Die Impressionisten hätten es nicht besser gekonnt: Wie aus einer Leinwand geschnitten beugt sich das hohe Gras im Wind, die alten Bäume strahlen im orangenen Abendlicht. Durch eine beinahe unwirklich unberührte Kulisse läuft oder radelt, wer sich an diesem lauen Sommerabend Anfang Juli auf den Weg zum Amphitheater im Nordteil des Englischen Gartens macht. Vorbei an einer Weide mit grasenden Schafen gelangt man über einen Schotterweg zu der abgelegenen Arena mitten im Grünen.Seit mehr als 35 Jahren wird hier jeden Sommer unter freiem Himmel Theater gespielt: kostenlos und ohne Anmeldung. 1990 von der Münchner Regisseurin Ulrike Dissmann gegründet, hat sich das Sommertheater im Englischen Garten zu einer Spielstätte mit Tradition entwickelt, die nicht nur Theaterversierte anzieht. Vielmehr ist es ein Ort des unbeschwerten Zusammenkommens, fernab samtiger Theatersessel. Hier sind es grasbewachsene Steinstufen, auf denen sich ein gemischtes Publikum aller Altersklassen niederlässt. Wie ein bunter Flickenteppich reihen sich Picknickdecken aneinander, es riecht nach Moskitospray und mitgebrachter Wassermelone.Im Halbrund sitzt man um die naturbelassene Freilichtbühne: Ein auf die Wiese gemaltes Spielfeld, eine Bank und ein Hocker reichen als Bühnenbild aus. Während sich das Publikum auf den Stufen ausbreitet, Salatschüsseln ausgekratzt und Klappstühle zurechtgerückt werden, legt sich atmosphärische Live-Musik über das gedämpfte Stimmengewirr. „Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter“, weist Schauspieler Peer-Robin Hagel dann von der Bühne aus an, wo er als gepflegter Herzog Orsino in Szene tritt. Kostümiert im burgunderroten Anzug, hebt er sich vom Grün der Wiese ab.Liebe, das ist das Stichwort dieses Abends, an dem das meist gespielte Stück aus dem Shakespeare-Repertoire gespielt wird. Unter der Leitung von Sebastian Bergau, der das Sommertheater im Englischen Garten seit dem letzten Jahr verantwortet, zeigt das gemischte Ensemble aus Laien und ausgebildeten Schauspielenden Shakespeares leichtfüßige Verwechslungskomödie „Was ihr wollt“. Eine Stückauswahl, die im Einklang mit dem zu sein scheint, was auch das Publikum hier auf der idyllischen Waldlichtung erleben will: Romantik im besten Sinne.Hin und wieder kollidieren die Figuren mit der GegenwartWo die Liebe hinfällt, versammeln sich in Bergaus Inszenierung die altbekannten Figuren aus dem Shakespeare-Universum und kollidieren hin und wieder mit der Gegenwart. Da sind Viola und Sebastian, die gestrandeten Zwillinge, die nach einem Verwirrspiel der Identitäten am Ende ins Glück finden. Gekleidet in Doc Martens und Karo-Rock holt Kostümbildnerin Alexandra O’Donovan das Zwillingspaar in die Moderne. Seiner Zeit voraus beherrschte Shakespeare brillant das Spiel mit den Geschlechterrollen. Passend dazu lässt Bergau den trinkfesten Sir Toby als Lady Toby auftreten: eine überdrehte Figur im Partykleid, die ihren Handlanger Bodo von Bleichenwang unentwegt als „Bodo Baby“ herumkommandiert.Auch die Übersetzung von Ulrike Dissmann löst sich stellenweise vom Originaltext. Etwa wenn Michael Stadler als schmallippiger Haushofmeister Malvolio sein „Mansplaining“ reflektiert und sorgfältig betont gendert. Stadler spielt ihn mit trockener Komik – und doch wirken die Gegenwartsanwandlungen der Inszenierung im besten Falle schräg, aber doch mehr bemüht als konsequent.Das diesjährige Ensemble setzt die über 35-jährige Tradition fort. Sebastian BergauShakespeare wäre nicht Shakespeare, würde neben den Liebeswirrungen und Intrigen rund um die Gräfin Olivia, stolz und lakonisch gespielt von Rebecca Dullinger, nicht auch freudig gesungen und getanzt. Musikalisch führt der Abend aus dem shakespeareschen Wunderland Illyrien zwischenzeitlich ins Schwabinger Kneipenambiente: Beschwingt singt Oliver Kleppel als Narr den Hit „Ohne Dich“ der Kultband „Münchener Freiheit“ und lässt unter dem dämmernden Himmel in Erinnerungen schwelgen.Zum Plausch ins TheaterSpätestens als in der Pause Lampions wie schwirrende Glühwürmchen im Amphitheater verteilt werden, leuchtet der Gedanke an elisabethanische Zeiten auf, in denen Theater vor allem eines war: gelebte Gemeinschaft. So besuchte man Shakespeares „Globe Theatre“ unter offenem Dach nicht nur des Stückes wegen, sondern auch, um sich unters Volk zu mischen, ins Gespräch zu kommen, gesehen zu werden. Ein Grund, weshalb sich Regisseur Sebastian Bergau auch in diesem Sommer wieder für Shakespeare entschied: „Das shakespearesche Theater hat ja immer alle Schichten und Menschen zusammengebracht. Das erleben wir hier unter freiem Himmel ähnlich“, sagt Bergau, der am Tag der Premiere im Publikum auf den Stufen anzutreffen ist. Hauptberuflich ist der 48-Jährige Jurist, fürs Theater habe er sich aber schon immer begeistern können. Vor mehr als dreißig Jahren spielte er selbst im Ensemble des Sommertheaters – natürlich Shakespeare.Zurück auf der Bühne überträgt sich die Spielfreude dieses lebendigen Abends trotz einiger Längen bis in die letzten Reihen der Arena, wo man im Halbdunkel strahlende Gesichter erahnt. Während sich die großen Häuser immer wieder dem Vorwurf des Elitarismus stellen müssen, ist diese Form des Theaters sicherlich keine, die ausschließt. Vielmehr ist sie eine, die involviert. In Zeiten, in denen Dritte Orte umkämpft sind, ist das Amphitheater im Englischen Garten ein charmantes Plätzchen zum Verweilen und Zuschauen: den Spielenden, aber auch den Menschen drum herum. In Decken gehüllt sitzen die Grüppchen und Pärchen beisammen. Die Liebe, so scheint es nach knapp drei Stunden Shakespeare-Romanzen, ist in dieser Sommernacht nicht aus der Luft gegriffen.Was ihr wollt, jeweils Donnerstag bis Samstag bis 1. August, 20.30 Uhr, Amphitheater im Englischen Garten, bei schlechtem Wetter in der Mohn-Villa, Situlistraße 73–75