Für wenige Minuten gelang es dem Bundespräsidenten, unter dem verhangenen Berliner Himmel eine nostalgische Stimmung entstehen zu lassen: „Wir sinken ein in den Liegestuhl, der Himmel hinter der Leinwand ist gerade noch blau. Und bevor der Film beginnt, sieht man die übergroßen Schatten kleiner Insekten im Licht des Projektors. Und dann: Ein Rauschen, Musik – und das blasse Quadrat der Leinwand wird zur Tür in eine andere Wirklichkeit …“Frank-Walter Steinmeier beschrieb in seiner Rede beim Sommerfest der Produktionsallianz im Tipi am Kanzleramt eine Szene aus Andreas Dresens Film „Sommer vorm Balkon“ sowie seine Gefühle, die sich jüngst beim Betrachten des Films „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak einstellten. Er, der, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung sagte, dieselbe täglich noch „haptisch“ lese, ist eher Traditionalist: „Ich komme ja aus der Generation, die noch gerne ins Kino geht. Zuletzt habe ich mit meiner Frau Senta Bergers „Diese entsetzliche Lücke“ gesehen. Ich schaue sogar noch lineares Fernsehen, vor allem Nachrichten und politische Sendungen“, erzählte Steinmeier.Doch auch dem Staatsoberhaupt bleibt der massive Wandel ebenso wenig verborgen wie die Fragen, die er mit sich bringt: „Wie und wo entstehen künftig Filme?“, fragte er in seiner Rede. „Wie und wo finden sie künftig ihr Publikum? Was bedeutet all das für die Produktionen der Zukunft und für die ganz praktischen Bedingungen, unter denen Sie alle leben und arbeiten müssen?“„Die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich neu ordnen“Die Antworten der anwesenden Kreativen darauf waren so grundlegender Natur, dass man getrost von einer Zeitenwende sprechen darf. Der Schauspieler und Produzent Adnan Maral sprach offen über die „unsicheren Zeiten“. „Dinge verändern sich. Die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich neu ordnen. Wir unabhängigen Produzenten werden ein bisschen allein gelassen. Von den Öffentlich-Rechtlichen würde ich mir mehr Beistand wünschen.“ Maral entwickelt gerade für HBO eine „True Crime“-Geschichte. Streamer seien als Auftraggeber „freier“. Die sagten, „was sie brauchen“. Maral glaubt: „So einen großen Umbruch hatten wir noch nie, weder 2000 noch 2008.“Auch die Schauspielerin Katharina Heyer („Tatort: Fackel“, 2026) beschrieb die herrschende Unsicherheit: „Die Branche ist am Boden, es gibt keine Sicherheiten mehr. Gerade bei Formaten der Öffentlich-Rechtlichen wird nur noch kurzfristig entschieden. Die Bereitschaft bei den Streamern, in Deutschland für deutsche Stoffe mit deutschen Schauspielern Geld auszugeben, ist geringer. Auch für mich wird es weniger: Warum? Weil ich eine Frau über 40 bin, weil ich eine Frau ohne Migrationshintergrund bin, und einfach, weil ich eine Frau bin.“„Wir müssen diese Freiheit, die da neu entsteht, nutzen“Der Regisseur Tom Tykwer arbeitet derweil noch eine Woche an der fünften Staffel von „Babylon Berlin“, die im September ausgestrahlt werden soll und von der er glaubt, dass sie „an Originalität der Spitzenreiter der ganzen Reihe ist“. „Wir haben die Serie quasi neu erfunden“, sagte Tykwer. Den Umbruch sieht er auch als „eine große Chance, uns von Formaten zu emanzipieren, die sich ausgetreten haben“. Dadurch, dass das lineare Fernsehen „langsam, aber sicher ins Hintertreffen“ gerate, löse sich eine Struktur auf. Sehgewohnheiten würden neu sortiert. Tykwer glaubt: „Wir müssen nur aufpassen, dass wir uns nicht von algorithmusgesteuerten US-Unternehmen beherrschen lassen, die nur auf ihre Zahlen gucken. Wir müssen diese Freiheit, die da neu entsteht, nutzen. Die Leute wollen etwas Originelles sehen, und das wird nie wirklich algorithmisch steuerbar sein. Ich mache das schon mein ganzes Leben. Mal geht’s schief, und mal klappt’s.“Ähnlich äußerte sich auch Ex-Ufa-Boss, der Produzent Wolf Bauer: „Wer eine Krise nicht nutzt, ist selber schuld“, sagte er – um nachzuschieben, Deutschland sei im Vergleich zu anderen Ländern im Nachteil, „weil wir kein funktionierendes Tax-Refund-System haben“. Diese Art der Wirtschaftsförderung gebe es in allen europäischen Ländern. So habe er damals den „Medicus“ in Ungarn gedreht, „weil es dort 30 Prozent zurückgab“. Nun versuche Deutschland nachzuziehen, „natürlich wieder halbherzig auf niedrigerem Niveau“. Jetzt gebe es nach einer Erhöhung wieder Kürzung und „damit keine Planungssicherheit“.„Frauen trifft es dabei härter“Bauer regte ein Umdenken in den Fördergremien an: „Am Ende muss es um die Produktion von überzeugenden Erzählungen gehen, die ein großes Publikum erreichen, Arthouse-Filme gibt es schon genug.“ Von „200 Filmen“ seien „150 Arthouse“. „Populär zu erzählen, ist kein Widerspruch zu künstlerischer Arbeit.“Immerhin hatte Bauer, der gerade eine über zwanzig Millionen teure Verfilmung eines US-Bestsellers vorbereitet, noch eine frohe Botschaft parat: „Entscheidend ist am Ende, wer originelle Stoffe in der Zukunft produziert.“ Deswegen seien nicht die Dachmarken entscheidend wie ARD, ZDF, RTL – nicht mal Netflix oder Amazon, „sondern die Programme, die unter dieser Dachmarke laufen“. Es komme darauf an, was die Produzenten mit Autoren und Regisseuren erfänden. „Alle Plattformen sind völlig von den Kreativen hier abhängig“, sagte Bauer.Die Schauspielerin Natalia Wörner wiederum sah aktuell auch eher das Elend: „Die Politik bemüht sich, aber es geht der Branche nicht gut. Viele kleinere Firmen können sich kaum über Wasser halten. Einige Produzenten aus dem Arthouse-Bereich werden nicht überleben. Umso mehr müssen wir zusammenhalten. Ich merke bei so vielen Menschen, dass sie um ihre Existenz kämpfen. Frauen trifft es dabei härter.“Die Moderatorin Sandra Maischberger, die recht erfolgreich bei den Öffentlich-Rechtlichen angedockt hat, wollte sich persönlich nicht beklagen: „Unsere Sendung betrifft das noch nicht.“ Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei aber insgesamt in einer „Transformation“: „Man stellt gerade vieles infrage. Ich sehe zurückgehende Budgets.“ Und: „Ich sehe gute Menschen, die keine Arbeit haben im Schauspiel und in der Regie“, sagte die Talkshow-Moderatorin.Seriencamp-Chef Malko Solf konnte der augenblicklichen „Konsolidierung“ dagegen durchaus gute Seiten abgewinnen, da sie sich „an den realen Marktverhältnissen orientiert und vernünftiger ist“. Das sei auf den ersten Blick schade, „weil nicht mehr alles gemacht werden kann und weil Experimentierfreude verloren geht, wenn alles nur noch datengetriebener Brei ist wie bei den ‚Maxton Halls‘ dieser Welt“.Es gebe aber, sagte Solf, Formate wie den Vierteiler „Das Manko“ von Arne Feldhusen oder „Sheep“ (läuft nächste Woche im ZDF-Streamingportal an). Das seien außergewöhnlich verrückte Projekte „mit überschaubarem Budget“. Der WDR mache „West End Girl“ mit Helena Zengel. „Ich habe“, sagte Solf, „nicht das Gefühl, dass das schlechter ist. Die Masse nimmt ab, aber die Qualität bleibt.“
Die Ängste der Fernsehbranche: Fest der Produktionsallianz 2026
Nur Mut: Beim diesjährigen Fest der Produktionsallianz trafen sich Entscheider und Kreative der deutschen Fernsehbranche und teilten ihre Sorgen, Ängste und Hoffnungen.







