Örjan Nyland, 35, ist derzeit arbeitslos. Er kennt das schon. Auf seinen verschlungenen Karrierepfaden, die ihn unter anderem zu Aston Villa und zum FC Ingolstadt führten, zu den englischen Zweitligisten Norwich, Bournemouth und Reading sowie zu RB Leipzig, stand Nyland immer mal wieder für einige Wochen oder Monate ohne Vertrag da.Zuletzt war er drei Jahre lang in Andalusien beschäftigt. Sein bisheriger Arbeitgeber hatte aber Ende Juni mitgeteilt, er werde die Zusammenarbeit mit dem Ersatztorwart Nyland beenden: „Der FC Sevilla möchte seine Dankbarkeit gegenüber Nyland bekräftigen für die Arbeit, die er in den vergangenen drei Jahren geleistet hat und wünscht ihm alles erdenklich Gute für den weiteren Turnierverlauf.“ Das war – wohlgemerkt – kurz vor dem Achtelfinale der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft.Einzug ins WM-Halbfinale:Diese Franzosen räumen Gegner im Vorbeigehen aus dem WegIndividualisten, die ein gemeinsames Pflichtgefühl prägt: Beim 2:0 gegen Marokko zeigt sich, mit welcher Attitüde Trainer Deschamps seine Elf über die Jahre geformt hat. Und er überholt sogar einen berühmten Deutschen.Sevilla sucht sich lieber eine neue Nummer zwei. Und jetzt lässt sich trefflich spekulieren, ob der spanische Klub fünf Tage später immer noch so gehandelt hätte. Denn da hielt Nyland in seiner Rolle als Norwegens Nummer eins gegen Brasilien so ziemlich alles, was es zu halten gab – und sogar noch ein bisschen mehr. Er hielt einen Elfmeter gegen Bruno Guimarães, der gar nicht mal so schlecht geschossen war. Er entschärfte weitere brasilianische Torchancen im hochprozentigen Bereich von Guimarães und Endrick.Vor allem aber verhinderte Nyland einen Treffer seines Teamkollegen Kristoffer Ajer, der im Ranking der denkwürdigsten Eigentore der WM-Geschichte gewiss einen Spitzenplatz eingenommen hätte, indem er nach hinten hüpfte und die rückwärtsgerichtete Bogenlampe seines Kollegen mit den Fingerspitzen gegen den Pfosten titschte. Wenn das Wort Monsterparade jemals seine Berechtigung hatte, dann vielleicht in diesem spielentscheidenden Moment.Dieser norwegische Nationaltorwart mit dem blonden Dutt brachte mit seinen Paraden den einstmals großen Neymar und mit ihm das einstmals noch größere Brasilien zum Weinen. Er ist seither, das kann man wohl sagen, ein kleiner Torwartheld auf Jobsuche.Für Nylands Ex-Trainer Ralph Hasenhüttl ist es „schleierhaft“, warum dem Torhüter ein echter Durchbruch versagt bliebNach dem Brasilien-Spiel richtete sich der große Strauß aus Kamera-Augen und Mikrohälsen mal wieder in erster Linie nach Erling Haaland. Aber in zweiter Linie schon nach Nyland. „Ja, das war wohl das beste Spiel meines Lebens“, bestätigte er allen, die sich bei ihm genau danach erkundigten – auf Norwegisch, auf Englisch, auf Spanisch. Wahrscheinlich hätte er es auch noch in drei anderen Sprachen sagen können.Jemand wollte von ihm wissen, ob er schon sein Telefon gecheckt habe, wie viele Vereine bereits angerufen hätten? Nyland sagte, er habe für Telefonate noch keine Zeit gehabt und müsse jetzt erst einmal zur Dopingkontrolle. „Aber alle, die jemanden brauchen, wissen ja, wen sie anrufen müssen“, sagte er.Nylands Darbietung gegen Brasilien haben viele Millionen Menschen gesehen, darunter einer, der den Torwart bereits zu Beginn von dessen Karriere unter seiner Obhut hatte: Ralph Hasenhüttl, vor zehn Jahren Nylands Trainer beim FC Ingolstadt. „Mich hat das enorm gefreut“, sagt der Österreicher am Telefon, alles habe für ihn funktioniert, Nyland sei „einfach nicht zu überwinden“ gewesen.Für Hasenhüttl, 58, bleibt es „schleierhaft“, warum Nyland ein echter Durchbruch auf internationalem Spitzenniveau versagt blieb. Zugetraut habe er ihm das allemal, sagt er. Andererseits ist Hasenhüttl anzuhören, dass er beim Thema Nyland ein wenig in der Zwickmühle steckt. Auch er hatte ihn damals in Ingolstadt ja meistens auf die Bank gesetzt.Einerseits, sagt Hasenhüttl, habe er schon damals ein gewaltiges Potenzial in ihm gesehen. Andererseits war die Sache in Ingolstadt kompliziert. Nyland wechselte im Sommer 2015 vom norwegischen Klub FK Molde zum damaligen Bundesligaaufsteiger, angebliche Ablöse: eine Million Euro. Mit in die Erstklassigkeit genommen hatten die Ingolstädter allerdings auch ihren Aufstiegstorwart, den deutlich erfahreneren Ramazan Özcan. Nyland durfte die ersten beiden Pflichtspiele ran, im DFB-Pokal und in der Liga. Özcan wiederum bekam die beiden folgenden Ligaspiele. Danach sollte eine Entscheidung fallen, erzählt Hasenhüttl. Özcan schuf bei seinen Einsätzen aber Fakten, über die ein Trainer kaum hinwegschauen kann: Er spielte zweimal zu null. Damit stand er bis auf Weiteres im Ingolstädter Tor, zum Leidwesen Nylands.„Es blieb für mich eine Qual der Wahl“, sagt Hasenhüttl, in der Regel fiel seine Wahl aber auf Özcan. Nyland spielte immer nur dann, wenn sein Konkurrent unpässlich war und kam am Ende auf sechs Saisoneinsätze in der Bundesliga.Fifa-Präsident Gianni Infantino:Die Geister, die er mit dem Fall Balogun riefGianni Infantino gerät in die Defensive: Trumps Intervention und der USA-Entscheid fliegen seinem Weltverband um die Ohren, weil nun plötzlich viele aufbegehren – und es liegt eine neue Anzeige vor.Nyland, sagt Hasenhüttl, habe Özcan „komplett unterstützt“ und ihn aus der Rolle des Herausforderers zu „Höchstleistungen gepusht“. Und überhaupt sind dem Coach da mannigfaltige Stärken in Erinnerung geblieben, ein Torwart mit einer „unglaublichen Dynamik“ und einer „enormen Kraft, vor allem beim Absprung und beim Abschlag“. Zudem sei er gesegnet mit „einem enormen Bewegungstalent“, sagt Hasenhüttl. Nyland soll deshalb auch „hervorragend Golf spielen“. Und, ebenfalls von Belang: Der Norweger sei „einer, der den Wettkampf will und den Wettkampf sucht“.Aber der Wettkampf hat ihn erstaunlich oft links liegen lassen. In den vier Jahren, in denen sich Örjan Nyland durch die englische Fußballlandschaft ackerte, brachte er es auf 34 Einsätze in der zweiten Liga sowie auf sieben in der Premier League – ein bemerkenswerter Kontrast zu den 75 Länderspielen, die er in all den Jahren für Norwegen angesammelt hat.So sei das eben, sagt Hasenhüttl: Das Torwartgeschäft sei hart, nur einer könne spielen. Nyland jedenfalls verfüge über einen „super Charakter“, mit seiner früheren Nummer zwei habe er stets „gequatscht“, wenn sie sich nach ihrer gemeinsamen Ingolstädter Zeit begegnet seien.Leeds United und Manchester City sollen Interesse an Nyland bekundet habenAn diesem Samstag trifft Norwegen im Viertelfinale in Miami auf England. Man darf annehmen, dass sich da wieder sehr vieles bis annähernd alles um Torjäger Haaland drehen wird. Aber Englands Coach Thomas Tuchel ist wohl schlau genug, um zu wissen, dass in dieser norwegischen Mannschaft weitere Gefahren für sein Team lauern. Da sind der Spielmacher Martin Ödegaard und die Flügelstürmer Alexander Sörloth und Antonio Nusa sowie der gegen Brasilien eingewechselte Andreas Schjelderup. Und hinten drin natürlich Nyland.Dieses Turnier wird bislang ohnehin von glänzenden Torhütern geprägt, die vor dem Turnier vermutlich nicht alle auf dem Zettel hatten. Dazu gehören: Orlando Gill aus Paraguay, der Kapverdier Vozinha und auch der Ägypter Mostafa Shobeir. Aber vermutlich ist der Norweger Nyland der einzige unter den besten Torhütern dieser WM, der gerade ablösefrei zu haben ist.Fragt sich natürlich, wie lange noch. Die britische Presse berichtet, dass in den vergangenen Tagen bereits fünf englische Klubs die Fühler nach ihm ausgestreckt haben sollen, darunter angeblich Leeds United und Manchester City. Wenn er jetzt noch ein paar Bälle von Harry Kane und Jude Bellingham hält, dann dürfte sein Telefon jedenfalls ein ums andere Mal klingeln.