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Krankschreibung: Attest ab dem ersten Tag? Diese Digitalunternehmen können es kaum erwarten Die geplante Attestpflicht könnte Telemedizin zur attraktiveren Wahl machen. TeleClinic, Doctolib und CompuGroup setzen auf die Videosprechstunde – verdienen ihr Geld aber an anderer Stelle.
Alana Diderichs 07.07.2026 - 16:44 Uhr Foto: IMAGO/imagebrokerMontagmorgen, leichte Erkältung. Nichts, was ein Tag zuhause nicht lösen könnte. Aber auch nichts, wofür man den Weg zur Arztpraxis auf sich nehmen und stundenlang im Wartezimmer sitzen will. Das aber könnte bald Pflicht sein: Die schwarz-rote Regierung will beschäftigte dazu verpflichten, schon ab dem ersten Krankheitstag ein Attest vorzuweisen. Bislang ist eine solche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in vielen Unternehmen ab dem dritten Tag erforderlich.Für die Hausärzte könnte das noch mehr Patienten bedeuten, weil die dann auch wegen kurzer Erkältungen und Infekte in die Praxen kommen. „Wenn die alle an Tag eins in die Praxen drängen, ist das eine Katastrophe“, sagte Nicola Buhlinger-Göpfarthfür, Chefin des Hausärzteverbandes, im Interview mit der WirtschaftsWoche. „Unsere Wartezimmer sind voll.“Und so könnte die geplante Attestpflicht für viele Beschäftigte eine andere Möglichkeit attraktiver machen: die Videosprechstunde. Statt des aufwendigen Arztbesuchs vor Ort können Patienten den Arzt per Video von zuhause aus sprechen. Der kann dann auch eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen, wenn er die Beurteilung auf dem Weg für möglich hält.Krankschreibungen „Im Zweifel sage ich, dass wir hier nicht Doc Holiday sind“ Die Chefin des Hausärzteverbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, empfindet die Pläne der Regierungskoalition zu einer Krankschreibung ab Tag 1 als eine Zumutung für Ärzte. von Cordula TuttDer Telemedizin-Markt gewinnt an TempoFür Anbieter digitaler Arztbesuche kommt das zu einem günstigen Zeitpunkt. Der Markt für Videosprechstunden ist in den letzten Jahren stark gewachsen, auch ohne die derzeitige Debatte. Nach Angaben des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung wurden 2024 rund 2,7 Millionen Videosprechstunden über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet. Das sind etwa 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Und allein im ersten Halbjahr 2025 stieg die Zahl erneut um 14 Prozent auf rund 1,5 Millionen. In den nächsten Jahren soll der Markt für digitale Gesundheitsanwendungen weiter im zweistelligen Bereich wachsen. Dabei fällt der größte Anteil auf Online-Arztsprechstunden.Zudem dauern viele Krankschreibungen nur kurz. Laut eines Gesundheitsreports der Techniker Krankenkasse entfielen 2025 knapp 40 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsmeldungen auf weniger als vier Tage – so viele wie nie zuvor. Für eben solche Fälle gilt die Videosprechstunde als besonders geeignet.2,7Millionen Videosprechstundenwurden 2024 über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet.Davon können Unternehmen wie die Service-Plattform TeleClinic und die Software-Anbieter Doctolib und CompuGroup Medical profitieren, die digitale Arztbesuche anbieten. Zwar verdient keiner von ihnen direkt an den Videosprechstunden. Mittelbar aber sind diese für alle Anbieter von großer Relevanz.Der digitale Arztbesuch ist nur der StartDas zeigt sich insbesondere bei dem Videosprechstundenanbieter TeleClinic. Wer über das Unternehmen einen Arzttermin bucht, könnte annehmen, es verdiene an der Behandlung selbst. Tatsächlich rechnet der behandelnde Arzt seine Leistung mit der Krankenkasse ab. TeleClinic selbst verdient Geld über die Vermittlung. Das Unternehmen stellt die Plattform und technische Infrastruktur. Der eigentliche Wert entsteht für das Unternehmen und den Mutterkonzern DocMorris anders.Hoher Krankenstand Der Krankenschein ab Tag eins löst kein einziges Problem Der Krankenschein ab dem ersten Tag ist ein Zugeständnis an die Unternehmen. Und könnte doch ausgerechnet an ihnen scheitern. Ein Kommentar. Kommentar von Varinia BernauDer Schweizer Online-Apothekenkonzern DocMorris übernahm TeleClinic vor einigen Jahren. Finanziell fällt die Plattform bislang kaum ins Gewicht. 2025 erwirtschaftete TeleClinic mit rund 25 Millionen Schweizer Franken nur einen Bruchteil des Konzernumsatzes, der bei mehr als 1,1 Milliarden Franken lag. Doch hebt DocMorris den Bereich in seinen Geschäftsberichten immer wieder hervor.Aus Unternehmenssicht ist die Videosprechstunde vor allem eins: der erste Kontakt zum Patienten. Wirtschaftlich interessant wird es oft erst dann. Das zeigt sich auch im aktuellen Geschäftsbericht: TeleClinic hat 1,2 Millionen aktive Nutzer, die Online-Apotheke des Konzerns 11 Millionen. Gemessen an den Nutzerzahlen fällt der Umsatz der Telemedizinplattform demnach vergleichsweise sehr gering aus. Aber erhält der Patient ein E-Rezept, löst er es dann im besten Fall über die Plattform, also DocMorris, ein. Oder kauft noch weitere, rezeptfreie Produkte. Dann wird aus einer einmaligen Videosprechstunde eine Kundenbeziehung mit vielen weiteren Berührungspunkten. Der Konzern verdient sein Geld nach wie vor überwiegend mit Medikamenten. Über 70 Prozent des Umsatzes kommen von rezeptfreien Medikamenten.Versandapotheke So wurde DocMorris vom Apotheken-Schreck zum Sanierungsfall DocMorris schreckt keine Apotheken mehr, nur noch seine Aktionäre. Der große Rivale ist enteilt. Nun droht ein zäher Machtkampf. von Jürgen SalzVideosprechstunden sind kein UmsatztreiberDoctolib hingegen verdient sein Geld mit Praxissoftware. Videosprechstunden sind dort ein zusätzlicher Service neben Terminbuchung, Patientenkommunikation und Dokumentation, der die Praxen enger an die Plattform bindet. Die zahlen monatliche Gebühren für die gesamte Software. Je mehr Abläufe eine Praxis über Doctolib organisieren kann, desto unwahrscheinlicher wird ein Wechsel zu einem anderen Anbieter.Ähnlich ist das bei CompuGroup. Das Unternehmen verkauft Praxisverwaltungssysteme an Ärzte, Kliniken und Apotheken, die auch Videosprechstunden enthalten. Wenn digitale Behandlungen selbstverständlicher werden, steigt die Bedeutung solcher integrierter Systeme und damit auch die Nachfrage nach Software von der CompuGroup. Die Videosprechstunde erhöht hier nicht den Umsatz pro Arzttermin, sondern den Wert des gesamten Systems.Selbst Apotheken steigen inzwischen in den Markt ein. Mit assistierter Telemedizin dürfen sie seit dem 1. Juli Patienten bei Videosprechstunden begleiten oder digitale Ersteinschätzungen anbieten und die Leistungen abrechnen. Die Hoffnung ist, dass die Kunden, die dann bereits in der Apotheke sind, dort auch andere Gesundheitsleistungen und Produkte kaufen.Der digitale Arztbesuch selbst verspricht demnach keine unmittelbaren, hohen Erlöse. Das zeigen auch andere Marktteilnehmer: Reine Telemedizinanbieter wie das schwedische Unternehmen Kry und die Online-Arztpraxis Zava setzen inzwischen auf breitere Geschäftsmodelle. Die Videosprechstunde kann die durch bessere Kundenbindung stärken.Sozialstaat Ministerin Nina Warken und ihre Reformversuche Die Gesundheitsministerin gilt als verlässliche Teamspielerin. Aber reicht das, um das überteuerte deutsche Gesundheitssystem umzukrempeln? von Cordula TuttKein Auslöser, sondern ein ImpulsAllerdings sollte die Bedeutung der geplanten Attestpflicht nicht überschätzt werden. Bislang machen Krankschreibungen nur einen sehr geringen Anteil an Anwendungsfällen von Videosprechstunden aus. Nach Auswertungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung und der Barmer liegt der Anteil von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen per Video an allen Krankschreibungen bundesweit zwischen 0,1 und 0,4 Prozent.Auch insgesamt steckt der Markt trotz Wachstum noch in den Anfängen. Videosprechstunden machen in Deutschland zurzeit weniger als ein Prozent aller ambulanten Arztkontakte aus. Im Vergleich dazu ist der Anteil in Ländern wie Schweden, Norwegen, der Schweiz oder Frankreich höher. Das heißt aber auch, dass der Markt noch großes Potenzial hat – und es sich auszahlen könnte, sich jetzt als führender Anbieter zu positionieren.TeleClinic rechnet damit, dass Telemedizin in Deutschland insgesamt an Bedeutung gewinnen wird, nennt dabei allerdings andere Regierungspläne: die geplanten Reformen zur Digitalisierung der Versorgung, etwa das Gesundheits-Digitalagentur-Gesetz (GeDIG) und die Notfall- und Primärversorgungsreform. Die Debatte um die Attestpflicht wäre damit weniger Auslöser als vielmehr ein weiterer Impuls für einen bereits laufenden Wandel, bestätigt der Telemedizin-Anbieter.Das Unternehmen hält sich daher mit Prognosen zurück. TeleClinic plant nach eigenen Angaben derzeit keine zusätzlichen Kapazitäten allein wegen der diskutierten Attestpflicht.Und ob das Gesundheitssystem durch Telemedizin entlastet wird, ist noch eine andere Frage. Auch eine Videosprechstunde bindet ärztliche Arbeitszeit. Entscheidend wird sein, ob digitale Prozesse den gesamten Behandlungsablauf effizienter machen – oder den Arztkontakt lediglich vom Wartezimmer auf den Bildschirm verlagern. Für die Unternehmen, die die Videosprechstunde zum Teil ihres Geschäftsmodells machen, ist genau das maßgeblich. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick










