PfadnavigationHomeSportSportlegendeRuhm, Rückschlag und Befreiung – Die Geschichte der Franziska van AlmsickVon Sven BeckedahlStand: 07:26 UhrLesedauer: 8 MinutenAls Teenager trug Franziska van Almsick ihren Teil zur deutschen Einheit bei. Der Superstar aus dem Schwimmbecken feierte große Erfolge, erlebte aber auch dunkle Zeiten sowie die Schattenseiten des Ruhms – und dann ein Traum-Comeback.Die schöne Erinnerung kam Franziska van Almsick beim Tennis. Als Alexander Zverev bei den French Open den größten Erfolg seiner Karriere feierte, musste sie unwillkürlich an einen der schönsten Momente in ihrem sportlichen Lebenslauf denken.„Ich hab zum ersten Mal in meinem Leben viereinhalb Stunden Tennis geguckt. Wenn Zverev das nicht geschafft hätte … Ich konnte das so nachempfinden. Irgendwann wird es halt Zeit, dass du den Schritt machst. So war es bei mir 2002 auch“, sagte die ehemalige Topschwimmerin.2002 war das Jahr der Almsick-Auferstehung. Damals gelang der heute 48-Jährigen nicht weniger als eines der fulminantesten Comebacks der deutschen Sportgeschichte. Die mit Abstand bekannteste Schwimmerin war nach einigen sportlichen und gesundheitlichen Rückschlägen dem Ende näher als dem Erfolg. Und dann springt sie in ihrer Berliner Heimat bei der EM 2002 ins Wasser und gewinnt fünfmal Gold. Mit dem Weltrekord über 200 Meter Freistil (1:56,64 Minuten) als Krönung.Sie sagte: „Ich habe so hart gearbeitet und so lange an mich geglaubt. Wenn das Ding damals nicht funktioniert hätte, dann wäre der Blick auf meine Karriere ein ganz anderer gewesen. Das war der absolute Moment, so genugtuend. Das war für mich. Es ging darum, dass ich zurückgekommen bin. Das war so eine Befreiung. Wie bei Zverev.“Ihr Olympia-Silber mit 14 schafft ein gesamtdeutsches Wir-GefühlDer Mann, der van Almsick wieder zu neuem, altem Glanz verhalf, war Norbert Warnatzsch. Er hatte sie 1988 auf der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) unter seine Fittiche genommen. Der Erfolgscoach erinnert sich: „Da wächst ein Talent heran. Das war die erste Information, die ich hatte. Ich hab die fünfte Klasse übernommen, in der Franzi als Zehnjährige war. Es klingt vielleicht ein bisschen großfressig, aber ich hatte ja gewisse Erfahrungswerte. Und sie war in jeglicher Hinsicht auffällig, im positiven Sinne. Sie hatte hervorragende körperliche Voraussetzungen. Sie konnte laufen, konnte sich bewegen, turnerische Elemente, konnte Fußball spielen. Sie hatte ein ausgesprochenes Wassergefühl. Sie konnte das Wasser anfassen. Sie war ein aufgewecktes Kind und sehr ehrgeizig, bezogen darauf, erfolgreich zu sein. Somit hatte ich relativ sichere Informationen: Das wird mal was!“Vier Jahre später war die junge van Almsick über Nacht den Deutschen und der ganzen Welt aufgefallen. Als 14-Jährige gewann sie bei ihren ersten Olympischen Spielen 1992 in Barcelona auf Anhieb zweimal Silber und zweimal Bronze. Auf ihrer Paradestrecke, den 200 Metern Freistil, schlug sie nur eine Zehntelsekunde später an als Olympiasiegerin Nicole Haislett (USA). Aus Unerfahrenheit ging beim Anschlag Gold flöten. Viel wichtiger war etwas anderes. Dem aufgeweckten Frechdachs aus Ost-Berlin war gelungen, was selbst Bundeskanzler Helmut Kohl damals nicht geschafft hatte: ein gesamtdeutsches Wir-Gefühl nach der Wende zu bedienen. Alle liebten Franzi, egal, ob in den alten oder neuen Bundesländern. Sie sagt: „1992 war ich einfach froh, dass ich dabei war. Ich war ein kleines Mädel und hielt mich für einen Olympiatouristen, der sich alles mal in Ruhe anguckt.“Van Almsick: Plötzlicher Ruhm und Drama von RomDoch mit der Ruhe war es ab sofort vorbei. Die Medien rannten ihr die Bude ein, ebenso die potenziellen Sponsoren. Kaum war das olympische Feuer erloschen, saß sie huckepack auf dem Rücken von Jürgen Möllemann. Der damalige Wirtschaftsminister musste bei „Wetten, dass …?“ eine verlorene Wette einlösen und in einem Eselsrennen mit Franzi auf dem Rücken gegen Schauspieler Dolph Lundgren antreten, der mit Comedian Jürgen von der Lippe deutlich mehr Ballast zu schleppen hatte.Franzis neues Leben war irgendwie komplett surreal. Jutta und Bernd van Almsick wandten sich an den ehemaligen SPORT BILD-Chefredakteur Werner Köster, um den irren Rummel um ihre Tochter zu kanalisieren. Ab 1992 kümmerte sich Köster als Manager um die Vermarktung des neuen deutschen Superstars. Köster lieferte und machte seinen Schützling sehr schnell sehr reich.Aber auch van Almsick lieferte. Räumte bei der EM 1993 in Sheffield sechsmal Gold und einmal Silber ab, 1995 fünfmal EM-Gold in Wien. Doch dazwischen auch die erste Delle bei der WM 1994 in Rom. Da hatte sie als Vorlauf-Neunte auf ihrer Paradestrecke über 200 Meter Freistil das Finale verfehlt. Die sportlich qualifizierte Teamkollegin Dagmar Hase schenkte der prominenten Kollegin überraschend ihren Endlaufplatz. Dann schwamm van Almsick so schnell wie nie: Weltrekord in 1:56,78 Minuten. Die Zeit blieb so lange unerreicht, bis sie 2002 unterboten wurde – von ihr selbst.Van Almsick heute: „1994 hat sich bei mir auch eingebrannt. Schön im Vorlauf raus, erst mal wieder Häme einstecken, weil alle sagen: Die hat sich verpokert. Was ich bis heute verneine. Ich hab nie in meiner ganzen Karriere gepokert. Ich konnte nicht schneller und habe im Vorlauf alles gegeben, auch wenn es so entspannt aussah. Dann bricht eine Welt zusammen und du denkst, jetzt ist alles vorbei. Und dann kriege ich das Ding innerhalb von vier Stunden gedreht und werde Weltmeisterin mit Weltrekord. Ohne den ganzen Mist vorher hätte ich wahrscheinlich nicht so eine Leistung bringen können. Ich bin mit einer Portion Wut auf den Startblock und dachte mir: Wenn du ertrinkst, ist es eigentlich auch egal. Mehr als blamieren geht ja nicht mehr.“Lesen Sie auchAuch wenn sie stets kokettierte, dass „ich ja immer eine Kandidatin für Turbulenzen bin“, geriet van Almsick immer häufiger in unruhige Gewässer. 1996 flog sie als große Gold-Favoritin über 200 Meter Freistil zu den Olympischen Spielen nach Atlanta. Während sich 1992 noch alle über Silber für den kleinen Goldfisch freuten, stöhnte Deutschland diesmal auf: „Nur“ Silber. Die Erwartungen an sie waren gigantisch.Auch außerhalb des Beckens gab es Komplikationen. Im Mai 1997 hatte sie einen schweren Motorradunfall mit dreifachem Bruch und Durchtrennung aller Sehnen und Bänder der linken Hand. Für 14 Wochen musste sie ihr Training unterbrechen. Das bedeutete das Aus für die EM in Sevilla im August.„Wie man Franzi fertiggemacht hat, war unter aller Sau“Doch der Drang, endlich olympisches Gold zu gewinnen, trieb sie stets an. Auch 2000 in Sydney. Es wurde für sie ein sportlicher und medialer Albtraum. Die Weltrekordhalterin wurde über 200 Meter Freistil in 2:00,26 Minuten nur Elfte und schied aus. „Franzi van Speck – als Molch holt man kein Gold“, höhnte die Boulevardzeitung „B.Z.“. Nicht ahnend, dass sie damals bereits unter einer Essstörung litt.Lesen Sie auchWarnatzsch bekam das Kesseltreiben nur aus der Ferne mit. 1991 war er für anderthalb Jahre als Cheftrainer nach Indonesien ausgewandert, kümmerte sich danach um die SG Neukölln – ohne Franzi. Rückblickend sagt der Trainer über die Sydney-Turbulenzen: „Wie man sie fertig gemacht hat, war unter aller Sau. Das war kriminell, so darf man mit keinem Menschen umgehen. Sie ist mir von Anfang an ans Herz gewachsen. Umso schöner war es, dass sie wieder zu mir zurückgekommen ist. Wir haben immer noch Kontakt. Sie ist und bleibt meine Franzi!“Sportlich versucht van Almsick Sydney heute noch etwas Positives abzugewinnen. „Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Aus Sydney bin ich mit einer Bronzemedaille zurückgekommen. So ersoffen, wie es viele dargestellt haben, bin ich ja gar nicht. Aber sich aus dieser Situation rauszufriemeln – ich wollte meine Karriere eigentlich beenden.“Wichtigste Bezugsperson in dieser schwierigen Phase war Regine Eichhorn. Sie arbeitete in der Berliner Dependance der Agentur von Werner Köster. 1992 ließ Eichhorns damaliger Chef ihr die Betreuung van Almsicks angedeihen: „Du kommst doch aus dem Osten, du sprichst doch dieselbe Sprache wie die.“Van Almsick: Der schwere Weg zurückFortan kümmerte sich Eichhorn, die im November 2025 an Krebs verstarb, um den Star. „Wir hatten uns leider ein bisschen aus den Augen verloren mit meinem Weggang aus Berlin vor 21 Jahren. Ich war bei der Trauerfeier. Der Verlust eines Menschen ist immer schwierig, gerade wenn man so eine intensive Zeit miteinander verbracht hat. Beste Freundin ist das richtige Wort. Sie hat alles drumherum abgefedert, hatte immer ein offenes Ohr für mich und war diejenige, die mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich eine Essstörung habe. Dazu gehören viel Feingefühl und blindes Verständnis. Regine hat das einfach gefühlt, wenn es mir zu viel wurde“, sagte van Almsick.Lesen Sie auchUnd dann kam Warnatzsch wieder ins Spiel. Er sagte: „September 2001 habe ich sie wieder übernommen, in einem jämmerlichen Zustand. Wir haben sie behutsam wieder aufgebaut. Dazu habe ich einige Spezialisten geholt, die ihren Beitrag geleistet haben. Friederike Janofske als Psychologin hatte Regine Eichhorn geholt. Das habe ich natürlich fortgesetzt. Dann hatten wir einen Trainer für Beinkraft, einen für Athletik.“Rückblickend sagt van Almsick: „Norbert war mein Fels in der Brandung. Es war die beste Entscheidung meines Lebens, zu Norbert zurückzugehen. Er war nicht nur ein unglaublich toller Trainer, sondern auch ein unglaublich toller Mensch, der mir diesen Weg für 2002 bereitet hat.“Für das ersehnte Olympia-Gold 2004 hat es dennoch nicht gereicht. „Ich glaube, ich war in der Form meines Lebens. Aber ich konnte nicht das abrufen, was ich draufhatte“, sagt van Almsick heute. 2004 beendete sie ihre Karriere und ist heute glücklich, lebt mit ihrer Familie seit 21 Jahren in Heidelberg.Van Almsick: „Ich hatte eine Phase, wo man mit dem Alter hadert. Ich bin gerade dabei, daran Gefallen zu finden, etwas weiser und ruhiger zu werden. Der Blickwinkel ändert sich, und der gefällt mir gerade. Ich akzeptiere, dass auch mich die Wechseljahre irgendwann mal einholen. Ich bin auf leisen Sohlen auf dem Weg dorthin. Ich habe mir vorgenommen, nice alt zu werden. Manchmal stellt man fest, dass man glücklich ist, weil man einfach mal zulässt, glücklich zu sein.“
Sportlegende: Ruhm, Rückschlag und Befreiung – Die Geschichte der Franziska van Almsick - WELT
Ihr Weltrekord schwamm gegen die Häme an, die Öffentlichkeit jubelte erst und verspottete sie später als „Franzi van Speck“. Franziska van Almsick blickt heute gelassen auf Karriere, „Turbulenzen“ und Wechseljahre – und warnt vor den Folgen einer sportmüden Republik.“






