Von einem Schaukelstuhl ist diese Frau weit entfernt, so unablässig in Bewegung ist Brita Clausnitzer. Und doch hat sie in den vergangenen Wochen reichlich Schaukelstuhlerlebnisse gesammelt – so nennt sie jene Glücksmomente mit ihren Gästen, ihren Freunden, an die sie in ihrem nächsten Lebensabschnitt zurückdenken möchte. Die letzten Partys, die letzten Stammtische im Bistro 111 an der Bockenheimer Warte, dann ihre eigene Abschiedsfeier. Dabei wurde ihr ein dickes Buch geschenkt, in dem sich an die hundert Gäste verewigt haben, einer Wirtin dankend, wie es wohl nicht viele in Frankfurt gibt.Das Bistro in der Bockenheimer Landstraße 111, etwas versteckt unter den Arkaden gegenüber der KfW-Bankengruppe, war nicht nur ein beliebter Treffpunkt für deren Mitarbeiter. Dort versammelten sich auch Nachbarn, Nachteulen und Stammtischrunden. Bei „Brita“ waren alle willkommen. Dauernörgelnden Stammkunden des früheren Pächters wies sie freundlich, aber bestimmt die Tür.Aus der DDR geflohen, in Frankfurt angekommenBrita ClausnitzerZeichnung Alfred SchüsslerDas Resolute hat sie ihrer Jugend in einer großen, aber von Brüchen geprägten Familie mit fünf Geschwistern zu verdanken. Aufgewachsen in der DDR, begann sie als Siebzehnjährige in der Gastronomie und heiratete bereits mit zwanzig. Sie wollte sich etwas aufbauen, auf eigenen Füßen stehen, und diese Hoffnung lag im Westen. Mit ihrem Mann, einem Koch, und dem gemeinsamen Sohn floh sie über Tschechien. Der Treppenwitz der Geschichte: Fünf Tage nachdem sie in Bayern angekommen waren, fiel die Mauer. Die Reise hätte müheloser sein können – aber so war die kleine Familie vor vielen anderen angekommen. Gute Bekannte in Frankfurt vermittelten den Eheleuten Logis und Arbeit in der Gastronomie. Drei Wochen nach der Ankunft verdienten beide schon ihren Lebensunterhalt.Für die fleißige Restaurantfachfrau galt: Hilfe nur annehmen, wenn sie absolut nötig ist. Das Begrüßungsgeld für DDR-Bürger, damals 100 D-Mark pro Person, ließ sie ihren verdutzten Mann zurück zur Bank tragen. Verdienen wollte sie ihr Geld, nicht geschenkt bekommen. Viele Jahre tat sie das im Dippegucker und im Römerbembel, was ihr in der Lokalpresse den Spitznamen „Speedy Rita, die schnellste Bedienung Frankfurts“ eintrug. Vor 25 Jahren machte sie sich mit ihrem Mann im Bistro 111 selbständig. Erst als genug angespart war, denn es sollte ohne Kredite gehen. Der Wunsch nach Unabhängigkeit kann eine starke Triebfeder sein.Das hieß nach ihrer Scheidung, dass sie zu allem anderen erst einmal kochen lernen musste, um das Lokal halten zu können. Hausmannskost mit einem Kopfnicken gen Osten, wie die Soljanka oder die altmärkische Hochzeitssuppe. Bestseller bei ihrem treuen Publikum, das neben ihrer Küche vor allem ihre Gastfreundschaft rühmt. Weil Clausnitzer ein seltenes Gespür für Menschen hat: Ob sie Ruhe oder ein Gespräch brauchen, eine fröhliche Aufmunterung oder eine klare Ansprache.Das Bistro 111, geöffnet ab Mittag, hat sie viele Jahre allein geführt. Heißt: einkaufen, kochen, bedienen an 32 Plätzen drinnen, 32 draußen, abrechnen und dann noch putzen bis spät in der Nacht. So was übersteht nur, wer seine Arbeit und die Menschen liebt, die einem dabei begegnen. 60 Liegestützen am Morgen und 30.000 Schritte am Tag haben sie fit gehalten, ihre Offenheit und Toleranz jung. Ende Juli wird das Bistro ausgeräumt sein, im Herbst übernimmt ein neuer Pächter das Lokal. Er wird enorm große Fußstapfen füllen müssen, die Brita Clausnitzer hinterlassen hat.
Brita Clausnitzer: Abschied einer Frankfurter Wirtin
Eine Frau steht ihre Männer: Brita Clausnitzer ist Wirt, Buchhalter, Koch, Kellner und Putzkraft. Das gelingt nur, wenn man den Beruf und die Menschen liebt, die einem dabei begegnen.










