Im Berichtsdeutsch ist nüchtern von einem „Starkregen- und Hochwasserereignis“ die Rede, wenn auch dem „größten Schadensereignis, das wir in Deutschland seit der Hamburger Sturmflut im Jahr 1962 erlebt haben“. Mehr als 180 Tote in Deutschland, über 800 Verletzte, 85.000 betroffene Menschen allein in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz: „Am stärksten betroffen ist das Ahrtal mit ca. 42.000 Personen, von denen etwa 17.000 ihr komplettes Hab und Gut verloren haben oder vor erheblichen Schäden stehen.“Auch die „seelischen Wunden“ werden im Abschlussbericht des Bundesinnenministeriums ein Jahr nach dem verheerenden Hochwasser vom Juli 2021 erwähnt. Was das bedeutet, ist freilich mit solchen Papieren oder auch sachlich verfassten Jahrestagsartikeln nicht ansatzweise zu fassen. Erst recht nicht die Wut über das Behördenversagen.Ein Fremder ruft mit dem Handy ihres Vaters an„Allein in der Flut“, ein radikal subjektives Stück der Filmemacherin Sabine Jäger, die in den vergangenen Jahren vor allem für die Reihe „Menschen hautnah“ gearbeitet hat, setzt den Gegenpol. Sie erzählt, eindringlich leise in der Ich-Form, wie ihr greiser Vater in Bad Neuenahr ums Leben gekommen ist. Wie die Mutter die dunkle Flutnacht verbrachte. Was die Nachbarn der Eltern in den Häusern an der Weststraße durchmachen mussten. Die Ahr liegt keine 200 Meter entfernt. Man sieht ihrem Ufer bis heute die Flutschäden an.Als der verheerende Regen einsetzt und das Wasser im Tal zwischen den Weinbergen steigt, ist Susanne Jäger mit Mann und Kindern im Italienurlaub. Bis morgens ein Fremder mit dem Handy ihres Vaters anruft. Er teilt Jäger mit, dass ihr Vater wohl in den Fluten gestorben und die Mutter in Sicherheit sei. Panische Rückfahrt.Anwohner und Anwohnerinnen aus Bad Neuenahr.WDR/Christian MarohlDer Film ist in kleine Kapitel gegliedert. Sie tragen Titel wie „Fahrt“ oder „Liebe“ und „Suche“. Und natürlich „allein“. Mit Interviews und einer Vielzahl von Handyaufnahmen aus der Fluchtnacht rekonstruiert Jäger die letzten Minuten ihres Vaters. Er geht abends nach draußen, um das Auto umzuparken, und schafft es nicht mehr zurück.Die Wassermassen reißen ihn fort. Andere Menschen, die ihm begegnen, können sich gerade noch über Autodächer und Balkone in Sicherheit bringen. Wiederum andere sterben in Tiefgaragen und Häusern. Es sind furchtbare Szenen, obwohl man in den Handybildern von damals nur die meterhohe Flutwelle sieht mit den vielen Autos darin, in den Tagen danach die Schlammkante in den Gebäuden oder die provisorische „Leichensammelstelle“ am Flugplatz.Sie hätten stundenlang die Schreie von eingeschlossenen Nachbarn im Erdgeschoss ihres Gebäudes gehört, sagt ein Bewohner der Weststraße über das Drama im eigenen Haus. Dann plötzlich Stille. Er fragt sich bis heute, ob er nicht hätte helfen können, und weiß doch, dass es nicht ging.135 Tote gab es im Ahrtal in diesen Stunden. Weil zu spät gewarnt wurde und falsch? So sehen es viele Überlebende und Angehörige von Opfern bis hin zur Autorin. Auch die Gegensicht kommt zwar zu Wort – aber gefärbt von der starken Verbitterung Jägers. Wer es etwas sachlicher will, findet in der ARD-Mediathek ergänzend eine SWR-Doku mit dem Namen „Die Nacht, die blieb“. Auch dort erzählen allerdings die Befragten, „zumindest keine Warnung vernommen“ zu haben.Jägers Stärke besteht darin, den heftigen Gefühlen, die bis heute im Ahrtal vorherrschen, über ihre persönliche Geschichte und die der Nachbarn ihrer Eltern Ausdruck zu geben. Sie arbeitet mit vielen impressionistischen Mitteln, nachgestellten Zeitlupe-Szenen zum Beispiel, Benommenheit simulierenden Lichtschlieren, brodelndem Gewässersound und Musik. Ihre Gesprächspartner werden nicht einfach gefilmt, sondern im Porträtstil nachdenklich fotografiert.„Ich hätte keine Ruh, wenn ich das auf dem Gewissen hätte“Am Ende, hochemotional wie eigentlich alles in diesem filmischen Bewältigungsversuch, sind zu den Klängen des Posaunenchors von Bad Neuenahr viele Menschen zu sehen. Sie hängen bei einer Trauerfeier ihren ratlosen Gedanken nach, und die Stimme einer Seniorin sagt aus dem Off: „Ich hätte keine Ruh, wenn ich das auf dem Gewissen hätte.“Es erschließt sich von selbst, an wen solche Sätze und auch die abschließenden Worte der Erzählerin gerichtet sind: „Meine Fragen nach Verantwortung und Konsequenzen bleiben. Bis heute hat kein Gericht die Ereignisse öffentlich aufgearbeitet.“ Die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den Ahrweiler Landrat des Sommers der Flut, die 2024 eingestellt wurden, lässt Jäger nicht gelten.Der Einstellungsbescheid hielt ihr entgegen, dass ihr Vater die Warnung missachtet habe, die Wohnung nicht zu verlassen. Richtig daran sei, dass ein Feuerwehrwagen abends die Straße entlangfuhr und tönte: „Halten Sie sich möglichst nicht in Kellern, Tiefgaragen und tieferliegendem Gelände auf.“ Aber es hieß eben auch, sagt Jäger, dass man seine Autos in Sicherheit zu bringen habe: „Genau das tat mein Vater getan.“