Vor gut einem halben Jahr haben Winola und Gloria angefangen, 1500 Freebies zu basteln. Sie wollten die kleinen Geschenke bei der Tour der südkoreanischen Boygroup BTS an andere Fans verteilen – dabei waren noch gar keine Shows angekündigt. „Wir wollten manifestieren, dass sie herkommen“, sagt Winola. Ihr Wunsch ist wahr geworden: Am Samstag können die beiden ihre selbst gemachten Anhänger vor dem ersten von zwei Konzerten in München verteilen. Sie sind umringt von einer begeisterten Menschentraube und einem Chor von „Danke!“ und „Thank you!“.Schon Stunden vor Showbeginn musste man sich in die U-Bahnen in Richtung Allianz Arena quetschen, auf dem Vorplatz tummelten sich Tausende Fans. Die Arena mit einer Kapazität von etwa 75.000 Plätzen war für beide Konzerte der „Arirang“-Tour ausverkauft. Es sind englische Gesprächsfetzen zu hören, französische, niederländische, polnische und chinesische.Die Fans wollen selbst etwas zurückgebenBTS ist die weltweit erfolgreichste K-Pop-Gruppe: Ihre Alben verkaufen sich millionenfach, ihre Singles halten sich teils wochenlang auf dem ersten Platz der amerikanischen Hitparade Billboard Hot 100, sie wurden als erste Gruppe aus Südkorea für einen Grammy nominiert. Beim Finale der laufenden Fußballweltmeisterschaft werden sie neben anderen Stars wie Madonna, Shakira und Justin Bieber auftreten.Natalie ist in einem lila Dinokostüm zur Arena gekommen. Sie und Kati sind am Samstag nur für die Stimmung da, Tickets haben sie erst für Sonntag.Sara WagenerAber ihre Fans, Armys genannt, haben vier harte Jahre hinter sich. Weil es in Südkorea eine Wehrpflicht gibt, mussten die Gruppenaktivitäten seit 2022 pausieren, während die sieben Mitglieder RM, Jin, Suga, J-Hope, Jimin, V und Jongkook nach und nach zum Militär gingen. Soloprojekte überbrückten die Zeit zwar – aber viele Armys schätzen gerade den Gemeinschaftsgeist an BTS.Emily hat für ihr Freebie-Outift sogar ein Tutorial zurate gezogen.Sara Wagener„Sie haben alle so einzigartige und unterschiedliche Persönlichkeiten, aber sie halten zusammen“, sagt Hicham. Er und Lee haben einen großen Lautsprecher mit zum Stadion gebracht und spielen laut Lieder der Gruppe. Bei anderen K-Pop-Konzerten ist ihnen aufgefallen, dass man lange wartet und die Organisation nicht viel zur Stimmung beiträgt – obwohl eigentlich alle für die Musik da sind. „Wir wollten die Leute bewegen, ihnen etwas schenken“, sagt Hicham. Sie selbst hätten viel von BTS und dem Fandom bekommen, sagt Lee: „Jedes Lied ist wie ein Pflaster für die Seele.“ Um sie herum tanzen Fans.60. Geburtstag auf dem BTS-KonzertDie Musik hat auch Ace, Sophie und Luisa ursprünglich in den Bann gezogen. Als sie das erste Musikvideo von BTS gesehen habe, habe sie „mit offenem Mund dagesessen“, erzählt Sophie. Sie habe gedacht: „Was für ein Kunstwerk habe ich da gerade gesehen?“ Die drei warten am Freitag vor einem Bubble-Tea-Laden, der spezielle Getränke zu dem anbietet. Deutschrap zum Beispiel kann aus ihrer Sicht nicht mithalten – in den Liedtexten und den Videos von BTS steckten viel mehr Gedanken und Mühe.Hicham und Lee beschallen mit ihrem Lautsprecher die wartenden Fans schon vor dem Stadion.Sara WagenerBTS singen häufig darüber, sich selbst zu lieben, sich treu zu sein. Sie üben auch Kritik, etwa an gesellschaftlicher Ungleichheit. Die Mitglieder setzen sich immer wieder öffentlich für gute Zwecke ein. Mit diesen Werten wachsen gewissermaßen auch junge Fans auf, sagen die drei aus ihrer Erfahrung.Armys gibt es aber in allen Altersgruppen. Tina etwa wollte auf dem Konzert am Samstag ihren 60. Geburtstag feiern. Am Freitag ist sie mit ihren Freundinnen Kari und Stina in der Münchner Innenstadt unterwegs. Die drei sind erst seit März Fans, als sie zusammen das Comeback-Konzert auf Netflix geschaut haben. Gefestigt hat das anschließend die Doku über die Vorbereitungen für die große Rückkehr. „Die Verbundenheit zwischen ihnen ist so toll“, sagt Tina. „In dieser toxischen Männerwelt tut das gut.“Mella hat für das Konzert in München ihr eigenes Kostüm entworfen.Sara WagenerAuch Mella hält die Mitglieder für „herzensgute Menschen, mit einem extrem hohen Anspruch an sich selbst“ – soweit sie das aus der Ferne einschätzen kann. Sie ist über ihre Tochter zu BTS gekommen, inzwischen aber der größere Fan. Für jedes Konzert entwirft sie ein eigenes Kostüm, am Samstag ist das ein rotes Kleid, auf das sie von oben bis unten das Logo der Tour genäht hat.Viele Armys stecken großen Aufwand in ihre Outfits: Natalie ist in einem lila Dinokostüm zur Arena gekommen, der Farbe von BTS. Sie und Kati sind am Samstag nur für die Stimmung da, Eintrittskarten haben sie erst für Sonntag. Da will Kati ein mit Lichterkette leuchtendes Matrosenkostüm anziehen, angelehnt an die neueste Single „Swim“. Die beiden hätten sich in der Ausbildung zur Schneiderin kennengelernt, erzählen sie.Emily musste für ihr Outfit ein Tutorial zurate ziehen. Mit Angelschnur und Styropor hat sie ein übergroßes Armband gebastelt, das ihr über einer Schulter hängt: Sie ist als großes Freebie verkleidet.