Graham Platners Rücktrittsvideo war elf Minuten lang. Der demokratische Senatskandidat für den Bundesstaat Maine, ein Austernfarmer und Marines-Veteran, saß in grauem T-Shirt vor grünen Bäumen und tat seine Betroffenheit kund. Die „ernsten Anschuldigungen“ seien „alle falsch“, sagte er in der am Mittwochabend veröffentlichten Aufnahme. Gemeint war ein Bericht des Nachrichtenmagazins Politico aus dieser Woche, wonach Platner eine frühere Partnerin vor fünf Jahren betrunken zum Sex gezwungen haben soll.Doch wenn „die Bewegung“ weitergehen solle, fuhr Platner fort, „dann nicht mit mir“. Auch wenn das so aussehe: Der Rückzug sei alles andere als ein Schuldeingeständnis. „Wir tun das, weil diejenigen mit Einfluss uns unsere Strukturen wegnehmen werden“, sagte er. Als Platner das Video veröffentlichte, war es gerade einmal einen Monat her, dass er zum Senatskandidaten gewählt worden war. Doch es ging ein von Skandalen geprägter Wahlkampf zu Ende.Für die Demokraten kam das zu einem schlechten Zeitpunkt. Der Senatssitz in Maine sollte einer von vier sein, den die Partei den Republikanern im November abnehmen wollte, um die Mehrheit in der Kammer zu erringen.Nun gilt es erst einmal, das Chaos zu beseitigen. Laut Wahlgesetz in Maine muss die Demokratische Partei bis zum 27. Juli einen Ersatzkandidaten aufstellen. Es soll einen Parteitag geben, auf dem ein neuer Kandidat bestimmt wird. Eines hatte der Geschäftsführer der Demokraten schon vor Platners Rückzug klargestellt: Es soll ein kompletter Neuanfang her. Platner werde keinen Einfluss mehr haben.Beleidigungen im InternetNoch bis Anfang der Woche waren alle bisherigen Skandale an Platner abgeperlt. Der 41 Jahre alte Politneuling aus einem Ort mit 1300 Einwohnern in Maine hatte den Bundesstaat im Sturm erobert. Er war so erfolgreich, dass die Gouverneurin Janet Mills ihre Ambitionen auf den Senatsposten schon vor den Vorwahlen aufgab.Graham Platner im Juni mit einem von einem Anhänger gemalten Plakat in MaineReutersPlatner hatte wenig Unterstützung aus Washington, aber versetzte die Wähler in Maine in Aufbruchstimmung. Dafür sahen sie ihm schon vor den jüngsten Medienberichten einige Fehltritte nach. Es begann im vergangenen Oktober mit einem Totenkopf-Tattoo auf der Brust Platners, das große Ähnlichkeiten mit dem von der SS als Symbol genutzten Totenkopf hatte. Er ließ es sich nach eigener Aussage in seinen Zwanzigern in Kroatien in einer durchzechten Nacht stechen, ohne sich der Bedeutung bewusst zu sein. Kurz nach Bekanntwerden ließ er sich das Tattoo mit einem anderen Motiv überdecken.Außerdem fanden sich Hunderte alte Reddit-Beiträge aus den Jahren 2009 bis 2021. In denen nannte Platner sich unter anderem „Kommunist“, bezeichnete Polizisten als Rassisten, verbreitete krude Theorien über Schwarze und spielte sexuelle Übergriffe auf Frauen herunter. Gegenüber dem Sender CNN gab Platner an, er habe damals im Internet „Blödsinn gemacht“. Das zeige nicht, wer er heute wirklich sei.Platners Frau spricht von „böswilligen Gerüchten“Der linke Demokrat Bernie Sanders hielt als prominentester Unterstützer weiterhin zu Platner. Er sei ein „junger Mann“, der im Irak und Afghanistan gedient und Freunde sterben gesehen habe, und der trotzdem den Mut habe, als Kandidat anzutreten. Platner selbst sprach offen über seine posttraumatische Belastungsstörung.Es blieb allerdings nicht dabei. Im Mai berichtete das „Wall Street Journal“, Platners Frau Amy Gertner habe seiner Kampagne gleich zu Beginn mitgeteilt, dass er kurz nach ihrer Hochzeit sexuelle Nachrichten an andere Frauen geschrieben habe. Das bestätigte sein Wahlkampfteam zwar wenig später, aber Gertner hielt öffentlich zu ihm: Sie habe diese Informationen jemandem anvertraut, den sie für einen Freund gehalten habe. Stattdessen seien „böswillige Gerüchte“ verbreitet worden.Graham Platner mit seiner Frau Amy im Juni in MaineAP Photo/Robert F. BukatyIn einem Treffen mit demokratischen Senatoren im Juni soll Platner versichert haben, die „schlimmsten Gerüchte“ seien nicht wahr. Auch wenn es kein Geheimnis sei, dass er ein „chaotisches, kompliziertes“ Leben geführt habe.72 Prozent für PlatnerDie „New York Times“ berichtete wenige Tage vor der Vorwahl erstmals von problematischem Verhalten Platners in früheren Beziehungen. Drei Frauen hätten instabile und „toxische“ Verhältnisse beschrieben. Laut einer Frau zerrte Platner sie im Streit einmal am Handgelenk aus dem Auto, drehte ihr bei anderer Gelegenheit den Arm auf den Rücken und sperrte sie im Schlafzimmer ein. Er soll viel getrunken haben und regelmäßig fremdgegangen sein.Platner reagierte: Er sei damals durch eine „dunkle Phase“ seines Lebens gegangen, zu oft kein guter Partner gewesen und übernehme dafür die Verantwortung. Alles darüber hinaus sei jedoch falsch und politisch motiviert. Die Wähler der Demokraten in Maine ließen ihm das durchgehen: 72 Prozent sprachen sich am 9. Juni für ihn aus.Nicht mehr übergehen ließ sich schließlich der Politico-Bericht vom Anfang der Woche über den mutmaßlichen sexuellen Übergriff. Das Nachrichtenportal berief sich auf drei Interviews mit der 41 Jahre alten Frau, auf E-Mails zwischen ihr und ihrem Therapeuten und auf einen späteren Partner, mit dem Politico gesprochen hat.Die Partei hofft weiterhin auf EnthusiasmusDemnach kam Platner an einem Abend vor fünf Jahren schwer betrunken in ihr Haus und verging sich an ihr, obwohl sie ihn mehrfach aufforderte, aufzuhören. Sie sagte gegenüber dem Nachrichtenportal, sie erinnere sich an den genauen Moment, „an dem ich dachte: Das hier ist nicht mehr meine Entscheidung“. Dass sie erst jetzt damit an die Öffentlichkeit gehe, liege auch an einem Gewissenskonflikt, weil sie Platners politische Sichtweisen unterstütze.Platner war nun angezählt, auch in der eigenen Partei. Niemand kam zu seiner Verteidigung. Chuck Schumer, der Minderheitsführer im Senat, forderte wenige Stunden nach der Veröffentlichung des Berichts seinen Rückzug. Tags darauf zog auch Senator Sanders seine Unterstützung zurück, demokratische Spendengruppen kündigten an, kein Geld mehr in Maine auszugeben, und auch das Democratic National Committee, das Organisationsgremium der Partei, zog sich zurück.Die Partei in Maine war nach Platners Rücktritt bemüht, dem Ganzen einen positiven Dreh zu geben. In einem X-Beitrag hieß es, die Energie und der Enthusiasmus seien gewaltig: Das werde man nun nutzen, um die Republikanerin Susan Collins im November zu besiegen.
Demokrat Graham Platner gibt Wahlkampf in Maine auf
Graham Platner galt als einer der Schlüsselkandidaten, um den Republikanern die Mehrheit im Senat abzujagen. Nach schweren Anschuldigungen gibt der Politiker aus Maine seinen Wahlkampf auf.











