Verjüngungsspritze für den Knorpel – wie Forscher den Gelenkverschleiss heilen wollenWachsende Prothesen, Stammzellen, Abnehmspritzen – mit den unterschiedlichsten Ansätzen will die Medizin zukünftig Kunstgelenke überflüssig machen.Nicola von Lutterotti11.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenForschende arbeiten weltweit mit Hochdruck an neuen Strategien gegen die Arthrose.FBSIP / UIG / GettyRund jeder dritte Europäer erkrankt in seinem Leben an einem behandlungsbedürftigen Gelenkverschleiss. Erst werden die Bewegungen nur schmerzhaft, dann zunehmend auch eingeschränkt. Bis anhin hat die Medizin diesen Menschen wenig anzubieten – abgesehen von einem operativen Eingriff mit Austausch des Gelenks. Es gibt zwar viele Verfahren, die versprechen, das Fortschreiten der Krankheit zu bremsen. Ob ihre Wirkung über einen Placeboeffekt hinausgeht, ist allerdings mehrheitlich ungeklärt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Forschende arbeiten daher weltweit mit Hochdruck an neuen Strategien gegen die Arthrose, wie Fachleute das Leiden nennen. Ein besonders intensiv verfolgter Ansatz nimmt die Knorpelzellen ins Visier. Sie spielen bei der Entstehung der Krankheit eine Schlüsselrolle. Der Knorpel überzieht die Gelenkflächen und ermöglicht dadurch eine geschmeidige, reibungsarme Bewegung. Er wird bereits in den ersten Stadien der Krankheit zerstört. Das Ziel ist, die verbleibenden Knorpelzellen dazu zu bringen, sich zu vermehren.Ein Weg zu diesem Ziel könnte ein künstliches Protein sein, das aufgebaut ist wie der Wachstumsfaktor FGF‑18. Dieser Botenstoff kann Knorpelzellen zum Wachstum anregen. Die Kopie aus dem Labor würde aber länger wirken.Eine Spritze verdickt den KnorpelFür das Potenzial dieses Ansatzes sprechen die Ergebnisse einer Studie, an der 550 Personen mit Kniearthrose beteiligt waren. Mehrmalige Injektionen mit Sprifermin, so der Name des Arzneistoffs, führten bei den Versuchspersonen zu einer deutlichen Verdickung des ausgedünnten Knieknorpels – allerdings nur, wenn dieser noch nicht stark zerstört war. Auf die Gelenkfunktion und die Schmerzen hatte die Behandlung hingegen nur einen geringen Effekt – ein Manko, das die Chancen auf eine Zulassung durch die Arzneimittelbehörden erheblich schmälert.Besser positioniert ist diesbezüglich ein Arzneistoff, der an einem anderen Hebel ansetzt: Er soll den Untergang von Knorpel verhindern. Die Rede ist von einem Molekül namens Lorecivivint, das mehrere knorpelabbauende Enzyme hemmt und auch entzündungsbremsende Wirkung besitzen soll. Im Rahmen einer klinischen Studie gelang es hiermit, die Gelenkbeschwerden der Versuchspersonen – 276 Männer und Frauen mit moderater Kniearthrose – zu verringern und den Knorpelschwund etwas zu verlangsamen. Biosplice Therapeutics, der Hersteller von Lorecivivint, hat daher ein Zulassungsgesuch bei der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA eingereicht. Ob der Antrag durchkommt, ist derzeit noch offen.Auch Stammzellen stehen seit geraumer Zeit im Fokus der Arthroseforschung. Das gilt vor allem für sogenannte mesenchymale Stammzellen: Gewonnen aus Knochenmark, Fettgewebe, Nabelschnur oder Gelenkschleimhaut, besitzen sie die Fähigkeit, zu Knochen- und Bindegewebezellen heranzureifen – und eben auch zu Knorpel. Zudem sind sie in der Lage, regenerationsfördernde sowie entzündungshemmende Botenstoffe freizusetzen.Die hiermit erzielten Behandlungsergebnisse sind allerdings uneinheitlich: In einigen Studien konnten die Stammzellen die Arthrosebeschwerden stärker verringern als Placebo-Injektionen, in anderen hingegen nicht. «Unklar ist zudem, ob sie den Knorpelabbau verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern», räumt der Orthopäde und Arthroseforscher Henning Madry von der Universität des Saarlandes ein. In den Leitlinien würden sie daher bis jetzt nicht als Therapie für die Krankheit empfohlen.Der Schlüssel? Die Entzündung neutralisierenEinen anderen Weg verfolgen Arthroseforscher der Mayo Clinic: Sie gehen gegen die Gelenkzerstörung vor, indem sie die Entzündungen im Gelenk unterdrücken. Manche Entzündungszellen bilden aggressive Enzyme, diese spielen eine Schlüsselrolle bei der Zerstörung des Knorpels.Im Visier haben sie das Interleukin‑1 (IL‑1) – einen entzündungsfördernden Botenstoff, der sich bei Arthrose in der Gelenkinnenhaut anreichert. Um es langfristig zu hemmen, bringen sie die entzündete Gelenkinnenhaut mit gentechnischen Mitteln dazu, laufend geringe Mengen eines natürlichen Gegenspielers von Interleukin‑1 freizusetzen.Nach erfolgreichen Testläufen bei Tieren haben sie das Verfahren kürzlich erstmals bei einer kleinen Gruppe von Personen mit Kniearthrose angewandt – vorläufig nur, um seine Sicherheit zu testen. Wie sie in der Fachzeitung «Science Translational Medicine» berichtet haben, hat es die Prüfung bestanden. In Studien mit grösseren Teilnehmerzahlen wollen sie nun klären, ob die Patienten auch therapeutisch profitieren.Bei Mäusen erholt sich der KnorpelDaneben existieren noch unzählige weitere Ansätze mit dem Ziel, die Arthrose zu heilen. Die meisten befinden sich allerdings noch in frühen Entwicklungsstadien. Das gilt auch für ein vielbeachtetes Verfahren, das Forschende der Stanford University kürzlich in «Science» vorgestellt haben. Wie sie entdeckt haben, enthält arthrotischer Knorpel im Vergleich zu gesundem rund zehnmal so grosse Mengen eines Enzyms, das einen wichtigen gewebserneuernden Botenstoff – das Hormon Prostaglandin – abbaut und inaktiviert. Behandelten sie an Arthrose erkrankte Mäuse mit einem Wirkstoff, der dieses Enzym ausschaltet, erholte sich der degenerierte Knorpel überraschend gut und nahm an Dicke zu.Ähnlich reagierte im Labor auch menschlicher Knorpel. Künftige Studien werden zeigen, inwieweit sich aus dem Ansatz eine wirksame Therapie entwickeln lässt.Ob es ein aussichtsreicher Medikamentenkandidat bis in die Apotheken schafft, hängt indes nicht nur von seiner Heilkraft ab. «Eine wichtige Rolle spielen auch die regulatorischen Rahmenbedingungen», betont Madry, also die vielen Bedingungen, die Arzneimittelfirmen auf dem Weg zu einer Medikamentenzulassung erfüllen müssen.Um solche Hürden zu senken, gründete die US-Regierung im Jahr 2022 eine Innovationsbehörde und stattete sie mit einem grosszügigen Budget aus. Auftrag der Advanced Research Projects Agency for Health – kurz ARPA‑H – ist es, die Arthrose und andere drängende Gesundheitsprobleme rasch und unbürokratisch anzugehen.Gefördert werden potenziell bahnbrechende, aber hochriskante Ideen, die versprechen, innert kurzer Zeit messbare Ergebnisse zu liefern. Erweist sich eine Erfindung als erfolgversprechend, unterstützt die Behörde ihre Weiterentwicklung bis zur Marktreife. Ob der ambitionierte Plan aufgeht, lässt sich mangels konkreter Daten bis jetzt noch nicht beurteilen.Ein künstliches Gelenk, das im Körper wächstAm 6. April 2026 lieferte die ARPA‑H einen ersten Zwischenbericht: Laut diesem ist es mehreren Forschergruppen gelungen, arthrotisch veränderte Gelenke von Tieren in einen nahezu gesunden Zustand zurückzuführen.Ein Team an der Duke University in North Carolina nutzte hierzu injizierbare, über längere Zeit wirkende Kombinationstherapien aus mehreren Wirkstoffen, die gezielt Signalwege der Knochen- und Gelenkknorpel-Regeneration aktivieren. Forscher von der University of Colorado Boulder erreichten das Ziel mit zwei unterschiedlichen Ansätzen. Zum einen mit einem Partikel‑Trägersystem, das über mehrere Monate hinweg einen regenerativen Wirkstoff im Gelenk freisetzt. Zum anderen mit Biomaterialien, die sie in Knorpeldefekte einsetzten. Die Materialien härteten dort aus und lockten körpereigene Zellen an, die den Knorpel reparierten.Wissenschafter von der New Yorker Columbia University erhalten eine ARPA‑H-Förderung für eine mit dem 3‑D‑Drucker hergestellte biologische Knieprothese. Der Kniff: Diese bildet sich selbst zurück, sobald die darauf befindlichen Stammzellen neues Gewebe bilden, das das alte Gelenk ersetzt. Laut ARPA‑H befassen sich bereits mehrere Ausgründungen damit, diese Ansätze in klinisch einsetzbare Produkte überzuführen. Ob daraus tatsächlich alltagstaugliche Therapien entstehen, werden erst die kommenden Jahre zeigen.Hoffnungsträger: Abnehmspritzen gegen ArthroseSelbst die beste Therapie, sagen Experten, kann freilich wenig bewirken, wenn die gelenkschädigenden Einflüsse fortbestehen. «Fehlstellungen wie starke O‑Beine oder verletzungsbedingte Gelenkschäden sollten daher frühzeitig angegangen werden», sagt Henning Madry. Auch Dickleibigkeit begünstige die Entstehung einer Arthrose. Der Grund ist nicht nur die erhöhte mechanische Gelenkbelastung durch das Gewicht. Das Fettgewebe heizt über Botenstoffe die Entzündungen in den Gelenken zusätzlich an und fördert dadurch die Zerstörungen.«Wenn Allgemeinmassnahmen wie Diät und Bewegung nicht ausreichen, halte ich eine Behandlung mit GLP-1‑Analoga – die sogenannten Abnehmspritzen – für sehr sinnvoll», sagt der Orthopäde. Denn je mehr die Betroffenen abnähmen, desto mehr verringerten sich in der Regel auch die Arthrosebeschwerden.Es gibt zudem Hinweise, dass solche GLP-1‑Analoga, wenn man sie ins Gelenk spritzt, einer Arthrose auch direkt entgegenwirken. Bei Mäusen liess sich auf diese Weise der Gelenkabbau verlangsamen, die schwelenden Entzündungen in der Gelenkinnenhaut reduzieren und die Schmerzen lindern. Nun sollen die Wirksamkeit und die Sicherheit des Verfahrens bei Patientinnen und Patienten mit Kniearthrose getestet werden. Die Ergebnisse der Studie werden für 2027 erwartet. Dann wird sich zeigen, ob die tierexperimentellen Erkenntnisse auf den Menschen übertragbar sind.Passend zum Artikel
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