In Zürich Oerlikon prallten zwei Trams ineinander – der Fahrer missachtete den Rechtsvortritt des Kollegen. Jetzt ist klar, warumUnfallexperten empfehlen bessere automatische Bremssysteme. Doch auch diese haben ihre Tücken.10.07.2026, 05.00 Uhr3 LeseminutenDas Cobra-Tram war nach der Kollision schwer beschädigt.Andreas Becker / KeystoneAuch für Trams gilt Rechtsvortritt, sofern nichts anderes signalisiert ist. Doch genau diesen missachtete ein Trampilot der Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) am frühen Nachmittag des 15. September 2025. Mit seinem Cobra-Tram der Linie 14 fuhr er auf den Albert-Näf-Platz zu, der unweit des Bahnhofs Zürich Oerlikon liegt. Zur gleichen Zeit hatte sich ein Tram der Linie 11 dem Platz genähert. Dieses hätte Vortritt gehabt. Doch das Cobra-Tram fuhr ungebremst ins andere Fahrzeug.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dabei entgleisten beide Trams teilweise. Zudem zogen sich beide Fahrer schwere Verletzungen zu, ebenso erging es einem über 90-jährigen Passagier. Ein jüngerer Passagier erlitt zudem leichte Verletzungen.Wie in solchen Fällen üblich, leitete die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) Abklärungen ein. Dabei geht es nicht darum, die Schuldfrage zu klären, sondern vielmehr darum, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich ähnliche Unfälle in Zukunft verhindern liessen. Der Bericht der Sust liegt inzwischen vor.Der Fahrer kann sich an nichts mehr erinnernDie Experten haben sowohl Fahrdaten ausgewertet als auch Gespräche mit Tramfahrern und Passagieren geführt. So konnten sie den Unfallhergang rekonstruieren. Der Fahrer der Linie 11 konnte das von links herannahende Tram zunächst nicht sehen, weil die Sicht durch Häuser versperrt war. Auf der Kreuzung angelangt, habe er sich auf den Verkehr von rechts und das Einhalten des Tempolimits konzentriert. Der Fahrer des anderen Trams hatte bei der Haltestelle Bahnhof Ost gerade noch einer herbeieilenden Person die Vordertür geöffnet, bevor er seine Fahrt in Richtung Albert-Näf-Platz fortsetzte. Von da an fehlen dem Mann die Erinnerungen.Im Bericht ist die Rede von einer «medizinischen Beeinträchtigung», die beim Fahrer eingetreten sei. Welcher Art diese war, wird nicht näher geschildert. Aus den Videoaufzeichnungen im Inneren des Trams und Beobachtungen von Passagieren sei aber deutlich geworden, dass der Fahrer in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt gewesen sei. In der Folge konnte er nicht mehr rechtzeitig bremsen und knallte mit seinem Fahrzeug ins andere Tram.Ihm ist also kein Vorwurf zu machen. Wie bei seinem Alter vorgeschrieben – der Fahrer hat Jahrgang 1975 – hat er sich zudem alle drei Jahre einer medizinischen Tauglichkeitsuntersuchung unterzogen, letztmals nur gerade einen Monat vor dem Unfall. Dabei wurde nichts Auffälliges festgestellt.Die Experten der Sust erörtern im Bericht deshalb, ob ein technisches System den Unfall hätte verhindern können. So habe das Cobra-Tram über kein Sicherungssystem verfügt, bei dem die Aufmerksamkeit des Fahrers überwacht wird. Gesetzlich vorgeschrieben ist dies nicht. Die Sust empfiehlt dem Bundesamt für Verkehr nun aber zu prüfen, ob Trams zusätzlich zur heutigen Sicherheitssteuerung über ein System verfügen müssen, «das das Verhalten und die Aufmerksamkeit des Triebfahrzeugführenden überwacht und gegebenenfalls zur Auslösung einer Schnellbremsung führt».Passanten beobachten die Aufräumarbeiten nach dem Zusammenstoss von zwei Trams der Linien 11 und 14 in Oerlikon.Andreas Becker / Keystone«Systeme können die Gesetze der Physik nicht überlisten»Doch auch technische Systeme lösen nicht alle Probleme, das zeigen die Experten in ihrem Bericht gleich selbst auf: Bei vergleichbaren Unfällen hätten vorhandene Sicherheitssteuerungen nicht rechtzeitig reagiert, um den Unfall zu verhindern. Das zeigt auch ein Fall, der sich nur einen Monat später am Paradeplatz ereignet hat. Dort prallten zwei Flexity-Trams ineinander. Und dies, obwohl die modernen Fahrzeuge über einen Kollisionswarn- und Bremsassistenten verfügen.Unfälle liessen sich auch damit nicht vollständig verhindern, erklärte damals der VBZ-Direktor Martin Sturzenegger im Gespräch mit der NZZ. Denn auch diese Systeme könnten die Gesetze der Physik nicht überlisten: «Ein vollbesetztes Tram wiegt über 80 Tonnen, weshalb sein Bremsweg dreimal so lang ist wie bei einem Auto.»Zudem birgt eine Vollbremsung erhebliche Risiken für die Passagiere, weil es dabei häufig zu gefährlichen Stürzen im Tram kommt. Wie die Unfallstatistik der VBZ zeigt, sind sogenannte «Stopp- und Ruckunfälle» die häufigste Ursache für Verletzungen. Von insgesamt 687 Unfällen mit Körperverletzung im Jahr 2025 fallen 345 Ereignisse in diese Kategorie. Kollisionen hingegen betrafen 57 Fälle.Wie dem Sust-Bericht zu entnehmen ist, prüfen die VBZ gleichwohl, im Rahmen einer kommenden Revision die gesamte Flotte von Cobra-Trams mit einer Sicherheitssteuerung nachzurüsten.Passend zum Artikel