Mehr als Wind ist in Auschwitz nicht zu erhoffen – grosse und ergreifende Audio-Kunst um die neu entdeckten Gedichte von Tadeusz BorowskiAuch Tadeusz Borowski kannte Auschwitz. Der von Imre Kertész hochgeschätzte Pole, der 1951 mit knapp 29 Jahren Hand an sich legte, war auf Deutsch bisher nur als Prosaautor präsent. Nun liegen in dem eindrucksvollen «Hörspiel-Oratorium» Gedichte von ihm vor.Jörg Plath08.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenTadeusz Borowski (links) und Boleslaw Bierut, der Präsident des polnischen Schriftstellerverbandes, 1949.Picture Alliance / KeystoneFast tonlos klingt die Stimme, wie unter grossem Druck hervorgepresst, jedoch bestimmt und unnachgiebig präzise. Sie ringt um Fassung und sucht das Entkommen, spricht daher vom Freund und von der Verlobten, vom Berg und vom Grün der Wiesen, auch von der Sonne, der Sonne von Auschwitz. In dem eindrucksvollen «Hörspiel-Oratorium» «Imiona Nurtu. Die Namen der Strömung» rezitiert Alexander Fehling Gedichte von Tadeusz Borowski, der 1943 in das KZ Auschwitz deportiert wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kai Grehn, Schöpfer des mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Hörspiels, mischt die Gedichte eines Überlebenden mit den Namen der mehr als 1,1 Millionen in Auschwitz Ermordeten. Junge und alte Besucher der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau lesen Einträge aus den Sterbebüchern: «Irma Abel, geboren am 15. Juli 1918 in Reinfeld, ermordet am 21. September 1942 im Konzentrationslager Auschwitz. Horst Grünholz, geboren am 14. 12. 1942 in Danzig, ermordet am 2. 4. 1943 im Konzentrationslager Auschwitz.»Warten auf das UrteilDas Memento mori wird mal flüssig, mal stockend, auch staunend und begreifend in vielen Sprachen Europas gesprochen, und oft ertappt man sich dabei, auf die letzten, immer erkennbaren Wörter zu warten: auf das unveränderliche Todesurteil.Verbunden werden Epitaphe und Gedichtstimme (aus der mit Rafael Stachowiak und dem polnischen Original manchmal zwei werden) durch Windgeräusche. Aufgenommen hat sie Kai Grehn mit Jean Symczak in den Häftlingsbaracken des KZ Auschwitz II-Birkenau. Der Wind bläst, grummelt und pfeift über die Baumwipfel rings um das Lager hinunter auf dessen endlose Fläche mit dem ikonografischen Tor, den Gleisen inmitten der flachen, soldatisch ausgerichteten Baracken, den vor dem Abzug von der SS gesprengten Gaskammern. Er weht, wie er will.Dieselbe ständige Präsenz besitzen die auffälligen Soundtracks von neueren Filmen wie «The Zone of Interest» und «Son of Saul», die vom Wohlleben unmittelbar am Zaun von Auschwitz bzw. vom Überleben hinter ihm erzählen. Bei Grehn ist der Wind allerdings deutlich tröstlicher – im Oratorium, was «Bethaus» bedeutet sowie die Vertonung einer geistlichen Handlung, kommt ihm die Rolle des unbeteiligten Beobachters zu. Mehr als Wind ist in Auschwitz nicht zu erhoffen.Eine EntdeckungKai Grehns stimmige Konzeption steht und fällt mit den Gedichten von Tadeusz Borowski. Dass der Regisseur ausgeprägte literarische Interessen besitzt, zeigen seine bisherigen Produktionen über Emily Dickinson, Hermann Melville, William S. Burroughs, Max Frisch und viele mehr. Hier ist Grehn zudem der Entdecker eines Lyrikers – der von Imre Kertész hochgeschätzte Borowski, der bereits 1951 mit knapp 29 Jahren Hand an sich legte, war auf Deutsch bisher nur als Prosaautor präsent. 40 Gedichte übertrug Grehn mit Aleksandra Ambrozy, fast alle erstmals. In vielen Stimmlagen schildern sie das Lagerleben und -sterben, die Einsamkeit unter den Todgeweihten und die Einsamkeit des Überlebenden, die Zwangsarbeit und die Sehnsucht nach der Verlobten wie dem Freund.Gedichte, Namen und Wind band der Gestalter Andreas Töpfer zu einem Buchtriptychon zusammen: Klappt man das Heft auf, liegen links unter der Heftklappe 40 «Wybrane Wiersze», rechts 40 «Ausgewählte Gedichte», und in der Mitte prangt eine weisse CD. Eine grosse Hostie der Audio-Kunst.Kai Grehn / Tadeusz Borowski: Imiona Nurtu. Die Namen der Strömung. Gedichtband und Hörspiel. Verlag Zweitausendeins. 96 S. mit CD, Fr. 33.90.Passend zum Artikel
Mehr als Wind ist in Auschwitz nicht zu erhoffen – grosse Audio-Kunst um Tadeusz Borowski
Auch Tadeusz Borowski kannte Auschwitz. Der von Imre Kertész hochgeschätzte Pole, der 1951 mit knapp 29 Jahren Hand an sich legte, war auf Deutsch bisher nur als Prosaautor präsent. Nun liegen in dem eindrucksvollen «Hörspiel-Oratorium» Gedichte von ihm vor.








