Bekannte frühere Brexit-Politikerin Ann Widdecombe ermordet – Verdächtiger freigelassenDie ehemalige Ministerin und Unterhausabgeordnete war am Donnerstag in ihrem Haus aufgefunden worden. Sie war 78 Jahre alt.11.07.2026, 10.48 Uhr3 LeseminutenAnn Widdecombe wechselte von den Konservativen zur Brexit-Party und später zu Reform UK.Kirsty Wigglesworth / APIn Grossbritannien sorgt die Ermordung einer prominenten ehemaligen Politikerin für Entsetzen. Ann Widdecombe war am Donnerstag in ihrem Haus in der Grafschaft Devon im Südwesten Englands aufgefunden worden. In ersten Meldungen deutete noch nichts auf einen aussergewöhnlichen Todesfall hin – Widdecombe war 78 Jahre alt. Wenige Stunden später teilte die Polizei aber mit, dass sie Opfer eines Tötungsdelikts geworden war.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Einsatzkräfte waren kurz vor Mittag zum Wohnsitz Widdecombes in einem Dorf auf dem Dartmoor gerufen worden. Ihre Leiche wies laut einer Medienmitteilung der Polizei schwere Verletzungen auf. Noch am Freitagabend gab die Polizei dann bekannt, einen Verdächtigen verhaftet zu haben. Es handle sich um einen 26-jährigen weissen Mann aus der Region. Dabei scheint es sich aber nicht um den Täter gehandelt zu haben. Am Samstagmorgen teilte die Polizei mit, dass der Mann entlassen worden sei und nicht mehr Gegenstand der Ermittlungen sei.Katholikin, Fernsehstar und ein «Ein-Frau-Kebab-Stand»Ann Widdecombe wurde als Mitglied der Konservativen 1987 erstmals ins Unterhaus gewählt. Unter John Major war sie Juniorministerin. Sie blieb bis 2010 im Parlament. 2019 wurde sie aus der Partei ausgeschlossen, weil sie für die Brexit-Party bei den Wahlen für das Europäische Parlament antrat und gewählt wurde. Mit dem Austritt Grossbritanniens aus der EU 2020 endete ihr Mandat. 2023 schloss sie sich der Rechtspartei Reform UK von Nigel Farage an.Widdecombe war laut BBC eine strenggläubige Katholikin. Sie lehnte Abtreibungen genau so ab wie die Gleichstellung von Homosexuellen. Weiter sprach sie sich für die Wiedereinführung der Todesstrafe aus.Ann Widdecombe 2019 bei einem Auftritt mit Nigel Farage.Leon Neal / GettyFarage sagte am Donnerstag in einer auf X veröffentlichten Videobotschaft, Widdecombe sei zweifellos die bekannteste britische Politikerin seit Margaret Thatcher gewesen.Die beiden früheren Premierministerinnen Theresa May und Liz Truss würden wohl widersprechen. Tatsache ist aber, dass Widdecombe nicht nur in der politischen Arena für Aufmerksamkeit sorgte. 2010 trat sie in der BBC-Show «Strictly Come Dancing» auf, bei der Prominente mit professionellen Tanzpartnern eine Routine einstudieren und sich nicht selten vor der Kamera lächerlich machen. 2018 war sie Gast in der Reality-TV-Sendung «Celebrity Big Brother».Widdecombe war eine geistreiche, aber auch scharfzüngige Politikerin. Sie scheute sich nicht, politische Gegner und mitunter auch Mitstreiter persönlich und direkt anzugreifen.Der frühere Tory-Chef Iain Duncan Smith beschrieb sie in einer Kolumne im «Telegraph» besonders plastisch: Widdecombe sei ein «Ein-Frau-Kebab-Stand» gewesen. Wer ihr auf die Nerven gegangen sei, sei «aufgespiesst und geröstet» worden. Sie wurde aber über die Parteigrenzen hinweg respektiert. Der Premierminister Keir Starmer bezeichnete sie in einer Stellungnahme als bedeutende Politikerin. Ihr Tod sei ein schwerer Verlust.Ungute Erinnerungen an zwei frühere MordeDie Tötung Widdecombes weckt in Grossbritannien Erinnerungen an zwei ähnliche Fälle. 2021 erstach ein islamistischer Extremist den konservativen Abgeordneten David Amess. 2016 war die Labour-Politikerin Jo Cox auf offener Strasse von einem Rechtsextremisten erschossen worden.In seiner auf X veröffentlichten Video-Botschaft sagte Farage, dass das Leben für Politiker mit der Ermordung Widdecombes noch gefährlicher geworden sei. Farage selbst war in der Vergangenheit in der Öffentlichkeit angegriffen worden. 2024 schüttete ihm eine Frau während einer Wahlkampfveranstaltung einen Milk-Shake ins Gesicht.Widdecombes Ermordung fällt in eine politisch besonders heikle Phase. Grossbritannien steht kurz davor, mit Andy Burnham einen neuen Premierminister zu erhalten. Er soll die Nachfolge von Keir Starmer antreten und die Macht von Labour sichern.Gleichzeitig hat Reform-Chef Farage vor wenigen Tagen seinen Rücktritt aus dem Unterhaus erklärt, weil er wegen eines angeblich undeklarierten Millionengeschenks und Immobiliengeschäften unter Druck geraten ist. Der Schritt ist allerdings nur ein taktisches Manöver, denn Farage will sofort wieder zur Nachwahl antreten und dazu einen öffentlichkeitswirksamen Wahlkampf führen. Dieser dürfte nun unter einem erheblich strengeren Sicherheitsdispositiv stattfinden.Noch am Freitagabend sprach die Polizei davon, dass es kein Anzeichen für ein terroristisches oder politisches Motiv für die Ermordung Widdecombes gebe. Mit der Entlassung des Tatverdächtigen am Samstagmorgen dürfte diese Klarheit über den Hintergrund der Tat allerdings wieder verschwunden sein.Passend zum Artikel