstans, dem grössten Binnenstaat der Erde.«Als ich angefangen habe hier zu arbeiten, waren wir froh, wenn wir auf einer Expedition eine Gruppe von zwanzig Tieren sahen», erzählt Zuther. Durch massive Schutzmassnahmen, wie das Einrichten von Reservaten, das Bekämpfen der Wilderei und verbesserte Grenzkontrollen zur Eindämmung von Schmuggel, konnten sich die Bestände der Tiere erholen – auf derzeit mehr als 4,5 Millionen Tiere.Porträt eines gesunden Saiga-Kalbs. Das Tier hängt zum Wiegen an einem um seine Brust gelegten Textilband.Der Schutz der Saigas war so erfolgreich, dass es inzwischen vermehrt zu Konflikten kommt zwischen Landwirten und Antilopen. «Mein Forschungsauftrag in diesem Jahr war neben der Dokumentation der Kalbung eigentlich die Untersuchung der lokalen Vergrämungsmassnahmen», so Zuther.Vor allem im Westen Kasachstans, wo besonders viele Saigas in landwirtschaftlich genutzten Teilen der Steppe leben, kommt es zu Konflikten um die begrenzten Ressourcen. Im Bokeyorda-Naturreservat, dort, wo Zuther die toten Saigas findet, arbeiten siebzig Ranger, um die Saigas vor den Steppenanwohnern zu schützen – und umgekehrt.Einer von ihnen ist Baisyk Tokajew. Der Kasache sitzt im Pick-up-Truck neben Zuther und fährt den Wissenschafter durch die Steppe, hält an, wenn Kadaver im hohen Gras auftauchen, und seufzt, wenn Totgeburten auf dem Weg liegen. Tokajew trägt eine dunkle Brille, eine Jacke in Militärfarben und eine Tarnfleckhose. Zwei Goldzähne blitzen auf, wenn er lächelt, was er selten tut, denn die Saigas, sie sind auch seine Babys.Tokajew wuchs in Kastalowka auf, einer Ortschaft nur wenige Kilometer vom Schutzgebiet entfernt. Der 43-Jährige erlebte, wie sich die Saiga-Population in seiner Heimat erholte, und bewarb sich vor fünf Jahren als Ranger. Normalerweise patrouilliert er mit seinem Pick-up-Truck in Teilen des 650 000 Hektaren grossen Reservats und schützt die Saigas vor Wilderei und die angrenzenden Felder vor den Saigas. Jetzt muss er ihnen beim Sterben zusehen.Der Ranger und Fahrer Baisyk Tokajew in seinem Pick-up-Truck. Saigas sind seit je ein wichtiger Teil seines Lebens.«Ich kenne die Tiere seit meiner Kindheit», sagt Tokajew. «Sie leben in der Nähe des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin.» Die Antilopen rannten im Sommer durch die Steppe, während Tokajew mit seinen Schulfreunden auf den staubigen Dorfstrassen spielte, und zogen im Winter ins Wolgadelta, um dem extrem rauen, schneereichen Winter im zentralasiatischen Kernland zu entgehen. Mit ihren langen Rüsselnasen wärmen die Tiere die kalte Winterluft vor und können so Temperaturen bis vierzig Grad unter null überleben. Warum die Tiere jetzt massenweise sterben? Tokajew schüttelt den Kopf. «Ich weiss es nicht.»Der kasachische Experte zweifelt an der offiziellen ErklärungSieben Autostunden von Zuther und den toten Saigas entfernt wirft ein Mann eine Packung Zigaretten auf einen Tisch und lässt sich in einen Gartenstuhl fallen. Die Nachmittagssonne brennt auf einen Schirm aus Stoff, die Hitze flimmert über dem Asphalt. Gaisa Garapowitsch Absatirow ist Professor für Veterinärmedizin, er lehrt und forscht an der West Kazakhstan Innovation and Technology University in Oral, einer Grossstadt im Westen Kasachstans, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Es ist Sonntagabend, eigentlich hat Absatirow frei. Wenn man mit ihm aber über die kranken Saigas reden möchte, hat er auch am Wochenende Zeit.«Die Behörden sprechen von einer Pasteurellose, einer durch Bakterien hervorgerufenen Erkrankung», sagt Absatirow und zündet sich eine Zigarette an, die im Mundwinkel wippt, wenn er spricht. «Diese Diagnose stimmt aber nicht.» Weder das Krankheitsbild noch die Geschwindigkeit der Ausbreitung deute auf eine Pasteurellose hin. «Bei dieser Krankheit sind die Atemwege betroffen, die Tiere husten. Nichts davon ist der Fall beim gegenwärtigen Ausbruch.»Gaisa Absatirow in einem Garten in Oral. Der Veterinärmediziner warnt vor der Maul- und Klauenseuche, doch die kasachische Regierung will davon nichts wissen.Absatirow kramt in der Tasche, zieht sein Smartphone hervor und spielt ein Video ab. «Hier, siehst du das?» Das Video zeigt eine tote Saiga, erst die Hufe, dann das Maul. «Die Hufe sind völlig aufgelöst, der Rachenraum entzündet. Die Saigas sterben nicht an Pasteurellose, sie sterben an der Maul- und Klauenseuche (MKS).»«Diese Krankheit breitet sich aus wie ein Feuer»Dutzende Videos habe er bereits ausgewertet, mit zahlreichen Landwirten gesprochen, deren Vieh befallen sei, und die Ausbreitung der Krankheit beobachtet. Gerade in ihrer rasanten Ausbreitung sieht Absatirow seinen Verdacht der Maul- und Klauenseuche bestätigt. Die Viruserkrankung ist eine der ansteckendsten Tierkrankheiten, die es gibt, sie überträgt sich rasend schnell durch Aerosole in der Luft, durch gemeinsam genutzte Wasserstellen oder kontaminierte Gegenstände wie Kleidung oder Fahrzeuge. «Diese Krankheit breitet sich aus wie ein Feuer. Das muss Maul- und Klauenseuche sein.»Gewebe- oder Blutproben, um seine These zu stützen, hat der Professor keine. Er sagt, er sei nicht mitgenommen worden, als staatlich beauftragte Forscher vor wenigen Wochen ins Reservat gefahren seien, um Proben zu entnehmen und auszuwerten. «Die Behörden mögen meine Version der Geschichte nicht.» Bereits seit Monaten warnt der Forscher in Gesprächen und Social-Media-Beiträgen vor dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche. «Mir wurde mitgeteilt, dass das nicht gut sei und ich das lassen solle.»Das Auge einer eben erst gestorbenen Saiga-Antilope.Für Absatirow wäre es nicht das erste Mal, dass er einen Ausbruch der Maul- und Klauenseuche korrekt diagnostiziert – ganz ohne Blutproben. Als Ende 2021 die Krankheit unter Nutztieren in Zentralkasachstan ausbrach, sprachen die Behörden zunächst ebenfalls von einer Pasteurellose – Absatirow widersprach. «Ich hatte auch damals Bilder und Videos analysiert und wusste sofort: Das ist keine Pasteurellose, sondern MKS.»Später bestätigte sich Absatirows Verdacht: Die Weltorganisation für Tiergesundheit (Woah) erkannte den Ausbruch an und suspendierte den MKS-frei-Status der betroffenen Regionen rückwirkend auf den 3. Januar 2022.Jenseits der Grenze wütet die Maul- und KlauenseucheDer derzeitige Ausbruch in Kasachstan ist zudem nicht der einzige in der Region: Im Frühjahr kam es in Gulja, einer chinesischen Stadt, weniger als hundert Kilometer von der kasachischen Grenze entfernt, auf einem Rindermarkt zu einem offiziell bestätigten Ausbruch der Maul- und Klauenseuche.Auch in Russland grassiert seit Monaten eine mysteriöse Seuche. Mehrfach keulten Behörden ganze Tierbestände, Bauern protestierten. Die offizielle Erklärung: Pasteurellose. Epidemiologen zweifeln das an, auch hier ist der Verdacht: Maul- und Klauenseuche. Die Saiga-Population im Westen Kasachstans überwintert in Russland, in ebenjenen Gebieten, in denen Experten die Seuche vermuten.Rund vier Millionen Saigas leben heute wieder in der Steppe Kasachstans. Noch ist unklar, wie gross der Rückschlag durch das gegenwärtige Massensterben sein wird.Warum aber melden die kasachischen Behörden den Befall nicht oder lassen zumindest unabhängige Experten wie Absatirow vor Ort Untersuchungen anstellen? «Kasachstan möchte seinen landwirtschaftlichen Sektor schützen», erklärt Absatirow.Für das zentralasiatische Land steht viel auf dem Spiel: Erst seit Mai 2026 gilt das gesamte Staatsgebiet laut Weltorganisation für Tiergesundheit als MKS-frei – eine wichtige Voraussetzung für den Export von Fleisch. Nach jahrelangen Verhandlungen darf das Land seit vergangenem Jahr tierische Produkte in die Europäische Union exportieren. Zunächst Honig, frisches Fleisch soll, so hofft man in Kasachstan, bald folgen. Das zentralasiatische Land hat ehrgeizige Pläne: Es möchte sich unter anderem als Premiumhersteller von Fleischprodukten etablieren, um weniger abhängig von Gas- und Ölexporten zu werden.Die Saigas sterben langsamZurück in der Steppe. Während die Sonne immer höher steigt, marschiert, markiert und seufzt Zuther seinen Weg durchs hohe Gras. Immer wieder bleibt der Forscher stehen, fotografiert Mäuler und Hufe toter Saigas. Er wiegt, vermisst und markiert die wenigen lebendigen Kälber, die er findet, schultert seinen Rucksack, geht weiter und sagt, dass die von Absatirows beschriebenen Symptome zutreffen.Steffen Zuther beim Wiegen eines Saiga-Kälbchens: «Wie kann man diese Tiere nicht lieben?»Neben den von Absatirow beschriebenen Symptomen deutet laut Zuther auch die Zeit zwischen Infektion und Todeszeitpunkt auf die Maul- und Klauenseuche hin. «Bei der Pasteurellose sterben die Tiere viel schneller, häufig innerhalb weniger Stunden nach den ersten Krankheitssymptomen. Die Tiere hier scheinen aber einen langsamen, teilweise tagelangen Sterbeprozess hinter sich zu haben.»Beim letzten grossen Massensterben unter den Saigas, ausgelöst durch eine Bakterieninfektion, starben 2015 innerhalb weniger Wochen 200 000 Tiere, was damals 60 Prozent der globalen Bestände entsprach. «Ich hoffe, dass es diesmal nicht so schlimm wird.»Die internationalen Seuchenwächter sind auf die Mitarbeit betroffener Staaten angewiesenDer Ausbruch der Seuche stellt Forscher wie Absatirow und Zuther vor ein Dilemma: Als Wissenschafter wissen sie, wie gefährlich die Maul- und Klauenseuche ist. Die beiden haben aber keine rechtliche Handhabe. Dass die Woah von sich aus aktiv wird und Proben einsammelt, ist unwahrscheinlich: Die Organisation selbst hat keine Experten, die sie zur Untersuchung von Seuchenausbrüchen in betroffene Gebiete entsenden kann. Sie ist darauf angewiesen, dass die nationalen Veterinärbehörden der Länder Seuchen transparent, schnell und ehrlich testen. Melden die kasachischen Behörden den derzeitigen Ausbruch nicht an die Woah, geht das Sterben der Saigas in der Steppe Kasachstans weiter, ohne dass die Ursache geklärt wird.Eine Saiga-Antilope steht in der Steppe Westkasachstans. Die unförmige Nase der Tiere befeuchtet und temperiert die staubige Steppenluft. Das schützt vor den extremen Temperaturen in den Sommer- und den Wintermonaten.Abends packt Zuther die schwarze Tasche mit der Waage und dem Massband in seinen Rucksack. Von den wenigen Saiga-Kälbern, die er lebend angetroffen hat, verabschiedet der Forscher sich persönlich, wünscht den Tieren alles Gute und streichelt sie, bevor er geht. Bleiben die Tiere ruhig liegen, wenn er sie wiegt, vermisst und mit Ohrmarken versieht, bedankt er sich bei ihnen, wenn er sie im hohen Gras zurücklässt. «Wie kann man diese Tiere nicht lieben?», fragt er. «Saigas überleben seit Jahrtausenden auf diesem Planeten. Sie werden auch diese Seuche überleben.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel