Um 12.42 Uhr Ortszeit in Los Angeles trat ein Ereignis ein, von dem als sicher galt, dass es niemals eintreten würde bei dieser WM. Nein, kein Verzicht auf die Hydration Break, kein kluger Satz von US-Fußballclown Alexi Lalas und auch keine Mitteilung der Fifa, dass nicht alles supertoll läuft bei diesem Turnier. Sondern: ein Gegentor für Spanien! Im sechsten Spiel, nach insgesamt mehr als 500 Minuten bei diesem Turnier und nach 649 Minuten ohne WM-Gegentor, die noch in Katar begannen: neuer Rekord. Was für eine Überraschung, aus spanischer Sicht gar ein Skandal, dass sich da überhaupt wer traut, einen Ball im spanischen Tor abzulegen. Wie würden sie reagieren, wenn sie zum ersten Mal geprüft, getroffen, verwundet sind?Die Antwort: Spanien hat die Prüfung des ersten Gegentores gegen Belgien bestanden. Und zwar erneut wegen eines Ereignisses, von dem als sicher galt, dass man es kaum erleben würde: ein Tor von Spanien, nicht zauberhaft herausgespielt, sondern eher geschenkt. Belgiens Torhüter-Legende Thibaut Courtois musste verletzt vom Feld, Vertreter Senne Lammens wurde zur tragischen Figur: Ein Schuss von Pau Cubarsi glitt ihm in der 88. Spielminute aus den Händen, direkt nach vorn, vor die Füße des eingewechselten Mikel Merino. 2:1. Endstand.Belgiens Stürmer Lukaku:Abrissbirne und StreitschlichterWenn es bei Belgien kritisch wird, kommt Romelu Lukaku: Mal erzwingt der Mittelstürmer wichtige Tore, mal befriedet er die Konflikte seiner Mitspieler. Über einen Koloss, den das Publikum liebt.Es war der nächste Streich des spanischen Superjokers, der gerade erst seit zwei Minuten auf dem Platz stand. Auch im Achtelfinale gegen Portugal hatte Merino spät in der ersten Minute der Nachspielzeit zum 1:0 getroffen. Von seinem Kopfball gegen Deutschland zum 2:1 im EM-Viertelfinale 2024 ganz zu schweigen.Es war häufig von „Tests“ die Rede gewesen vor diesen Viertelfinals. Zum Beispiel: Die US-Elf sei vor dem Achtelfinale gegen Belgien nie wirklich getestet worden und habe ihren ersten Test gegen Belgien krachend mit 1:4 vergeigt. Belgien dagegen war abgehärtet durch die Gruppenphase mit Unentschieden gegen Ägypten und Iran sowie dem Comeback-Sieg im ersten K.-o.-Spiel gegen Senegal nach 0:2-Rückstand. Ein Ergebnis und ein Erlebnis, das emotionaler Katalysator für ein solches Turnier sein kann. Und dann kam auch noch die Partie gegen die USA mit all den Begleitumständen um den Fall Balogun.Im Halbfinale wartet nun Frankreich – das wird eine Nummer schwerer„Warum nicht wir?“, hätte nun das Motto Belgiens sein können. Sie starteten mit der Mittelfeldzentrale aus Nicolas Raskin und Hans Vanaken; Youri Tielemans, einer ihrer Besten, hatte sich beim Warmmachen verletzt. Kevin De Bruyne und Jeremy Doku rückten dafür im Vergleich zum Achtelfinale wieder in die Startelf. Das sollte doch reichen, um Spanien in die Nähe des ersten Gegentreffers zu bringen, zumal vorn Charles De Ketelaere und später Kurzzeit-Brecher Romelu Lukaku stehen würden.Nach fünf Spielminuten erlebte Belgiens Außenverteidiger Maxim De Cuyper zum ersten Mal, worauf er sich würde einstellen müssen: Er hatte den Ball sorgsam geklärt und wollte kurz durchschnaufen – da dribbelte Lamine Yamal in Höchsttempo schon wieder auf ihn zu. Mit drei schnellen Pässen hatte Spanien den Ball auf eine 70-Meter-Reise geschickt, mit dem bekannten Ziel: das 18-jährige Wunderkind auf dem rechten Flügel freispielen. Yamal dribbelte los – und erlebte seinerseits, was ihn die komplette Spieldauer über erwarten würde: Doppel- und Dreifach-Attacken belgischer Defensivspieler. Er verlor den Ball und beobachtete schlecht gelaunt einen Slalomlauf und einen Steilpass von Doku – auch der Gegner kann also 70 Meter in sehr kurzer Zeit überbrücken.Damit war der Ton gesetzt für dieses Viertelfinale: Spanien passte sich gegen die stabilen Belgier zu einigen Gelegenheiten, bei 50 Hereingaben müsste doch bitteschön ein Treffer gelingen! Belgien wusste freilich, dass Ball-und-Gegner-Jagen selbst im Gesicht von Yamal Zornesfalten erzeugen würde. Sie hofften, dass die Falten mit jeder nicht genutzten Chance tiefer würden.Der erste Treffer für Spanien fiel dann nach einer Kombination und Hereingabe von außen. Belgiens Schlussmann Courtois konnte den Schuss von Dani Olmo gerade noch parieren, Fabian staubte ab. Der Ausgleich – und damit der erste spanische Gegentreffer bei der WM – fiel nach einem präzisen Konter, einer weichen Flanke und einem Kopfball von De Ketelaere. Die Testfrage an Spanien lautete nun: Könnt ihr mit einem Gegentor umgehen? Die Antwort um 13.59 Uhr Ortszeit, als Referee Michael Oliver die Partie abpfiff: Ja! Der nächste Test wird dann am Dienstag noch eine Nummer schwieriger: Im Halbfinale wartet Frankreich.