Oracle hat wegen KI 21 000 Jobs gestrichen – um noch mehr in KI zu investierenDer Tech-Konzern aus San Francisco muss sparen, um mit den Konkurrenten Amazon und Microsoft mithalten zu können. Die Anleger sind noch nicht überzeugt.08.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenLarry Ellison, hier bei einer Präsentation in San Francisco im Jahr 2003, hat beim Tech-Konzern Oracle noch immer viel Einfluss. ImagoFrisst die KI-Revolution ihre eigenen Kinder? Das traditionsreiche Tech-Unternehmen Oracle, das sich mit einer radikalen Strategie als KI-Dienstleister neu erfindet, hat in den vergangenen zwölf Monaten 21 000 Arbeitsplätze abgebaut. Wie Oracle vor zwei Wochen in einem Bericht an die amerikanische Börsenaufsicht SEC schrieb, verfügt man noch über 141 000 Vollzeitangestellte. Die Restrukturierung soll 1,8 Milliarden Dollar gekostet haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auffällig ist: Oracle gibt relativ offen zu, dass KI einen Teil der Aufgaben des entlassenen Personals übernimmt. Im Jahresbericht, den das Unternehmen bei der Börsenaufsicht eingereicht hat, schreibt es: «Die Einführung und der Einsatz von KI-Technologien in allen Geschäftsbereichen haben dazu geführt und könnten weiterhin dazu führen, dass wir Personal abbauen.» Der Mitgründer und Grossaktionär Larry Ellison sowie andere Führungskräfte haben öffentlich über die Pläne gesprochen, interne Abläufe mit KI-Agenten zu optimieren.Damit fügt sich Oracle in eine Reihe von IT- und Dienstleistungsfirmen ein, die Mitarbeiter durch KI ersetzen wollen. Dazu gehören die Beratungsfirma Accenture oder der Zahlungsdienstleister Block, der vom früheren Twitter-CEO Jack Dorsey geführt wird.Auch eine gute AusredeDass Oracle im grösseren Stil Stellen streichen würde, war zwar schon seit vergangenem September klar, als das Unternehmen Restrukturierungskosten von bis zu 1,6 Milliarden Dollar ankündigte. Das Ausmass und das Vorgehen überraschten aber viele Beobachter. Frühmorgens am 31. März wurden Tausende Oracle-Mitarbeiter per E-Mail über ihre Entlassung informiert.Nicht nur Programmierer erhielten den blauen Brief, sondern insbesondere viele Verkäufer und Berater, die Krankenhäuser und andere wichtige Oracle-Kunden bei der Planung und Umsetzung von grossen IT-Projekten unterstützen. Selbst die Cloud-Sparte, in der das Zukunftsgeschäft von Oracle mit KI-Rechenzentren angesiedelt ist, musste Federn lassen.Ansagen, man müsse geschätzte Kolleginnen und Kollegen «wegen KI» ziehen lassen, sollte man nicht immer zum Nennwert nehmen. Chefs nutzen sie mitunter als Ausreden. Sie mögen keine Massenentlassungen, weil diese für schlechte Stimmung sorgen und sie persönlich angefeindet werden.Falls sich eine Organisation zu sehr aufbläht und ein Sparprogramm unausweichlich wird, kann KI als willkommener Sündenbock dienen und die Akzeptanz von Sparmassnahmen in der Belegschaft erhöhen. Schliesslich haben alle schon hundertmal gehört, dass KI ihren Job überflüssig machen werde. Bei Tech-Unternehmen kann eine Ankündigung, Mitarbeiter durch KI-Agenten zu ersetzen oder sie dank den neuen Helfern viel effizienter einzusetzen, auch als Werbekampagne für ihre eigenen Services dienen.Beim Sparprogramm von Oracle geht es aber nicht um eine rituelle Fitnessübung, sondern um eine Neuausrichtung des ganzen Konzerns, der seit der Gründung 1977 zu einem der grössten IT-Dienstleister der Welt herangewachsen ist. Das Fundament bildete die einfach zu nutzende und innovative Datenbanksoftware, die bei Firmenkunden bald zum Standard wurde. Oracle expandierte durch Zukäufe in den 2000er Jahren und wurde zum breit aufgestellten Softwareanbieter, der Kunden eine All-in-one-Lösung bot.In den vergangenen Jahren bot Oracle zusehends auch Cloud-Speicher-Lösungen sowie zugewandte Dienstleistungen an und glich seine Strategie seit Aufkommen des KI-Booms Microsoft und Amazon an. Diese fungieren als sogenannte Hyperscaler. Sie spezialisieren sich also darauf, ihren Kunden enorme Rechenkapazitäten zur Verfügung zu stellen, damit diese ihre KI-Modelle trainieren und anwenden können.In der BringschuldAnders als seine grossen Konkurrenten musste Oracle aber viel Fremdkapital aufnehmen, um diese Investitionen zu stemmen; mehr als 120 Milliarden Dollar an langfristigen Schulden hat das Unternehmen in seinen Büchern. Das Unternehmen rechnet auch für 2026 bis 2028 mit einem negativen Cashflow im zweistelligen Milliardenbereich. Erst ab 2030 dürfte es die Ernte der neuen Strategie einfahren.Zwar hat die KI-Sparte von Oracle Aufträge für über 600 Milliarden Dollar in der Pipeline, doch stammt etwa die Hälfte davon von Open AI: Oracle plant in erster Linie für den KI-Pionier unter dem Projektnamen Stargate riesige, quer über die USA verteilte Rechenzentren. Am 10. September 2025 schnellte der Aktienkurs von Oracle um über 35 Prozent in die Höhe, als das Ausmass dieser Kooperation bekannt wurde. Larry Ellison war deshalb zeitweise der reichste Mann der Welt.Bald aber mehrten sich im Markt die Zweifel, ob Open AI – das selbst viel Fremdkapital aufnimmt und im Rennen mit seinem Konkurrenten Anthropic in Rückstand zu geraten scheint – jemals genug Geld verdienen wird, um Oracles Riesenprojekt auszulasten und zu finanzieren.Zweifel, ob sich die Ausgaben für KI-Infrastruktur jemals rechnen werden, haben auch die Aktien von Amazon, Meta oder Microsoft immer wieder zurückgebunden. Oracle wurde wegen seiner hohen Verschuldung aber besonders hart getroffen, die Aktie stürzte ab und hat sich seither nicht wieder erholt.Ellisons Unternehmen steht noch immer in der Bringschuld: Oracle muss beweisen, dass es den Aufbau der KI-Rechenkapazität finanziell verkraften kann. Das Sparprogramm bleibt ein wichtiger Teil der Beweisführung; zum Leidwesen all jener Mitarbeiter, die am 31. März um 6 Uhr früh eine E-Mail der Oracle-Führung im Posteingang vorfanden.Passend zum Artikel
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