Kaum hat der Sommer begonnen, da herrscht in den Alpen schon Hochbetrieb. Der Andrang zeigt sich nicht nur auf Hütten, Klettersteigen und Panoramagipfeln, sondern auch bei jenen, die normalerweise lieber die Aufmerksamkeit meiden: den Bergrettern. Sie kommen, wenn Wanderer nicht mehr weiterkönnen, Mountainbiker an Orten unterwegs sind, an denen diese Räder nichts verloren haben, Kletterer ungesichert abstürzen oder ein harmloser Ausflug plötzlich ein logistisches Großmanöver erfordert.Ein anschaulicher Fall ereignete sich vor Kurzem am Millstätter See in Kärnten. Ein 60 Jahre alter Mountainbiker aus Deutschland war nach 20 Uhr auf einem Wanderweg unterwegs, auf dem Radfahren verboten ist. Der Steig war stark verwurzelt, teilweise nass und offenbar nicht geneigt, dem Konzept „sportliche Feierabendrunde“ entgegenzukommen. Der Mann stürzte, fiel rund sechs Meter über steiles, steiniges Gelände in Richtung Ufer und blieb schwer verletzt in Wassernähe liegen. Er konnte noch selbst die Rettung alarmieren.Komplexe ManöverWas folgte, war kein einfacher Abtransport, sondern ein kleines Lehrstück über die Realität alpiner Rettung. Polizeibeamte fanden den Verletzten im unwegsamen Gelände. Weil kein Hubschrauberlandeplatz vorhanden war, wurde der Notarzt in ein Feuerwehrboot abgeseilt. Bergretter mussten mit Motorsägen einen Weg zum Ufer freischneiden, damit der Mann zum Boot gebracht werden konnte. Danach ging es per Boot weiter und schließlich mit dem Rettungshubschrauber. Im Einsatz standen ein Alpinpolizist, zehn Bergretter aus Spittal an der Drau, mehr als zwei Dutzend Feuerwehrleute aus Seeboden und Millstatt mit zwei Booten sowie weitere Rettungskräfte.Der Fall ist spektakulär, aber nicht ungewöhnlich in seiner Grundstruktur. Immer häufiger müssen Bergrettungen ausrücken, weil Menschen das Gelände, das Wetter, ihre Kräfte oder die eigene Vorbereitung überschätzen. Ebenso erhöht der Klimawandel Risiken. Die zunehmend milden Temperaturen lassen den Permafrost auftauen, der das Gestein zusammenhält, und das Gletschereis abschmelzen. Erhöhte Steinschlag- und Spaltensturzgefahr folgen. Gewisse Wege sind nicht mehr begehbar. Schnee- und Eisbrücken über Gletscherspalten verlieren an Tragkraft oder brechen gänzlich weg. In Österreich hat der Bergrettungsdienst im vergangenen Jahr insgesamt 10.912 Einsätze absolviert. Nach Angaben von Martin Gurdet, Bundesgeschäftsführer des Österreichischen Bergrettungsdienstes (ÖBRD), entspricht das im Vergleich zum Jahr 2024 einem Anstieg von gut acht Prozent. Seit dem Jahr 2010, als es noch rund 7000 Einsätze waren, ist deren Zahl damit deutlich gestiegen.Risikobewusstsein fehlt oftBelastbare Angaben dazu, wie lange ein durchschnittlicher Einsatz dauert, liegen dem ÖBRD derzeit nicht vor. Gurdet weist allerdings darauf hin, dass bodengebundene Bergrettungseinsätze häufig mehrere Stunden in Anspruch nehmen können.Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig, aber sie lassen sich in einer etwas uncharmanten Diagnose zusammenfassen: zu viele Menschen mit zu wenig Plan in zu anspruchsvollem Gelände. Aus Sicht Gurdets ist das größte Problem, „dass häufig das Bewusstsein für alpine Gefahren und die damit verbundenen Risiken fehlt“. Dadurch würden Gefahren nicht richtig erkannt, Situationen falsch eingeschätzt und Entscheidungen getroffen, die sich im Nachhinein als nicht vorteilhaft oder sogar gefährlich erwiesen. Genau daraus ergebe sich oft, dass eine sorgfältige Tourenplanung entweder gar nicht gemacht oder in ihrer Bedeutung nicht richtig verstanden werde.Wetter-Apps ersetzen keine alpine KompetenzDer moderne Bergtourist ist oft bestens ausgerüstet, aber nicht immer bestens vorbereitet. Funktionsjacke, GPS-Uhr, Trailrunningweste, Carbonstöcke und ein Mobiltelefon mit zwölf Wetter-Apps ergeben noch keine alpine Sachkundigkeit. Auch ein aufwendig geschnittenes Youtube-Video ersetzt nicht die Frage, ob man selbst diese Tour, bei diesem Wetter, mit dieser Kondition und dieser Erfahrung wirklich gehen sollte. Gurdet formuliert es nüchtern: „Faktoren wie Wetter, Gelände, Schwierigkeit, Zeitbedarf oder die eigene körperliche Leistungsfähigkeit müssen im Vorfeld verstanden werden, um sie auch richtig berücksichtigen zu können.“ Es brauche vor allem mehr Risikobewusstsein, realistische Selbsteinschätzung und die Bereitschaft, eine Tour rechtzeitig anzupassen oder abzubrechen.Man könnte ergänzen: Instagram-Reels sind keine Gefahrenanalyse, Tiktok-Clips keine Wetterkunde und ein Gipfelfoto mit Sonnenuntergang keine Garantie, dass man den Abstieg noch bei Licht schafft. Viele klassische Wanderunfälle passieren am Nachmittag beim Abstieg, wenn Kraft, Konzentration und Tageslicht schwinden. Erfahrene Alpinisten sagen nicht ohne Grund: Entscheidend ist es, heil herunterzukommen.Heile Rückkehr kommt vor GipfelDer Präsident des Österreichischen Bergrettungsdienstes, Stefan Hochstaffl, mahnt deshalb: „Ein Gipfel oder ein Ziel ist niemals wichtiger als die sichere Rückkehr.“ Sicherheit erfordere mehr als eine gute Ausrüstung und körperliche Fitness. Entscheidend sei das Wissen über alpine Gefahren. Wer Risiken nicht erkenne, könne sie weder vermeiden noch angemessen darauf reagieren. Oft beginnt das Problem nicht mit dem Sturz, sondern der Planung.Hinzu kommt ein verändertes Freizeitverhalten. Die Alpen werden längst nicht mehr nur von klassischen Wanderern genutzt. Klettersteige, Trailrunning, Paragleiten, Skitouren, Schneeschuhwandern und vor allem Mountainbiken und E-Mountainbiken haben die Berge ganzjährig voller gemacht. E-Bikes verlängern Reichweiten und verkürzen Hemmschwellen. Sie bringen Menschen schneller und weiter in Gelände, aus dem man bei Erschöpfung, Wetterumschwung oder Unfall nicht ebenso schnell wieder herauskommt.Drohnen erleichtern die SucheDieser Anpassungsdruck ist erheblich. Bergrettung heute bedeutet nicht mehr nur, mit Trage und Seil zu einem Verletzten aufzusteigen. Es geht um komplexe Lagen, Suchaktionen, Hubschraubereinsätze, Nachtbergungen, Wetterfenster, Drohnen, Wärmebilder, Kommunikation mit Feuerwehren, Polizei, Flugrettung und Rettungsdiensten. Der Fall am Millstätter See zeigt, wie schnell aus einem einzelnen Unfall eine aufwendige Lage für mehrere Organisationen wird.Um schneller reagieren zu können, will die Kärntner Bergrettung nun ein eigenes Drohnenprojekt starten. Über Crowdfunding sollen bis Ende Juli 40.000 Euro zusammenkommen. Die Drohnen sollen bei Such-, Rettungs- und Katastropheneinsätzen rasch Livebilder, Wärmebildaufnahmen und Positionsdaten liefern. Das klingt nach Hightech, ist aber vor allem eine Antwort auf ein altes Problem: Im Gelände zählt Zeit. Wer einen Verletzten oder Vermissten früher lokalisiert, kann schneller helfen und Risiken für Retter verringern.Denn Bergrettung ist nicht nur für die Geretteten gefährlich. Die ehrenamtlichen Helfer gehen oft selbst in schwieriges Gelände, bei schlechtem Wetter, in der Nacht, unter Steinschlaggefahr oder in Absturzgelände. In Österreich stehen mehr als 13.000 Freiwillige und 228 Bergrettungshunde in 288 Ortsstellen bereit.Retter riskieren eigenes LebenNoch gelingt es den Bergrettungen offenbar, genügend neue Einsatzkräfte zu gewinnen. Aus den Landesorganisationen werde berichtet, sagt Gurdet, dass es „keine Probleme mit dem eigentlichen Nachwuchs“ gebe. Schwieriger werde es allerdings zunehmend, Funktionäre für Leitungsaufgaben zu finden. Das ist ein wichtiger Unterschied: Menschen, die bereit sind, in Einsätze zu gehen, gibt es weiterhin. Doch Organisationen dieser Größe brauchen auch jene, die Verantwortung übernehmen, Dienste koordinieren, Ausbildung organisieren, Verwaltung leisten und Strukturen zusammenhalten.Diese Strukturen werden wichtiger, je mehr Einsätze vermeidbar erscheinen. Niemand wird ernsthaft einem Verunglückten Hilfe verweigern wollen. Aber die Frage, wie viel Risiko und Aufwand eine Gesellschaft akzeptiert, wenn Menschen grundlegend fahrlässig handeln, wird lauter, besonders dann, wenn Retter ausrücken müssen, weil jemand ohne Ausrüstung, ohne Wettercheck, ohne Ortskenntnis oder trotz Verbotsschildern unterwegs war. Der Satz „Mir wird schon geholfen werden“ ist im Gebirge keine Strategie, sondern eine Zumutung für andere.Ohne Versicherung drohen erhebliche KostenAuch finanziell kann der Ruf nach der Bergrettung Folgen haben. Viele glauben, Rettung sei in jedem Fall durch die gesetzliche Krankenversicherung gedeckt. Das stimmt so nicht. Bergungs- und Rettungskosten nach Freizeitunfällen im alpinen Gelände werden oft nicht von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Wer keine private Unfallversicherung, keinen entsprechenden Schutzbrief, keine Alpenvereinsmitgliedschaft oder Fördermitgliedschaft bei der Bergrettung hat, kann auf erheblichen Kosten sitzen bleiben.Österreichweit hat man sich nach Angaben Gurdets vor Kurzem auf drei pauschale Verrechnungssätze je Stunde geeinigt: Für einen Kleineinsatz werden 306 Euro angesetzt, für einen Standardeinsatz 612 Euro und für einen Großeinsatz 1224 Euro. Hinzu kommen können je nach Lage weitere Kosten, etwa bei Hubschraubereinsätzen. Die Helfer arbeiten für Gotteslohn, doch müssen sie die teure Ausrüstung und aufwendige Ausbildung der Freiwilligen finanzieren. Eine Bergrettung ist also nicht nur organisatorisch aufwendig, sondern kann für Betroffene auch finanziell spürbar werden.Der alpine Leichtsinn hat also kostspielige Folgen. Private Unfallversicherungen übernehmen solche Kosten, wenn Bergungs- und Rettungskosten ausdrücklich enthalten sind. Alpenvereine wie DAV oder ÖAV bieten über ihre Mitgliedschaft Schutz für Such-, Bergungs- und Rettungskosten. Auch Fördermitgliedschaften der Bergrettung oder bestimmte Schutzbriefe von Automobilclubs können helfen.Oft ist die kostspieligste Rettung jene, die gar nicht nötig gewesen wäre. Gute Tourenplanung beginnt banal: Welche Route nehme ich? Wie lang ist sie wirklich? Wie schwierig ist das Gelände? Wie ist das Wetter? Wann wird es dunkel? Habe ich genügend Wasser, Kleidung, Orientierungsmittel und Energie? Passt die Tour zu meiner Kondition – nicht zu meinem Wunschbild von mir selbst? Das macht sich auf sozialen Medien schlechter als ein Drohnenvideo vom Grat. Aber es ist genau die Haltung, die verhindert, dass aus einem Wandertag eine Rettungsaktion wird.Bergretter werden auch in diesem Sommer wieder da sein, wenn etwas passiert. Sie werden Verletzte bergen, Vermisste suchen, Erschöpfte ins Tal bringen und Angehörigen schlimme Nachrichten übermitteln müssen. Manchmal werden die alpinen Helfer Leben retten. Manchmal werden sie nur noch Tote bergen können.Der klügste Einsatz aber bleibt der, zu dem sie nicht ausrücken. Und dafür braucht es keine Künstliche Intelligenz. Es reicht oft schon ein Wetterbericht, eine ehrliche Selbsteinschätzung und die Einsicht, dass die Natur auch später noch da ist und der Gipfeltraum kein Albtraum werden soll.
Wenn die Bergrettung selbst zur Gefahr wird
Ein falscher Tritt, und am Millstätter See wird aus der Feierabendrunde ein Großeinsatz. Bergretter treffen immer öfter auf Hightech-Ausgerüstete ohne Plan.






