Beim Saisonfinale zweier Amateurvereine geraten Spieler aneinander. Daraus wird in den Medien bald eine Massenschlägerei samt Polizeieinsatz und blutüberströmtem SpielerVon einer Auseinandersetzung auf dem Fussballplatz, die so gar nie stattgefunden hat.11.07.2026, 05.06 Uhr4 LeseminutenBälle auf einem Fussballplatz: Plötzlich ist nicht mehr vom Aufstieg und dem sportlichen Erfolg die Rede.Annick Ramp / NZZEs hätte ein Tag zum Feiern werden sollen für den FC Oberwinterthur. Der Fussballklub schafft am letzten Spieltag am 21. Juni beim härtesten Verfolger den Aufstieg in die 2. Liga. Mit dabei ist auch der Sportchef Stefano Caló.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch der Jubel vergeht rasch. Wegen eines Handgemenges nach dem Schlusspfiff und eines medialen Sturms, der deswegen über den Zürcher Amateurverein und seinen Sportchef fegt. Plötzlich ist nicht mehr vom Aufstieg und dem sportlichen Erfolg die Rede, sondern von einer Massenschlägerei, einem «blutüberströmten Spieler» und einem Polizeieinsatz. Dazu kommen aufgebrachte Sponsoren und wütende Vereinsmitglieder.Stefano Caló ist seit 45 Jahren beim FC Oberwinterthur. Er war schon als Junior dabei, später als Spieler, Trainer und seit zwei Jahren als Sportchef. Er sagt: «So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir sind in ein schlechtes Licht gerückt worden für etwas, das so gar nie passiert ist.»Ein Handgemenge nach einem nervenaufreibenden SpielDie Geschichte nimmt ihren Anfang am 21. Juni in Diessenhofen, einer kleinen 4000-Einwohner-Gemeinde im Kanton Thurgau. Rund 650 Zuschauer verfolgen auf dem Sportplatz Prakerwiesen das Duell der beiden Drittliga-Fussballklubs FC Diessenhofen und FC Oberwinterthur. Die Klubs haben für das Publikum des Saisonfinales Junioren und Mitglieder mobilisiert. Von einer eindrücklichen Kulisse mit lautstarken Fankurven berichtet die Lokalzeitung «Schaffhauser Nachrichten» später.Die Ausgangslage ist klar: Dem Tabellenführer Oberwinterthur reicht ein Unentschieden für den Aufstieg in die 2. Liga. Der Verfolger Diessenhofen braucht einen Sieg, um noch am Kontrahenten vorbeizuziehen.Und das Spiel wird tatsächlich zu einer Nervenprobe. Die Oberwinterthurer führen bis in die Nachspielzeit mit 3:2, doch dann gelingt dem Heimteam in der 91. Minute doch noch der Ausgleich. Ein weiteres Tor fällt nicht mehr.Schliesslich pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab. Gleich danach kommt es zu unschönen Szenen. Szenen, die dazu führen, dass der Fussballverband Region Zürich eine Untersuchung eröffnet.Nach dem Spiel kommt es auf dem Platz des FC Diessenhofen zu unschönen Szenen.Instagram/WintiblogVideoaufnahmen, die der NZZ vorliegen, zeigen, wie Spieler und Fans beider Klubs nach dem Schlusspfiff auf den Platz rennen. Auslöser ist offenbar eine verbale Auseinandersetzung zwischen dem Goalie der Winterthurer und Spielern des Heimteams. Sicher ist auch: Es kommt zu einem kurzen Handgemenge, an dem Spieler und Fans der beiden Klubs beteiligt sind. Der Schiedsrichter zeigt zwei Mal die rote Karte, jemand ruft die Polizei.Der Fussballverband Region Zürich wird später von einem unübersichtlichen Tumult mit Beteiligung von Zuschauern und Angehörigen beider Mannschaften sprechen. Dabei sei es auch zu einem Faustschlag ins Gesicht eines Spielers gekommen.Doch als die Einsatzkräfte eintreffen, ist der Spuk bereits vorbei. Bei der Kantonspolizei Thurgau heisst es auf Anfrage, an dem Sonntagmittag sei eine verbale und tätliche Auseinandersetzung auf dem Fussballfeld gemeldet worden. Als die Einsatzkräfte vor Ort eingetroffen seien, sei die Lage aber bereits wieder beruhigt gewesen. Es habe keine Verletzten gegeben, polizeiliche Massnahmen seien keine nötig gewesen.Gleiches ist auch von den Vereinen zu hören. Das Handgemenge habe bloss ein paar Minuten gedauert. Und da sind auch Aufnahmen, die kurze Zeit später entstehen. Auf diesen sind jubelnde Spieler des FC Oberwinterthur zu sehen, die ihren Aufstieg ausgelassen feiern. Und Mitglieder beider Klubs sitzen nach dem Match zusammen, um etwas zu trinken.Klubs sehen sich zu Stellungnahmen genötigtDoch für einige Medien scheint die Sache ganz anders gelaufen zu sein. Den Anfang nimmt das Ganze bei der Lokalzeitung «Schaffhauser Nachrichten». Dort ist von einer Massenschlägerei die Rede, an der sich vor allem auch Zuschauer des Gästeteams beteiligt hätten. Ein Spieler des Heimteams habe blutüberströmt behandelt werden müssen. Die Nachricht macht schnell die Runde. Der «Blick» titelt «Blut nach Platzsturm», und «20 Minuten»: «Aufgestiegen – dennoch verprügeln Drittligisten ihre Gegner».Ob es sich tatsächlich so abgespielt hat, scheint zu diesem Zeitpunkt bereits Nebensache. Für den Oberwinterthurer Sportchef Stefano Caló ist das skandalös: «Für die Wahrheit interessiert sich niemand. Hauptsache, die Schlagzeile stimmt.» Für ihn und den Präsidenten des Klubs werden es intensive Tage. Sie müssen erboste Sponsoren beruhigen, die mit dem Rückzug drohen, und Vereinsmitgliedern erklären, was aus ihrer Sicht passiert ist. Zudem verlangt der Fussballverband einen Bericht über die Vorkommnisse.Die beiden Vereine sehen sich schliesslich zu öffentlichen Stellungnahmen gezwungen. Der FC Oberwinterthur hält in seiner fest, die Behauptungen über blutüberströmte Spieler und ein Eingreifen der Polizei seien schlichtweg falsch. Man bedaure zutiefst, dass Medien die unschönen Szenen dazu genutzt hätten, «Klicks zu generieren und die Situation künstlich hochzupushen».In einer Stellungnahme spricht der FC Diessenhofen von unschönen Szenen nach Spielschluss, an denen auch Zuschauerinnen und Zuschauer beider Seiten beteiligt gewesen seien. Man bedaure diese Eskalation ausdrücklich. Emotionen gehörten zum Fussball, dürften aber niemals dazu führen, dass Grenzen überschritten würden.Fussballverband lobt Verhalten der meisten BeteiligtenGegen die Darstellung, es sei ein Spieler blutüberströmt auf dem Boden gelegen, wehren sich beide Vereine. Und der Fussballverband hält schliesslich in seinem Entscheid fest, auch von einer Massenschlägerei könne nicht gesprochen werden. Die grosse Mehrheit der involvierten Personen habe deeskalierend auf die Situation eingewirkt, weshalb sich die Lage rasch wieder beruhigt habe. Die Funktionäre und die meisten Spieler hätten sich vorbildlich verhalten, so dass die Situation nicht weiter eskaliert sei.Das Verdikt des Verbands: Beide Klubs werden mit einem Abzug von drei Punkten und einer Busse bestraft, die fehlbaren Spieler erhalten Spielsperren. Am Aufstieg der Oberwinterthurer ändert sich deshalb nichts. So endet die Geschichte wenigstens halbwegs versöhnlich.Und die Medien? Die «Schaffhauser Nachrichten» publizieren ein Korrigendum, und der «Blick» publiziert eine Nachfolgegeschichte, in der die beiden Präsidenten erklären können, dass alles gar nicht so schlimm gewesen sei wie dargestellt.Passend zum Artikel