Im Freibad im hessischen Schwalmstadt-Ziegenhain haben Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in den Sommerferien freien Eintritt – weil ein Spender vorab für sie bezahlt hat. Der Mann möchte anonym bleiben. Die SZ erreicht ihn am Telefon, und sofort sprudelt es aus ihm heraus.SZ: Hallo, schön, dass wir Sie erreichen. Woher kommt Ihre Großzügigkeit?Anonymer Spender: Unser Freibad wird wenig genutzt. Als ich morgens bei 25 Grad schwimmen war, ist mir aufgefallen, dass ich fast der einzige im Wasser bin. Und ein Schwimmbad ist auch eine große finanzielle Belastung für so eine kleine Stadt. Ich fragte mich: Was könnte man da machen? Dann kam mir die Idee: freier Eintritt – und in Hessen stehen die großen Ferien bevor. Kinder unter 16 haben dann ohnehin frei und gehen vielleicht mehr ins Schwimmbad. Außerdem kann man dort nicht nur schwimmen, da kann man auch Fußball spielen, da gibt es ein Beachvolleyballfeld. Und die Kinder können miteinander kommunizieren, gucken nicht immer auf ihr Handy, und so gibt es mehr soziales Miteinander.Was kostet der Spaß?Ich habe jetzt erst mal 5000 Euro überwiesen. Ich denke, das könnte für die Ferien reichen. Gut, wenn es jetzt mehr wird, ärgert’s ein bisschen mein Portemonnaie. Aber auf der anderen Seite: Die Freude darüber, dass noch mehr Kinder das Bad benutzen, kompensiert das dann. Jetzt muss ich halt überlegen, ob mein Budget es hergibt, eine neue Badehose zu kaufen. (lacht)Also müssen Sie jetzt sparen?Nein, ich bin 84. Man erahnt das Ende des Lebens und sagt sich: Na ja, das Geld brauche ich nicht. Kann ich damit auch etwas Sinnvolles machen? Außerdem habe ich ein tolles Leben gehabt. Ich habe 81 Jahre lang im Frieden gelebt und seit 1949 in der Demokratie, wir haben hier nie Krieg gehabt. Wer hat das in seinem Leben gehabt? Wie viel Prozent der Weltbevölkerung? Vielleicht nicht mal ein Prozent. Und ich war dabei.Da haben Sie bestimmt selbst viel Zeit im Freibad verbracht.Na ja, in meiner Jugend war das nicht so einfach. Bei uns war das Geld nicht so dicke, ich konnte nicht zu meinen Eltern sagen: Ich gehe heute schwimmen und morgen will ich wieder schwimmen und übermorgen auch. Das war zu teuer. Auch heute ist das für manche immer noch ein Finanzproblem. Viele Kinder können nicht mit den Eltern in den Urlaub fahren, und dann können sie jetzt wenigstens sagen: Ach, das Schwimmbad ist ja umsonst, dann gehen wir dahin und treffen unsere Freunde.Wir Schüler waren früher praktisch eingesperrt in unseren Schulen – reine Jungenschulen. Im Schwimmbad, da sah man auch mal Mädchen.Der anonyme Spender von SchwalmstadtAber Sie durften gelegentlich ins Freibad, oder? Erinnern Sie sich daran?Es war in gewisser Weise auch Freiheit. Wir Schüler waren früher praktisch eingesperrt in unseren Schulen – reine Jungenschulen. Ich komme aus Kassel, es gab vier Gymnasien für Jungen und zwei Gymnasien für Mädchen. Alle lagen unglücklicherweise weit voneinander entfernt. Und im Schwimmbad, da sah man auch mal Mädchen. Das war dann schon etwas Besonderes. Ach, und damals durfte man ja im Schwimmbad kein Fußball spielen, das war alles noch viel strenger. Aber trotzdem war man im Freibad frei. Man konnte auch mal eine rauchen als Jugendlicher, wo die Eltern das nicht gesehen haben. Also, das war schon schön.Blieb es bei den Zigaretten, oder war Ihr erster Kuss auch im Freibad?Nein. Aber ein Klassenkamerad hatte glücklicherweise eine Schwester, die aufs Mädchengymnasium ging. Dadurch gab es ein paar Kontakte, die waren dann aber eher außerhalb des Schwimmbads.Zurück zum Freibad: Wenn ich an meine Jugend denke, denke ich auch daran, dass ich gerne mal über den Zaun geklettert bin. War das bei Ihrer finanziellen Lage eine Option?Das habe ich erst als Student in Göttingen gemacht. Studenten machen ja manchmal dumme Sachen. Da haben wir mal einen getrunken und wurden ein bisschen übermütig. Und ja, dann sind wir zum Schwimmbad, über den Zaun und haben uns ausgezogen – wir waren ja alles nur Jungs. Und dann ging’s ins Becken. Plötzlich war da ein Mann mit Lampe und einem großen Schäferhund, der sagte: Jetzt hab’ ich euch! Dann schlotterten uns natürlich die Knie, weil der Hund uns so böse anguckte und die Zunge heraushing.Oje! Und dann?Wir mussten mit ins Bademeisterhäuschen und wurden ausgefragt. Da standen wir dann, splitternackt – man fühlt sich doch ein bisschen sehr ungeschützt, muss ich sagen. Wie sich herausstellte, waren einige Tage zuvor Leute ins Bad eingebrochen und hatten randaliert. Wir haben also mit dem Mann geredet und versucht, ihn davon zu überzeugen, dass das jetzt nur so ein Studentenstreich war, aber wir mit den anderen wirklich nichts zu tun hatten. Und dann habe ich dem noch unsere Personalien gegeben und gesagt: Wir sind auch bereit, für die Wasserrettung eine Spende zu machen.Und, haben Sie die auch brav bezahlt?Geld hatten wir an dem Abend nicht dabei. Aber ich bin am nächsten Tag noch mal hin und hab das dann an der Kasse abgegeben.Weitere Folgen der Serie „Ein Anruf bei …“ finden Sie hier.
Schwalmstadt: Anonymer Spender bezahlt Freibad-Eintritt für alle Kinder und Jugendlichen
In Schwalmstadt dürfen alle unter 16-Jährigen die ganzen Sommerferien kostenlos ins Freibad, einem anonymen Spender sei Dank. Hier erklärt er, warum er das macht.









