PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2010Nach Lenas ESC-Sieg war Deutschland ein „Land des Lächelns“Stand: 07:16 UhrLesedauer: 6 MinutenSängerin Lena Meyer-Landrut im ESC-Finale in Oslo am 29. Mai 2010Quelle: picture alliance/dpa/RIA Novosti/Jörg CarstensenMitte 2010 lief ein Song permanent im Radio: „Satellite“, mit dem Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest gewonnen hatte. Deutschland war im Lena-Rausch, es wurde gefeiert wie nach einem WM‑Sieg. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich manchmal. Etwa bei diesem Fall: Ein deutscher Teenager gewinnt im Ausland spektakulär einen großen internationalen Wettbewerb und löst damit in der Heimat einen enormen Hype aus. In den Jahren darauf gibt es Höhen und Tiefen, und oft ist es für den jugendlichen Superstar schwer, den oft übertrieben hohen Erwartungen gerecht zu werden.Wer bei dieser Beschreibung an Boris Becker denkt, der 1985 als 17-Jähriger das Tennisturnier in Wimbledon gewann, liegt richtig. Aber ebenso kann Lena Meyer-Landrut gemeint sein, die als 19-Jährige am 29. Mai 2010 beim Eurovision Song Contest (ESC) in Oslo den ersten Platz errang.Wie bei „Bumm-Bumm-Boris“ war der Rummel um Lena in Deutschland enorm. Beim Public Viewing in Hannover, der Heimatstadt der Sängerin, brach in dem Moment, als Lena mit dem englischsprachigen Popsong „Satellite“ stolze 246 Punkte bekam (der zweitplatzierte Act „maNga“ aus der Türkei erhielt 170), derartiger Jubel aus, als hätten die deutschen Fußballer soeben das WM-Finale gewonnen. Es war nach Nicoles „Ein bisschen Frieden“ von 1982 erst der zweite deutsche Sieg bei dem europäischen Gesangswettbewerb.Lesen Sie auchMeyer-Landrut hatte sich zuvor bei Stefan Raabs ESC-Castingshow „Unser Star für Oslo“ souverän durchgesetzt. „Satellite“ intonierte sie völlig anders als Mitbewerberin Jennifer Braun, die das Lied balladenartig, langsam und getragen vortrug. Nicht so Lena: Bei ihr wurde das Lied, das 2007 von der Amerikanerin Julie Frost und dem Dänen Gordon ohne ESC-Zusammenhang kreiert worden war, zu einer schnellen, tanzbaren Nummer. Vorgetragen mit einem etwas exzentrischen englischen Akzent, teils leicht schräger Intonation und mit Lenas quirliger Art, war das Ergebnis ein mitreißender, spaßig-origineller Ohrwurm. Im Radio lief der Song bald rauf und runter. Fans und Medien waren geradezu verzaubert von Lena und ihrem Song. Davon zeugt auch der WELT-Bericht über ihre Ankunft in der Heimat nach dem ESC-Sieg, auf der Titelseite der Ausgabe vom 31. Mai 2010, der mit „Land des Lächelns“ betitelt war: „Sonntagnachmittag in Hannover, zwei Sieger sind wieder zu Hause. Übermütig schwenkt Stefan Raab die Deutschlandfahne, zeigt wie immer Zähne und weiß mit seiner Kraft nicht, wohin. Neben ihm steht Lena. Ihr Potenzial hat der Altmeister entdeckt, darauf hält er sich viel zugute. Neben ihrem wuchtigen Mentor wirkt sie noch kleiner. Sie lacht auch, nur verhaltener. So, als könnte sie noch gar nicht begreifen, was da passiert ist. Es ist ja auch schwer zu begreifen, dass eine 19-Jährige in einer Castingshow entdeckt wird, sofort einen Hit hat, nebenbei Abitur macht, den Eurovision Song Contest in Oslo gewinnt und sogar den Bundespräsidenten beeindruckt. Horst Köhler gestand gestern: ‚Meine Frau und meine Tochter haben mich mit ihrer Begeisterung für Lena angesteckt. Und natürlich habe ich mitgefiebert, bis zum Schluss. Ihr Auftritt war unglaublich kraftvoll, frisch und authentisch.‘“Doch WELT beließ es nicht bei vordergründiger Fan-Begeisterung, sondern reflektierte in derselben Ausgabe auch darüber, dass so ein Pop-Phänomen nicht vom Himmel fällt, sondern abseits der Bühne einiges an Planung und Kalkül dazugehört: „Im Hintergrund freut sich Produzent Stefan Raab über den Erfolg seiner Inszenierung der Schlichtheit. Das Fernsehen blendet ihn bei der Punktevergabe nur selten ein. Das ist auch besser so. Denn sein diebisches Grinsen hätte durchaus Punkte kosten können, weil es den Millionen Zuschauern verraten hätte, dass es sich bei Lenas Auftritt natürlich auch nur um eine ausgetüftelte Show handelt. Hoffentlich weiß das auch Lena Meyer-Landrut. Aber wir sind gerne bereit, diesen Umstand für ein paar Stunden netter Unterhaltung zu vergessen. Es soll Spaß machen. Und es hat Spaß gemacht“.Danach ging es für Lena Schlag auf Schlag weiter. Allerdings blieben die Schlagzeilen nicht durchweg positiv. „Ich habe viele Sachen mitgemacht, von denen ich noch keine Ahnung hatte“, sagte Meyer-Landrut Jahre später über ihren steilen Aufstieg. „Ich war auch viel zu beschäftigt und hatte überhaupt keine Kapazität und Zeit, Dinge aufzunehmen und zu lernen.“ Wie zuvor Boris Becker wurde Lena förmlich über Nacht zum deutschen Gemeingut erklärt. Und viele erwarteten, dass sie freundlich ist und lächelt. „Ich habe nur noch reagiert, reagiert, reagiert“, so Lena über die Zeit nach dem ESC.Lesen Sie auchDer scheinbar stets gut gelaunte Jungstar wirkte zunehmend gereizt, ja arrogant. In einem Interview mit dem Show-Urgestein Frank Elstner im Jahr 2011, das ihr noch lange nachhing, antwortete sie patzig und herablassend (2020 trafen sie sich erneut zu einem versöhnlichen Gespräch, das so rührig wurde, dass es bei Lena sogar feuchte Augen gab). Auch im Arte-Format „Durch die Nacht mit ...“ präsentierte sie sich 2012 nörgelnd und gelangweilt. „Ganz schön zickig, Lena Meyer-Landrut!“, überschrieb WELT einen Kommentar dazu.„Ich habe das nicht bemerkt, es war auch nicht mein Plan. Das war einfach eine Reaktion auf Dinge, die mir passiert sind und über die ich nicht nachdenken konnte“, erklärte die Musikerin mit viel Abstand. Und: „Einmal was Doofes gesagt, und es dauert lange, das wieder umzudrehen. Weil die negativen Sachen meistens lauter sind als die positiven.“Die ersten beiden Alben, die damals rund um den ESC-Hype entstanden waren, bezeichnete sie später als ihre schlechtesten. Auch dass sie beim ESC 2011 in Düsseldorf erneut antrat, dieses Mal mit dem Song „Taken by a Stranger“, und auf dem zehnten Platz landete, wertete sie später als eher wenig ratsame Entscheidung.Es bedurfte wohl einer eingehenden Tiefenanalyse, um den Trubel nach dem unerwarteten ESC-Erfolg und das fortwährende Medieninteresse zu verarbeiten. Meyer-Landrut nahm sich später wiederholt diese Zeit, tauchte länger aus dem Rampenlicht ab, war geplagt von Depressionen – um dann immer wieder mit neuer Energie auf die Bühne zurückzukehren.Insgesamt hat sie in den Jahren seit dem ESC-Triumph sechs Studioalben aufgenommen, sieben Tourneen absolviert und neben dem Gesang etliche weitere Entertainment-Formate bespielt. So saß sie mehrfach in der Jury der Castingshow „The Voice Kids“, wirkte in TV-Shows wie „Schlag den Star“ mit, war als Hörspiel- und Synchronsprecherin aktiv und trat als Model, Werbegesicht und Influencerin in Erscheinung.Aktuell ist es wieder still geworden um Lena, die inzwischen Mutter geworden ist. Doch ihre Fans sind überzeugt: Ein weiteres Comeback ist nur eine Frage der Zeit.Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter der Hype um die „Beatles“ in den 1960ern.mit dpa