PfadnavigationHomePolitikAuslandNaher OstenUnd dann muss Wadephul erklären, wie das Bekenntnis zu Israel zu den Iran-Gesprächen passtStand: 18:41 UhrLesedauer: 6 MinutenAußenminister Johann Wadephul bei einer Pressekonferenz in JerusalemQuelle: Ohad Zwigenberg/AP/dpaBei seinem Besuch in Israel signalisiert der deutsche Außenminister Rückendeckung. Berlin hat Hebel in der Hand, um zwischen Israel und einem mächtigen Partner in der Region zu vermitteln. Doch ein Konflikt wirft unbequeme Fragen auf.Vor dem Nato-Gipfel in Ankara könne er in Jerusalem darauf hinweisen, dass mit dem Flugabwehrsystem Arrow 3 Hochtechnologie aus Israel den Himmel über Deutschland schütze. Das sagt Bundesaußenminister Johann Wadephul und steht dabei neben seinem israelischen Amtskollegen Gideon Saar. „Was für ein Symbol dafür, wie weit wir trotz unserer Geschichte gekommen sind“, fügt der CDU-Politiker hinzu. Dass Wadephul auf dem Weg in die Türkei einen Schlenker über Israel macht, liegt an den strategischen Gemeinsamkeiten beider Länder in den miteinander verknüpften Multikrisen im Nahen Osten – und an der Geschichte beider Länder. Bevor Saar und Wadephul zur Presse sprechen, unterzeichnen sie eine Vereinbarung, mit der Deutschlands finanzieller Beitrag für die israelische Holocaust-Forschungs- und Gedenkstätte Yad Vashem deutlich erhöht wird. Statt der einen Million, die bisher für die Periode bis 2029 vorgesehen war, werden es nun fünf Millionen Euro bis 2031 sein. In einer Zeit, da der Holocaust immer wieder relativiert werde und immer weniger Zeitzeugen davon erzählen könnten, seien Institutionen wie Yad Vashem notwendiger denn je, so Wadephul. Aber die gemeinsamen Interessen, die er bei seinem Besuch herausstellt, betreffen auch die aktuelle Sicherheitslage. Dass Wadephul ausgerechnet auf dem Weg zum Nato-Gipfel in Ankara Israel besucht, könnte mit zwei Faktoren zu tun haben – mit dem Blick der Europäer auf den Iran-Konflikt und mit der besonderen Rolle der Türkei in der größeren regionalen Auseinandersetzung im Nahen Osten.Spannungen zwischen Ankara und JerusalemDie Regierungen in Jerusalem und Ankara sind einander in herzlichem Misstrauen verbunden. Das Lager des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gilt Entscheidern in Israel als Islamistentruppe, die der palästinensischen Terrororganisation Hamas nahesteht und im Zweifel auch vom Erzfeind Iran keinen Abstand hält. Erdogan und die seinen wiederum profilieren sich gerne als Anwälte der Palästinenser und überziehen Israel mit Faschismus-Vorwürfen und Kommentaren, die weit über politische Kritik hinausgehen. Lesen Sie auchDie israelische Politik, aber auch die israelische „Denkweise“ seien zu einer Last geworden, die „die Menschheit“ nicht länger ertragen könne, hat der türkische Außenminister Hakan Fidan gerade im Sender CNN gesagt. Schon vor dem Abflug bezog Wadephul Stellung gegen Fidans Einlassung. Dessen Worte seien „vollkommen unangemessen“, sagte Wadephul der „Bild“. Israel sei einer anhaltenden Bedrohung aus der Region ausgesetzt und habe das Recht, seine Bevölkerung zu schützen. Sein israelischer Amtskollege Saar sprach in einer ersten Reaktion von einem „Paradebeispiel für die Anstiftung zum Völkermord“.Lesen Sie auchEin weiteres Problem für Israel: Beobachter vermuten, dass US-Präsident Donald Trump der Türkei beim Gipfel in Ankara die Lieferung von Kampfflugzeugen vom Typ F-35 zusagen könnte, die im Nahen Osten sonst nur Israel besitzt. „Ich hoffe, dass das nicht geschehen wird“, sagt Saar. In Amerika habe man bisher immer verstanden, wie überlebenswichtig der technologische Vorteil angesichts der Lage in der Region für Israel sei.Doch wenn Saar nach seinem Gespräch mit Wadephul gefragt wird, ob er dem Deutschen eine Nachricht an den türkischen Außenminister Fidan mitgeben wolle, äußert er sich zurückhaltender. „Wir hatten mal gute Beziehungen zur Türkei“, antwortet Saar, „und wir würden uns freuen, wenn sie sich so fortsetzen würden.“ Aber derzeit höre man aus Ankara „offene Hetze“. Der Ausdruck des Bedauerns über den Stand der Beziehungen könnte ernst gemeint sein, denn Türken und Israelis müssten ein Interesse daran haben, miteinander auszukommen.Berlins mögliche VermittlerrolleMindestens an zwei Grenzen Israels ist Erdogans Regierung ein einflussreicher Akteur. In Gaza kann Ankara durch seine Kontakte zur Hamas Einfluss ausüben. Außenminister Fidan ist auch Mitglied des Friedensrates, der laut Trumps 20-Punkte-Plan die Transition in Gaza beaufsichtigen soll. Am Montag hat die Hamas erklärt, sie werde Teile ihrer zivilen Macht an die neu zu schaffende Selbstverwaltung in Gaza und internationale Akteure abgeben. Das beinhaltet aber nicht die für Israel wesentliche Bedingung der Entwaffnung der Hamas.Gut möglich, dass Wadephul in diesem Punkt zwischen Türken und Israelis zu vermitteln versucht. Der Appell an die Regierung Erdogan könnte lauten, ihren Einfluss auf die Hamas zu nutzen, um weitere, dieses Mal echte Zugeständnisse zu erreichen. Die Erwartung an Israel wäre, noch mehr zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Gaza beizutragen und perspektivisch die Kontrolle über den Küstenstreifen zurückzufahren.Nordöstlich von Israel, in Syrien, sind die Türken die wichtigsten Verbündeten der Regierung des sunnitischen Islamisten Ahmed al-Scharaa, der seit der Vertreibung von Machthaber Baschar al-Assad vor etwa eineinhalb Jahren Präsident und neuer politischer Nachbar des jüdischen Staates ist. Die Israelis wiederum pflegen gute Kontakte zu mindestens zwei Ethnien, die in Syrien stark vertreten sind, den Drusen im Süden des Landes und den Kurden im Nordosten. Mit beiden hatten sich die Kräfte um al-Scharaa in den vergangenen Monaten teilweise heftige Kämpfe geliefert. Lesen Sie auchDie Regierung in Jerusalem schickte Truppen in den Süden Syriens, erklärtermaßen zum Schutz der Drusen, von denen auch in Israel einige Zehntausend leben. Mittlerweile haben die Spannungen abgenommen. Wenn es in Syrien aber echte Fortschritte geben soll, müssen sich sowohl die Lage im Land als auch das Verhältnis zu Israel weiter stabilisieren.Das wäre auch im deutschen Interesse – der Bundesregierung ist an Bedingungen gelegen, die eine Rückkehr von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Deutschland in ihre Heimat erlauben. Gelingt es Wadephul, die Gesprächsatmosphäre zwischen der Türkei und Israel zu verbessern, könnte das auch zur Entspannung der innenpolitischen Debatte in Deutschland beitragen.Einigkeit mit Jerusalem betonenBei seinem Besuch unterschlägt Wadephul die bekannten Differenzen mit Jerusalem nicht; er nennt eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern als einzigen Weg, den Nahostkonflikt zu lösen. Er warnt, dass der fortgesetzte Bau jüdischer Siedlungen im Westjordanland und eine faktische Annexion von Teilen des Palästinensergebietes einen Frieden unmöglich machen könnten, und fordert von Israel, einbehaltene Steuergelder an die Palästinensische Behörde auszuzahlen. Aber Wadephul betont die Einigkeit mit Jerusalem vor allem da, wo es um den Iran und dessen Verbündete geht.Die Hisbollah-Miliz im Libanon sei „als Knüppel des Iran“ die „Hauptquelle“ der Probleme in Israels nördlichem Nachbarland. Wadephul fordert wie Saar die Entwaffnung der Kampftruppe, gemäß einer im April getroffenen Vereinbarung zwischen der libanesischen Regierung und Israel. In der europäischen Debatte werde „immer noch unterschätzt, wie historisch dieser Schritt für Israel“ gewesen sei. Und in noch einem Punkt könnte man Wadephul so verstehen, dass er Israels Sorgen teilt – beim iranischen Atomprogramm. Eine israelische Journalistin fragt Wadephul, wie es Deutschland mit seinem Bekenntnis zum Existenzrecht des Staates Israel vereinbaren könne, wenn die USA dem Iran in einem möglichen neuen Atomabkommen Hunderte Milliarden zusagen, ohne dass Teheran entscheidende Zugeständnisse mache. Die Europäer müssten früher oder später an den Gesprächen beteiligt werden, antwortet Wadephul, und dann könnten sie sicherstellen, dass die Bedingungen einer Einigung mit Teheran eine iranische Atombombe ausschließen würden. Wie viel Deutschland, Frankreich und Großbritannien – die europäischen Vertragsparteien der bisherigen Atomvereinbarung – wirklich bewirken können, ist unklar. Aber zumindest hat der Bundesaußenminister einen weiteren Punkt markiert, bei dem Israel und Deutschland gemeinsame Interessen haben.Senior Editor Daniel-Dylan Böhmer berichtet für WELT über den Nahen Osten und Afghanistan.