Da sind seine Füße. Riesengroß, Schuhgröße 47. Selten für einen Mann, der mit 1,80 Meter nur von durchschnittlichem Wuchs ist. Diese Füße fallen auf. Optisch und wenn sie in Aktion sind, weil sie den Ball so zart streicheln können, wie es einst nur Zlatan Ibrahimović konnte, der mit ähnlich großen Füßen ausgestattet war. Ibrahimović ist immer noch der Lautsprecher von einst, einer, der jetzt als Fernsehmoderator die Show liebt und sich bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund rückt. Mikel Oyarzabal ist das nicht.Es entspricht nicht seinem Naturell, im Mittelpunkt zu stehen. Leute, die ihn kennen, sagen sogar, er könne das überhaupt nicht leiden. Aber was soll er machen? Schließlich ist Fußball-Weltmeisterschaft, und wenn man so spielt wie er, gerät man zwangsläufig in den Fokus der Öffentlichkeit.Abgesehen von Lamine Yamal hat Spaniens Trainer Luis de la Fuente über keinen Spieler in den vergangenen Wochen öfter gesprochen als über seinen 29 Jahre alten Mittelstürmer Mikel Oyarzabal. Ständig fragen ihn die Reporter, und wenn de la Fuente antwortet, klingt das häufig so: „Er ist ein außergewöhnlicher Fußballer, aber eine ganz normale Person. Zugänglich, zugewandt, höflich. Seine Größe besteht darin, dass er ganz normal ist. Es ist eine Ehre, ihn trainieren zu dürfen.“ Oder: „Unter den Großen ist er ein ganz Großer.“Vor dem Viertelfinale gegen Belgien an diesem Freitag (21.00 MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu Fußball-WM, im ZDF und bei Magenta TV) berechtigen die Zahlen zu solch überschwänglichem Lob. Bei der WM hat Oyarzabal vier der bisher neun spanischen Tore geschossen, also fast die Hälfte. In den vergangenen 16 Länderspielen kam er auf 15 Treffer, in der ewigen Torjägerliste der spanischen Nationalmannschaft liegt er schon auf Platz sechs. Trotzdem heißt es oft noch „Oryaza… – wer?“Kleine Quizfrage: Wer schoss Spaniens Siegtor im Finale der Europameisterschaft gegen England? Die Antwort „Oyarzabal“ würde in einschlägigen Fernsehshows sicher eine größere Geldsumme garantieren, wegen der hohen Schwierigkeitsstufe.Sein Privatleben hält er geheimNein, ein bekanntes Gesicht ist der Mann mit dem typisch baskischen Namen, geboren in Eibar, nicht. Keiner wie Yamal oder Pedri, die umschwärmten Jungstars der Spanier. Auch keiner wie der beeindruckende Rodri mit seiner Präsenz oder der blondierte Raumwandler Dani Olmo.Oyarzabal ist ein Mann der zweiten oder gar dritten Reihe, wenn es um die öffentliche Wahrnehmung geht. Das ist zum Teil bewusst gewählt. Sein Privatleben hält er geheim, nur ganz selten gibt er Interviews oder zeigt sich mit Frau und Kind. Zwischen den großen Turnieren, wenn nicht gerade EM oder WM ist, wird es regelmäßig ruhig um ihn.Was daran liegt, dass Oyarzabal bei keinem der führenden Klubs spielt, denen das Rampenlicht gehört. Nicht Barcelona und nicht Madrid, auch nicht Manchester oder London. Oyarzabal spielt bei Real Sociedad San Sebastián, dort, wo sein Pass seit fünfzehn Jahren liegt. Als Vierzehnjähriger ist er zum Klub gekommen und ihm bis heute treu geblieben.Barças Interesse lässt ihn kaltNicht, dass es an Angeboten mangelte oder mangelt. Im Gegenteil. Gerade sucht der große FC Barcelona nach dem Abschied von Robert Lewandowski einen neuen Mittelstürmer. Die umschwärmtesten Kandidaten heißen Julián Álvarez und Oyarzabal. Angesprochen auf das Interesse Barças sagte Letzterer kürzlich: „Dass sich Barcelona für mich interessiert, heißt, dass ich die Dinge richtig mache. Aber ich bin dort, wo ich sein möchte. Bei dem Klub, der mir die Chance gab, Profi zu werden, und der mein Zuhause ist.“So viel Verbundenheit ist außergewöhnlich in der Geschäftswelt des Profifußballs, aber Oyarzabal ist eben auch ein außergewöhnlicher Typ mit einer außergewöhnlichen Torquote. Erst recht, wenn es um Endspiele geht. Sechsmal stand er bisher in einem Finale, immer schoss er mindestens ein Tor. Zuletzt im April, als er mit San Sebastián den spanischen Pokal gegen Atlético Madrid gewann. Wenn es darauf ankommt, ist er im Stile eines Mittelstürmers da.Dabei ist Oyarzabal alles andere als ein Torjäger klassischer Prägung. Ins Sturmzentrum ist er erst im Laufe der Jahre gerückt, auch in Ermangelung von Alternativen. Nach dem Ende der Ära Fernando Torres / David Villa suchte Spanien lange vergeblich nach treffsicheren Nachfolgern. Oyarzabal rückte vom Flügel in die Mitte und blieb.Blindes Verständnis mit YamalDort verkörpert er den in Spanien so geschätzten Typus der falschen Neun. Also einen Mittelstürmer, der nicht ausschließlich im Angriffszentrum verharrt und auf die Bälle wartet. Oyarzabal weiß sich zu bewegen, er erkennt Lücken und entzieht sich immer wieder geschickt der Bewachung durch seine Gegner.Vor allem Spaniens Mittelfeldspieler schätzen Oyarzabals Kombinationssicherheit, mit Yamal verbindet ihn ein blindes Verständnis. So zu sehen vor dem ersten WM-Tor von Yamal gegen Saudi-Arabien, als Oyarzabal nach dem Lauf über die linke Seite nur einmal ganz kurz den Kopf hob, um sich zu vergewissern, wo Yamal steht. Dann spielte er ihm den Ball präzise vor das Tor. Danach revanchierte sich Yamal, Oyarzabal traf zweimal.All seine Zahlen und Fähigkeiten bewahren ihn trotzdem nicht davor, immer wieder angezweifelt zu werden. Besonders arg fiel die Kritik nach dem misslungenen Auftakt gegen Kap Verde aus, als er für ein Novum sorgte. In der ersten halben Stunde berührte er keinen Ball. Das hatte es seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1966 noch nie gegeben.Mangelnde Wertschätzung soll ihn aber nicht beeinträchtigen. „Darum kümmere ich mich wenig. Ich fühle mich von denen geschätzt, die mir wichtig sind. Von meiner Familie, dem Trainerteam, meinen Mitspielern, dem Klub“, sagt er. Sein unaufgeregtes Gemüt dient ihm als Abwehrschild gegen die Aufgeregtheit des Profisports. Und natürlich der Zuspruch, den er intern erfährt.Nach seinen zwei Toren gegen Saudi-Arabien wurde Spaniens Trainer gefragt, ob es sich bei Oyarzabal um den unterschätztesten Spieler des Weltfußballs handelt. De la Fuente runzelte die Stirn, dann antwortete er in der ihm höflichen Art: „Diejenigen, die sich im Fußball auskennen, unterschätzen ihn nicht.“ Was sich de la Fuente gewiss sein kann: Der Kreis der vermeintlichen Fachleute wird mit jedem Auftritt von Oyarzabal größer.