Drei kleine Mädchen in Präriekleidern tollen eine Blumenwiese hinab, Ma und Pa lächeln vom Kutschbock des Planwagens in die Kamera, und der Himmel ist strahlend blau: So beginnen mehr als zweihundert Episoden von „Unsere kleine Farm“, der zwischen 1974 und 1983 gedrehten Dramaserie rund um das Leben der amerikanischen Pionierfamilie Ingalls.Produziert von dem über seine frühere „Bonanza“-Westernserienrolle als Little Joe hinausgewachsenen Charismatiker Michael Landon, der die Rolle des Vaters Charles Ingalls übernahm, erlangte sie eine solche Popularität, dass der Sender NBC die Serie in über hundert Länder verkaufen konnte. Bis heute laufen Wiederholungen bei Privatsendern und tauschen sich Nostalgiker in Kommentarspalten unter Youtube-Uploads aus. Die altbekannte, an die autobiographischen Romane von Laura Ingalls Wilder angelehnte TV-Version von „Little House on the Prairie“, so der Titel im Original, ist Teil des kollektiven Gedächtnisses von Generationen.Hinein in den KulturkampfEntsprechend gewagt ist es von Netflix, ein Remake herauszubringen – nicht nur wegen der verklärten Erinnerungen an Fernsehnachmittage in Zeiten, als Kinder noch nicht von Eltern per Smartphone getrackt wurden und auf dem Bildschirm karikaturhafte Figuren wie die verzogene Kaufmannstochter Nellie Oleson als „running gag“ und pädagogisches Negativbeispiel zugleich in den Matsch geschubst werden durften.Familie Ingalls in der vorigen „Little House on the Prairie“-Serie: Michael Landon, Melissa Sue Anderson, Melissa Gilbert, Lindsay oder Sidney Greenbush, Karen Grassle (im Uhrzeigersinn)Picture Alliance„Unsere kleine Farm“ kommt als Neuauflage im 250. Jahr der USA aus einem tief gespaltenen Land unter einem MAGA-Präsidenten, dessen Regierung mit rindfleischreicher Cowboy-Kost Amerika „wieder gesund“ machen will, die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sklaverei, der Rassentrennung oder des Genozids an den Ureinwohnern für unpatriotisch hält und jede Regel des von den Ingalls-Figuren so hoch gehaltenen Anstands bricht.Während der Pandemie sind zudem Internet-Subkulturen wie die der „Tradwife“-Influencerinnen aufgeblüht, die als Ehefrauen vor der Kamera Rollenbilder der Fünfzigerjahre inszenieren, sich aber auch gern in „Cottagecore“-Ästhetik wie aus dem Jahrhundert davor zeigen. Und „Unsere kleine Farm“ gehörte zu den Lockdown-Favoriten.Die neue Familie Ingalls riskierte, auf ihrem Zug nach Westen nicht etwa im Indianerland, sondern in einem Kulturkampf zu landen. Schon vorab warnte die konservative amerikanische Fernsehjournalistin Megyn Kelly den Streamingdienst davor, „Little House on the Prairie“ einer „woken“ Bearbeitung zu unterziehen.Dabei war schon die alte Serie progressiver, als sie es wohl noch vor Augen hat, und propagierte Respekt vor Schwarzen, Indigenen und überhaupt jeglichen Menschen, auf die andere glauben herabblicken zu können. Zugleich war sie ein Schreckenskabinett der Gefahren, die teils mit Genreanleihen beim Horrorfilm inszeniert wurden: Da wollten Wildhunde Kinder zerfleischen, wird eine Teenagerin bei einer Vergewaltigung schwanger oder verliert die erblindete Ingalls-Tochter Mary ihren Sohn bei einem Brand. Am Schluss muss das ganze Western-Dorf in die Luft fliegen. Heute würde eine solche „Familienserie“ mit Trigger-Warnungen versehen.Ein Arzt für alle Fälle: Dr. Tann (Jocko Sims) hilft dem von der Reise mitgenommenen Ehepaar Ingalls (Crosby Fitzgerald, Luke Bracey).Eric Zachanowich/NetflixNun reitet also die nächste Ingalls-Familie los, aus den Wäldern Wisconsins fürs Erste in die Weiten der Prärie von Kansas, wie es im Buche steht, um auf vermeintlich Siedlern offenstehendem Land bei Independence ein neues Leben zu beginnen. Eröffnende Erzählerin ist wieder die von ihrem Vater Dreikäsehoch („Half-Pint“) gerufene Jüngste, Laura, hervorragend besetzt mit Alice Halsey. Laura erlegt Wildkaninchen so routiniert mit der Steinschleuder, als wäre sie ein Junge, und begegnet allem und jedem mit einem breiten Grinsen. Ihre Schwester Mary (Skywalker Hughes) hat schon romantischere Vorstellungen und tauscht Briefe mit dem Hilfsjungen aus dem General Store. Einfühlsam dargestellt werden die Mikrokonflikte der Geschwister über die Schwelle zwischen Kindheit und Jugend hinweg.Nach dieser Flussüberquerung kann einem schlecht werdenLuke Bracey kann sich in seiner Bildschirmpräsenz nicht mit seinem Vorgänger Landon in der Rolle des Familienvaters messen, doch das hat seine guten Seiten. Er gibt einen Jedermann, der an den Anforderungen des Westens wächst. Charles Ingalls findet eine interessantere Partnerin als bisher mit Crosby Fitzgerald als Caroline: Wie sie Schritt für Schritt die Zweifel am Aufbruch ins Unbekannte überwindet und dabei zur treibenden Kraft wird, bringt neue Dynamik in die Paarbeziehung – und scheut vor Realismus nicht zurück. Nach dem Beinahe-Desaster bei der Überquerung eines Flusses muss sich Caroline erst einmal übergeben. Märchenhaft bis zum Kitsch wird es trotzdem immer wieder. Wie durch ein Wunder erscheint sogleich ein Arzt, und immerzu singen die Ingalls-Ladys zu Charles’ Fiedel die Country-Idylle herbei. Sind die Lagerfeuerkonzerte beendet, sagt die leider arg nach Promosounds für ein Wellnessresort klingende Filmmusik (Dan Romer) den Zuschauern stets genau, was sie zu fühlen haben.Betrachten die Familie Ingalls aus der Distanz: Mitchell und seine Tochter (Meegwun Fairbrother, Wren Zhawenim Gotts)Eric Zachanowich/NetflixDoch die Serie erschöpft sich nicht in einseitiger Gefühlsduselei. Eine dreiköpfige Osage-Familie steht stellvertretend für das gesamte Volk, in dessen Land die Siedler eindringen: Während der indigene Vater Mitchell (Meegwun Fairbrother) auf Kooperation hofft, bleibt die Mutter (Alyssa Wapanatâhk) ablehnend – und teilt die Tochter (Wren Zhawenim Gotts) Lauras Liebe zu Katzenbabys. Für die wiederum sorgt der bärbeißige Mr. Mitchell, so einnehmend gespielt von Warren Christie, dass er neben Laura der neue Sympathieträger werden dürfte.Die Osage der Serie ordnen die individuellen Hoffnungen der Weißen auf ein besseres Leben in das große Ganze ein: Leute wie die Ingalls bauen ihr Glück, das wird auch Charles irgendwann klar, auf dem Unglück anderer. Der amerikanische Traum wird für diejenigen, die moralisch wach bleiben, von Schuldgefühlen begleitet – die man aber bequemerweise in „Unsere kleine Farm“ zu einem guten Teil bei der Eisenbahngesellschaft abladen kann.Und so ist es nicht nur die bekannte Saga vom Angewiesensein auf gegenseitige Hilfe, von Pioniergeist und Anstand, die Netflix in prachtvollerer Ausstattung und mit eindrucksvolleren Landschaftsaufnahmen bietet. Statt soapiger Siebzigerjahre-Überdrehtheit setzt Melancholie den Grundton der Serie. Das beginnt damit, dass Familientragödien und Folgen des Bürgerkriegs Charles und Caroline zum Aufbruch bewegten. In Fieber- oder Tagträumen verfolgt sie, was sie nur räumlich hinter sich gelassen haben. Familie Ingalls ist traumatisiert. Mitchell zieht aus Trauer blank oder säuft. Alle lernen aus Fehlern.Endlich auf sicherem TerrainTraditionell heroisch wirkt das nicht, was ein konservatives Publikum ebenso wenig zufriedenstellen dürfte wie Reformer, die mehr als eine Frauenfigur in einer Hosenrolle sehen wollen. Die von Rebecca Sonnenshine adaptierte und produzierte Version bleibt auf sicherem Terrain. Wagnisse wie die Western-Mythen-Dekonstruktion „Brokeback Mountain“ oder die metafiktional-feministische jüngste „Little Women“-Verfilmung geht sie nicht ein. Kostüme und Haare bleiben fast immer adrett. Aber „Unsere kleine Farm“ steht dann doch sanft lächelnd wie Caroline Ingalls für Überzeugungen: dass Gewalt nichts zum Guten wendet und Rassismus, wie ihn die schwarze Ladenbesitzerin Emily Henderson (Barrett Doss) erlebt, ein Gift der Gesellschaft ist.„Unsere kleine Farm“ war auf allen Ebenen immer schon eine rückwärtsgewandte Projektion, die Ansprüchen der jeweiligen Gegenwart gerecht werden sollte. Laura Ingalls Wilder veröffentlichte ihre fiktionalisierten und dabei arg beschönigten Lebenserinnerungen an die Pionierzeit während der Großen Depression in den Dreißigerjahren, als Menschen nach aufbauender Lektüre lechzten. Michael Landons Fernsehserie bot familiären Zusammenhalt in Zeiten der Ölkrise. Rebecca Sonnenshine inszeniert nun, wie einander zu Feinden gewordene Amerikaner nach dem Bürgerkrieg an einer Gemeinschaft bauen, in der jeder und jede sich frei entfalten kann.„Du bist zu optimistisch und naiv“, beginnt Caroline Ingalls eine Liebeserklärung an ihren Mann, und sie fährt fort, er sei auch brillant und erfindungsreich, angetrieben von Liebe, Hoffnung und Entdeckerfreude. Das Leben mit ihm sei voller Unsicherheit, aber auch voller Möglichkeiten. So will Amerika sich selbst sehen.Unsere kleine Farm läuft bei Netflix.