„Merger Mania“ nennt Rudolf Sinkovics das. Ein Fusionsfieber also. „Und das Spannende ist: Die geopolitische und auch konjunkturelle Lage hat darauf kaum einen Einfluss“, sagt Sinkovics, der an der Durham University im Norden Englands zu den Auswirkungen von Übernahmen und Fusionen auf Mitarbeiter forscht.Und diese Auswirkungen sind gravierend: „Bei der Kommunikation der Deals geht einiges schief: Mal fehlt sie völlig, mal kommt sie viel zu spät und lässt Raum für Spekulationen.“ Dann, so sagt es Sinkovics, verlieren Mitarbeiter die Fassung: „Sie werden ängstlich, unsicher. Das steckt an: Zwischen Kollegen entsteht Misstrauen, sie verlieren die Bindung zu den Vorgesetzten, weil die ihnen angeblich Informationen vorenthalten“, erklärt der Wissenschaftler.Die realen Kosten von ÜbernahmegerüchtenSpekulative Nachrichten haben „reale Kosten“, wie Christian Andres, Dekan an der privaten Wirtschaftshochschule WHU – Otto Beisheim School of Management, sagt. In einer Studie konnte er mit drei Forscherkollegen nachweisen, dass Firmen, die im Zentrum von Übernahmegerüchten stehen, pro Mitarbeiter 1,5 Prozent weniger Umsatz machen als ohne das Geraune. Auch die Gewinnmarge sinkt. Für die Studie haben sie gut 10.000 Übernahmegerüchte analysiert, auf die zwei Jahre kein offizielles Angebot folgte.Commerzbank, Delivery Hero und Co. So halten Führungskräfte bei Übernahmegerüchten die Produktivität hoch von Jannik Deters, Stephan Knieps, Dominik Reintjes und weiterenDie Wissenschaftler haben auch herausgefunden, dass Forscher aus Unternehmen, über deren Übernahme spekuliert wird, vorübergehend weniger und auch seltener zitierte Patente anmelden. Und dass Analysten „weniger und ungenauere Prognosen“ abgeben. Auch das noch.Übernahme Der „Messi“ der deutschen Anwälte und die Übernahme-Tumulte um die Commerzbank von Philipp Frohn und Lukas ZdrzalekAngesichts all dieser Erkenntnisse liegt die Frage nahe, ob Übernahmen per se schlecht sind.Zumindest die Bedrohung einer potenziellen Übernahme könnte auch positive Effekte haben: Eine US-amerikanische Studie zeigt nämlich, dass Unternehmen in Bundesstaaten mit Gesetzen zum Schutz vor feindlichen Übernahmen weniger Patente anmelden – und diese auch noch seltener zitiert werden.Die US-Forscher blicken auf die Auswirkungen, die sich drei und vier Jahre nach dem Inkrafttreten eines Gesetzes zeigen. Die Anzahl der Patente sank um elf Prozent nach drei Jahren und um 14,4 Prozent nach vier Jahren. Die Zitationen gingen noch stärker zurück: Nach vier Jahren lagen sie um fast 21 Prozent unter dem Wert vor den Gesetzen. Die Argumentation der Forscher: Die Gefahr einer feindlichen Übernahme treibt Manager an, Geld auch in riskante Forschungsvorhaben zu investieren. Besteht diese Gefahr nicht, machten sich die Manager ein „leichtes Leben“, wie es in der Studie heißt. Aber: Ein hoher Wettbewerbsdruck, aktive und große Investoren sowie gute Kontrollstrukturen schmälern den Innovationsverlust ab.Rückzug der Gründer Ausgerechnet ein früherer Gegner soll Biontech jetzt helfen von Jürgen SalzEine andere Studie von Forschern aus den US-Bundesstaaten Virginia und Texas blickt genau auf die andere Art dieser Gesetze: solche, die Übernahmen erleichtern und den Prozess klarer regeln. Sie wollten wissen, ob Manager, die schlecht performen, eher ausgetauscht werden, wenn Übernahmen leichter möglich sind. Ihr Ergebnis: Hat ein Land ein solches Gesetz eingeführt, gibt es tatsächlich mehr Übernahmen. Und die Unternehmen setzten ihre Manager tatsächlich häufiger vor die Tür, wenn sie nicht die gewünschten Ergebnisse liefern. Auch hier mit der Ausnahme, dass die Forscher in Ländern, in denen der Investorenschutz ohnehin hoch und die interne Governance gut ist, keinen zusätzlichen Druck auf die Manager durch die Gesetze feststellen konnten.Übernahmegerüchte drücken bei Mitarbeitern also auf die Stimmung, schmälern die Umsätze der Firmen. Auf der anderen Seite zwingt der Übernahmedruck Manager dazu, gut zu performen, mehr Innovationen hervorzubringen. Was folgt nun daraus?Übernahmen, so sagt es WHU-Forscher Andres, sind „grundsätzlich ein wichtiger und wertschaffender Marktmechanismus, den man nicht beschädigen sollte“. Und verhindern ließe sich „Spekulation in einer freien Presse- und Kapitalmarktordnung nicht“. Was regulatorisch möglich ist, zeige Großbritannien: „Dort gilt seit der Reform des Takeover Code 2011 die sogenannte ‚Put up or shut up‘-Regel“, erklärt Andres. Was übersetzt so viel wie „Beweise es oder halte den Mund“ bedeutet.