Atomkraft oder Solarstrom: Wer braucht mehr Subventionen?Neue AKW sollen weniger auf staatliche Förderung angewiesen sein als Solaranlagen auf Dächern. Zu diesem Schluss kommt Economiesuisse. Doch die Rechnung stösst auf heftigen Widerspruch.10.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSolaranlagen auf Dächern werden gemäss Economiesuisse am stärksten subventioniert – Vertreter der Solarbranche sehen das anders.Thomas Delley / KeystoneNoch ist offen, wann das Volk über die Aufhebung des AKW-Neubauverbots abstimmt. Der Abstimmungskampf aber ist bereits angelaufen. Gestritten wird vorab über Zahlen – oder genauer: darüber, welche Technologie stärker vom Staat subventioniert werden muss: die Kernkraft oder erneuerbare Energien wie Sonne und Wind.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der energiepolitischen Debatte ist diese Frage von entscheidender Bedeutung. Die Steuerzahler erwarten schliesslich, dass aus jedem eingesetzten Steuerfranken möglichst viel sauberer und günstiger Strom resultiert. Muss eine Technologie nur wenig gefördert werden, spricht das für ihre Wirtschaftlichkeit.Doch welche Technologie muss nun mehr mit öffentlichen Geldern gestützt werden – die Kernkraft oder die Photovoltaik?Dachsolar wird stark subventioniertDer Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hat in diesen Tagen eine Analyse vorgelegt, die zu dem Schluss kommt, dass neue Kernkraftwerke etwas besser abschneiden als Dachsolaranlagen. Letztere sind laut dem Verband die am stärksten subventionierte Technologie. Die finanziellen Zuwendungen fallen je nach Kanton und Gemeinde jedoch sehr unterschiedlich aus: In Bern fördert der Staat jede Kilowattstunde Solarstrom mit 5,6 Rappen, in Basel mit 6,3 Rappen, in Zürich mit 7,5 Rappen. Berücksichtigt wurden bei der Analyse die auf Bundesebene ausgerichteten Subventionen, die Minimalvergütung sowie einige weitere Instrumente, so etwa auch steuerliche Vorteile, welche die effektiven Investitionskosten senken.Bei der Windenergie beträgt die Förderung lediglich 3 Rappen. Noch weniger subventioniert wird laut dem Economiesuisse-Papier die Wasserkraft: Beim Gornerli-Stausee, der oberhalb von Zermatt geplant ist, sind es 0,7 Rappen, beim Wasserkraftwerk Trift im Berner Oberland 2,3 Rappen. Bei der Wasser- und der Windkraft wurden dabei die Investitionsbeiträge herangezogen, die der Bund maximal ausrichtet.In der Analyse wird der Förderbedarf neuer Kernkraftwerke auf rund 5 Rappen veranschlagt. Economiesuisse beruft sich dabei auf zwei Grundlagenstudien von der ETH Zürich und von Axpo. Beide zeigen, dass staatliche Unterstützung bei neuen AKW auf zwei Ebenen nötig wäre: Erstens müsste der Staat einen Teil der Baukosten finanzieren, damit die Anlagen wirtschaftlich sind. Diese werden in aktuellen Studien auf rund 8 bis 12,5 Milliarden Franken pro Reaktor geschätzt.Zweitens muss er staatliche Risikogarantien leisten, deren Wert sich nur schwer beziffern lässt. Kommen sie nicht zum Tragen, ist ihr Wert null. Laufen die Kosten aber aus dem Ruder, verzögert sich der Bau oder scheitert das Projekt, können die Garantien für den Staat zu einer erheblichen finanziellen Belastung werden.Weil auch andere zentrale Annahmen unsicher sind, ist der Förderbedarf neuer Kernkraftwerke generell schwer abschätzbar: Je nach Kostenentwicklung, Bauzeit und Finanzierung könnte er ebenso gut doppelt so hoch oder nur halb so hoch ausfallen. Die ETH Zürich verzichtete deshalb in ihrer jüngsten Studie darauf, die staatliche Unterstützung für neue Kernkraftwerke in Franken und Rappen auszuweisen.Nicht ins Gewicht fällt laut Economiesuisse der Versicherungsschutz im Falle eines Unfalls. Da neue Kernkraftwerke hohe Sicherheitsstandards erfüllten, sei dieses Risiko vernachlässigbar, erklärt Alexander Keberle, Leiter Standortpolitik beim Verband.Was Vergleiche über den Förderbedarf einzelner Erzeugungsarten generell schwierig macht: Das Schweizer Fördersystem ist hochkomplex, intransparent und je nach Technologie, Projekt und föderaler Ebene völlig unterschiedlich ausgestaltet. So gibt es bei Solaranlagen allein auf Bundesebene Dutzende Tarife und Boni; hinzu kommen kantonale und kommunale Beiträge. Auch bei der Wasser- und Windkraft bestehen mehrere Modelle nebeneinander. Der Förderbedarf lässt sich deshalb kaum auf den Rappen genau beziffern und macht jede Abschätzung angreifbar – so auch jene der Economiesuisse.AKW-Gegner: kein fairer VergleichGegner neuer Kernkraftwerke führen denn auch eine ganze Liste von Kritikpunkten an der Analyse auf. «Für einen fairen Vergleich müsste man Gleiches mit Gleichem messen und realistische statt extreme Fälle heranziehen», sagt Jürg Grossen, GLP-Chef und Präsident von Swissolar. So werde bei der Photovoltaik ausgerechnet die kleinste und teuerste Anlagekategorie als Referenz genommen, obwohl diese nur rund 30 Prozent des Zubaus ausmache. Auch bei den kommunalen Förderungen arbeite Economiesuisse mit Extrembeispielen: Basel, Bern und Zürich gehörten zu den grosszügigsten Städten und seien nicht repräsentativ für den Schweizer Durchschnitt.Grossen kritisiert zudem, dass bei den Lebensdauern mit zweierlei Mass gemessen werde. Kernkraftwerke und Wasserkraft würden über 60 bis 80 Jahre gerechnet, aber nur mit den Anfangsinvestitionen; Photovoltaik und Wind hingegen nur über 25 Jahre, ohne weiter sinkende Modulpreise einzubeziehen.Besonders problematisch sei der Vergleich mit neuen AKW. Deren Förderbedarf werde mit einer enormen Bandbreite von 1,6 bis 9,1 Rappen pro Kilowattstunde angegeben. «Das ist reine Theorie», sagt Grossen, zumal in der Schweiz seit Jahrzehnten kein neues Kernkraftwerk gebaut worden sei. Bei der Photovoltaik gehe es dagegen um real bezahlte Förderungen. Für Grossen ist der Bericht eher ein politisches Argument für die Förderung neuer AKW als eine nüchterne Kostenanalyse.Unter dem Strich liefert der Streit über die Zahlen einen Vorgeschmack auf den kommenden Abstimmungskampf. Es zeigt sich: Die Frage nach der richtigen Stromquelle ist längst zu einem Glaubenskrieg geworden.Passend zum Artikel