Die Zeichen standen auf Neuanfang. Erst Anfang des Jahres war Martin Picard mit 33 Jahren als CEO an die Spitze des alteingesessenen Familienunternehmens gerückt. Der Jungunternehmer, der Erfahrung als Gründer des Start-ups Störtebekker, einer Marke für Rasur- und Bartpflegeprodukte, mitbringt, hatte sich viel vorgenommen. In fünfter Generation sollte er die Traditionsmarke modernisieren und zukunftssicher aufstellen, vor allem im Premiumsegment.Mit diesem Ziel war er bereits vor einem Jahr in die Geschäftsführung eingetreten. Die ersten Zahlen waren Erfolg versprechend. Der Onlineshop habe 2025 profitabel um 43 Prozent zugelegt, hieß es im Januar. Im Mai kam Andreas Heep als Vertriebsvorstand hinzu. Der Fachzeitschrift „Textilwirtschaft“ sagte er damals: „In Siebenmeilenstiefeln sind wir mit einer enormen Geschwindigkeit dabei, eine der bekanntesten Marken in Deutschland zu drehen.“Nun muss sich das Unternehmen, das bereits während der Corona-Pandemie ein Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung durchlief – damals waren die Umsätze von 27 auf 15 Millionen Euro geschrumpft –, abermals neu aufstellen. Laut einer Mitteilung wurde für die beiden operativen Gesellschaften – die Picard Lederwaren GmbH & Co KG und die Picard Leathergoods Retail GmbH & Co KG – bereits Mitte Juni ein Sanierungsantrag in Eigenverwaltung beim zuständigen Amtsgericht in Offenbach gestellt, dem inzwischen stattgegeben wurde.Sanierungsverfahren soll im Herbst abgeschlossen seinAls Grund für die Schieflage nennt das Traditionsunternehmen, das 2028 hundert Jahre alt wird, die schlechte Konsumstimmung. Aufgrund der allgemeinen Wirtschaftsschwäche hielten sich die Kunden mit Käufen zurück, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland.Im Zuge des Sanierungsverfahrens, bei dem im Gegensatz zu einem regulären Insolvenzverfahren die Geschäftsführung im Amt bleibt und die Sanierung mit fachlicher Unterstützung selbst leitet, soll die finanzielle wie operative Struktur nun stabilisiert werden. Die gerichtliche Aufsicht im Sinne der Gläubiger übernimmt Nadja Raiß von der Sozietät K&L Gates, die als vorläufige Sachwalterin bestellt wurde.Konkrete Schritte wolle man gemeinsam mit den Restrukturierungsexperten – das sind die Rechtsanwälte Holger Rhode und Raul Taras von der Wirtschaftskanzlei Görg und Thomas Montag von der Unternehmensberatung Montag & Montag – erarbeiten, heißt es in der Mitteilung. „Wir gehen mit klarem Fokus in diese Verfahren“, sagt CEO Martin Picard. Bereits im Herbst dieses Jahres soll das Sanierungsverfahren abgeschlossen sein.Der Betrieb der beiden Gesellschaften mit 90 Beschäftigten läuft derweil uneingeschränkt fort, wie es heißt. Das gelte auch für die beiden Markengeschäfte an den Flughäfen Frankfurt und München und den Onlineshop. Handelspartner würden wie gewohnt beliefert. Löhne und Gehälter seien bis auf Weiteres gesichert.Die Lederwarenbranche in der Region ist über die vergangenen Jahrzehnte stark geschrumpft. Das Familienunternehmen Picard gehört zu den letzten namhaften Marken, die überlebt haben. Allerdings produziert der Hersteller nur noch einen kleinen Teil seiner Taschen und Accessoires, in erster Linie Muster und Einzelstücke, am Firmensitz in Obertshausen, wo es auch eine Reparaturwerkstatt gibt. Die größeren Produktionsstandorte befinden sich in der Ukraine und in Bangladesch. Während des ersten Sanierungsverfahrens hatte Picard das Firmengelände in Obertshausen verkauft – die Räume sind seitdem gemietet – und eine Fabrik in Tunesien geschlossen, zudem wurden Arbeitsplätze abgebaut.
Taschenhersteller Picard zum zweiten Mal im Sanierungsverfahren
Der Lederspezialist aus Obertshausen durchläuft zum zweiten Mal eine Sanierung in Eigenverwaltung. Als Grund nennt das Traditionsunternehmen die schwache Konsumstimmung im Handel.






