Frankreichs Individualisten sind für Marokko zu gut: Mbappé und Dembélé sichern den Einzug in den WM-HalbfinalZum dritten Mal in Serie steht Frankreich in einem Halbfinal der Fussball-WM. Marokko bestätigt trotz der Niederlage das hervorragende Ergebnis an der WM 2022.10.07.2026, 00.35 Uhr4 LeseminutenKylian Mbappé feiert sein Tor im Match gegen Marokko.Steven Senne / APManche Dinge im Fussball werden nicht erspielt, sondern erarbeitet. Auch dann, wenn die Möglichkeiten eigentlich vorhanden sind, wenn eine Mannschaft glänzen kann, wenn sie Protagonisten hat, deren Klasse jeden Gegner neidisch macht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.An dieser Weltmeisterschaft ist dieses Team Frankreich. Mit Michael Olise, Ousmane Dembélé und Kylian Mbappé verfügt es über drei potenzielle Weltfussballer, von denen es im verbliebenen Teilnehmerfeld nur noch zwei weitere gibt: den Spanier Lamine Yamal und den Engländer Jude Bellingham. Einmal zelebrierte dieses Trio jenes Spiel, zu dem es in seinen allerbesten Momenten fähig ist: Gegen Schweden, in der Runde der letzten 32, war die Darbietung leicht und fliessend. Wer sollte dieses Trio stoppen?Mbappé versucht es erneutParaguay war es nicht, doch die Südamerikaner zeigten, wie sich die eigentlich überlegene Maschinerie effektiv lahmlegen lässt und welches Frustrationspotenzial eine tief gestaffelte Abwehr für ein Team von solch hoher Klasse bieten kann. Im Umkehrschluss zeigte das Match aber auch, dass die Franzosen über die nötige Geduld verfügen, um das Resultat zu erzwingen. Ein Elfmeter Mbappés vom Punkt genügte.Und so war es keine Frage, dass sich der Goalgetter von Real Madrid den Ball auch gegen die Marokkaner zurechtlegen durfte, als in der 28. Minute ein Elfmeter gegen die Nordafrikaner verhängt wurde. Es dauerte, ehe er den Strafstoss ausführen durfte – Mbappé musste lange warten. Und vergab gegen Marokkos Torhüter Bono. Hätte man darauf wetten sollen? Bonos nahezu unheimliche Serie von abgewehrten Strafstössen fand gegen einen der besten Torjäger der WM-Geschichte ihre Fortsetzung: Von neun WM-Elfmetern gegen ihn wurden nur zwei verwandelt.Der marokkanische Torhüter Bono hält den Elfmeter von Kylian Mbappé.Greg M. Cooper / EPAIn diesem Augenblick sah es ganz danach aus, als böte dieses Spiel alles, was es brauchte, um zumindest in die Verlängerung zu gehen. Doch bewiesen die Franzosen eine geradezu soldatische Disziplin darin, sich nicht gehen zu lassen, ihre Linie fortzusetzen und auf den richtigen Augenblick zu warten.Dieser ergab sich, als die Kräfte der Marokkaner nachliessen, als Mbappé in der 60. Minute von der Strafraumgrenze zum Schuss kam – und den Ball am chancenlosen Bono vorbei magistral in den Torwinkel zirkelte. Zu welcher Effizienz die Franzosen fähig sind, zeigte Ousmane Dembélé nur sechs Minuten später, als er sich aus ähnlicher Position für einen Flachschuss entschied. Mit dem 2:0 war der Match entschieden, das wusste, wer dieses Spiel ansah, mochten die marokkanischen Anhänger auch noch hoffen.Man mag das Spektakel vermissen, zu dem diese französische Mannschaft fähig ist. Aber solche Spiele zeigen eben auch, wie komplett dieses Team ist. Es ist eine Synthese aus der Mannschaft von 2018 und derjenigen von 2022. In Russland feierten die Franzosen vor acht Jahren ihren Titel mit einer kühlen Effizienz, die den neutralen Zuschauer bisweilen kalt liess.In Katar, wo sie nicht unbedingt als Favorit in den Final gingen, zeigten sie eine Spielfreude, wie sie sie zuvor nicht hatten. Mit Ousmane Dembélé, Kylian Mbappé und Kingsley Coman waren sie das Team mit dem grössten Attraktionspotenzial im gesamten Wettbewerb – und lieferten sich mit dem Weltmeister Argentinien bis ins Elfmeterschiessen einen derart offenen Final, der danach als das grösste der WM-Geschichte gepriesen wurde.Auch damals führte sie der Weg über Marokko, ein Team, das damals noch zu überraschen vermochte, denn es drang bis in den Halbfinal vor. Auf dem Weg dorthin hatten die Marokkaner Spanien ausgeschaltet, dank ihrem Torhüter Bono, gegen den die Spanier keinen einzigen Elfmeter verwandeln konnten. Auch damals stand es nach 90 Minuten 2:0, aber der Verlauf war doch ein anderer. Früh gingen die Franzosen damals in Führung, spät entschieden sie das Spiel.Besser als Marokko war nie ein Team aus AfrikaDoch Marokko schliesst auf. Gegen Frankreich waren sie an beiden Turnieren der Aussenseiter. Damals, in Katar, erreichten sie das beste Ergebnis, das je ein Team der afrikanischen Konföderation erzielt hatte. Das Aus im Viertelfinal an dieser WM ist kein Rückschritt gegenüber 2022, sondern eine Bestätigung des erreichten Niveaus. Gelang es den Marokkanern damals, mit Spanien ein europäisches Spitzenteam auszuschalten, so waren es dieses Mal die Niederlande, die den Marokkanern in der K.o.-Runde unterlagen.Wer die beiden Spiele gegen Frankreich miteinander vergleicht, der stellt fest, dass den Marokkanern in den USA eher eine Überraschung hätte gelingen können als in Katar. Der Auftritt des Afrikameisters war durchaus reif, taktisch exzellent und von einer Härte, die die Franzosen immer wieder forderte. Und er schärft den Blick auf das, was noch vor dieser Mannschaft liegt, die vom Belgier Mohamed Ouahbi in dieses Turnier geführt wurde, der im März Walid Regragui ersetzte.Ouahbi attestierte Frankreich zwar eine ausserordentliche Klasse und die sich daraus ergebende Überlegenheit in entscheidenden Augenblicken, aber er wirkte keineswegs deprimiert. Schliesslich ist die WM 2030 mit der Beteiligung Marokkos als Ausrichter ein Ziel, das dem Fussball im Königreich einen enormen Schub zu verleihen vermag. Zumal Ouahbi über ein junges Kader verfügt, aus dem immer mehr Spieler in europäische Spitzenteams drängen, wie die Verpflichtung des Mittelfeldspielers Ismael Saibari durch den FC Bayern zeigt.«Sie haben eine grossartige Zukunft vor sich», sagte Didier Deschamps, Frankreichs Weltmeister-Coach. Die generöse Prognose kann er sich leisten: Er, der nach der WM aus dem Amt scheidet, wird nicht mehr gegen dieses Team antreten müssen.Passend zum Artikel