«Die Gaza-Lieder singe ich immer noch unter der Dusche» – Nora Bussigny war undercover in der radikalen Linken unterwegs. Wegen ihrer Enthüllungen braucht sie PolizeischutzEine junge französische Journalistin deckt die Verstrickungen zwischen Islamisten und Linksextremen in Frankreich, Belgien und den USA auf. Ihr Buch «Die neuen Antisemiten» ist auch für Deutschsprachige lehrreich.07.07.2026, 14.03 Uhr8 LeseminutenAutorin Nora Bussigny: «An einem Tag habe ich ‹Sieg für die Hamas› geschrien, am nächsten Tag mit einem jüdischen Kind gesprochen, das verprügelt wurde, weil es jüdisch ist.»PDVon Trommelschlägen begleitet, ziehen die Demonstranten durch die Strassburger Innenstadt. «Die ganze Welt hasst die Zionisten», rufen sie, «Palestina, hurra hurra, Israel, barra barra», Israel raus. Manche tragen Schilder mit der Aufschrift «Gaza Holocaust». Als sich der Zug dem «McDonald’s» nähert, droht die Situation zu eskalieren. «Ihr esst das Fleisch palästinensischer Kinder!», schreien die Demonstranten den Kunden zu, darunter Familien mit Kindern. Einige lassen verängstigt ihre Menus stehen, Polizisten hindern die Protestierenden daran, in das Lokal einzudringen, sonst lassen sie die Leute gewähren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Sicherheitskontrollen wie am Flughafen»Die Szene ist am 22. Februar 2025 gefilmt worden, unter den Demonstranten ist auch Nora Bussigny. «An jenem Tag habe ich es nicht mehr ausgehalten», sagt sie im Gespräch. «Kurz zuvor war bekanntgeworden, dass die Hamas die beiden Kinder der Familie Bibas erwürgt hat. Aber das interessierte an der Demonstration niemanden.»Nora Bussigny ist 30 Jahre alt, gehört in Frankreich aber schon zu den profiliertesten und meistgehassten Journalisten, ihre Bücher und Beiträge für das Magazin «Le Point» und andere Medien sorgen regelmässig für Aufsehen. Die NZZ hat mit ihr zwei Video-Interviews geführt und sie im März bei einem Auftritt an der Universität Freiburg getroffen. Dort versuchte sie vornehmlich linksalternativen Studenten und Diversity-Beauftragten zu erklären, dass es ein Irrtum sei, Gewalt als ausschliesslich rechtsextremes Phänomen zu begreifen.Bei ihren Auftritten muss Bussigny oft von Polizisten geschützt werden. «Am schlimmsten war es an der Freien Universität Brüssel», sagt sie, «da haben mich rund 15 Polizisten begleitet, es gab Kontrollen wie am Flughafen.» In sozialen Netzwerken beschimpft man sie als Hure, Verräterin und Schlimmeres.Die alltägliche Bedrohung hängt mit Bussignys jüngstem Buch zusammen, «Les nouveaux antisémites» (die neuen Antisemiten), das in Frankreich seit Monaten auf der Bestsellerliste steht. Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 hat sich die Autorin unter falscher Identität in linksradikale Gruppen eingeschlichen, die vorgeben, für die Unterdrückten und für die palästinensische Bevölkerung zu kämpfen.Sie gab sich als leichtgläubige Studentin aus, teilte Demo-Aufrufe, skandierte mit verzücktem Gesicht Parolen für die Hamas. Nach Recherchen in Frankreich, Belgien und an der Columbia University in New York ist Bussignys Befund klar: «Die Empathie, die das Schicksal der Palästinenser in Gaza auslöst, wird von Extremisten manipuliert.» Statt um echtes Mitgefühl gehe es oft nur darum, Sympathien für Terrororganisationen wie Hamas und Hizbullah zu wecken, Hass auf die Juden zu schüren und die Gesellschaft in einen permanenten Unruhezustand zu versetzen, in dem Gewalt legitim scheine.«Intersektionalität» – das Zauberwort der VerblendetenIn Frankreich wird diese Stimmung von islamistischen und linken Gruppen wie der Partei La France Insoumise (LFI) geschürt. Die LFI will 2027 das Präsidentenamt erobern und ist auch im Europaparlament vertreten. Schon als ein Polizist im Juni 2024 den Jugendlichen Nael M. bei einer Kontrolle erschoss, erhoben LFI-Vertreter und andere Agitatoren sofort Rassismusvorwürfe, obwohl der Tathergang bis heute nicht geklärt ist. Die Instrumentalisierung des Vorfalls führte zu schwersten Ausschreitungen, die in Brandstiftungen und Angriffen auf Staatsvertreter und deren Familien gipfelten.Für Nora Bussigny war der Fall Nael nur ein Vorspiel. «Vor dem 7. Oktober 2023 habe ich geglaubt, es sei der Hass auf Polizisten und den angeblich strukturell rassistischen Staat, der Linksradikale, Feministinnen und Islamisten vereint», sagt sie. «Doch die stärkste Klammer ist der Hass auf den Zionismus, der oft nichts weiter als ein kaschierter Antisemitismus ist.»Legitimiert wird die Allianz zwischen Linksradikalen und Islamisten laut Bussigny durch Schlagworte wie Antikolonialismus und das Prinzip der «Intersektionalität»: eine Art progressives Kastensystem, das Menschen danach beurteilt, wie stark sie diskriminiert werden. Da gläubige Muslime und Palästinenser aus neolinker Sicht als maximale Opfer von Kolonialismus und Rassismus gelten – selbst wenn es um Männer geht, die Frauen verachten und selber rassistisch sind –, stehen sie in der Hierarchie über «weissen» Schwulen, Frauen und vor allem Juden. Denn die werden als Superweisse und Herrenmenschen eingestuft.LGBT-Aktivisten twerken für GazaNora Bussigny bezeichnet sich selber als Feministin. Gerade deshalb findet sie die Theorie der Intersektionalität «absurd». Deren Konsequenzen habe sie schon vor dem 7. Oktober gesehen, als sie für ein anderes Buch recherchiert habe. So habe man weisse LGBT-Personen an Pride-Demonstrationen angewiesen, zuhinterst zu laufen. Feministinnen, die sich zu wenig «antikolonial» positioniert hätten, seien angepöbelt worden.Mit dem Hamas-Massaker des 7. Oktober sei alles noch schlimmer geworden. «Viele angebliche Feministinnen waren erfreut, dass die Hamas Israel angegriffen hat. Obwohl es da schon die ersten Horrorvideos gab, von blutenden Frauen, die an den Haaren auf Pick-ups geschmissen werden.»Für ihr neustes Buch hat Bussigny nach eigenen Angaben mit rund hundert Leuten gesprochen, sie hat Tiktok, Telegram- und Instagram-Kanäle durchforstet und einen Online-Kurs von «Urgence Palestine» besucht. Dort habe man den Teilnehmern gezeigt, wie man Wikipedia-Artikel zugunsten des «palästinensischen Widerstands», also der Hamas und anderer Gruppen, umschreibe.In ihrem Buch begegnet man Aktivisten, die den Zionismus als Wurzel alles Bösen betrachten, aber nicht fähig sind, den Begriff zu erklären. Sie berichtet von LGBT-Aktivisten, die für Gaza twerken und mit dem Hintern wackeln, obwohl sie in Gaza unter den Scharia-Gesetzen der Hamas kaum einen Tag überleben würden. Oder von Feministinnen, die Ohrringe in Form einer Klitoris tragen, aber kein Wort über die von der Hamas vergewaltigten Frauen verlieren, weil sie die Taten leugnen oder als Folge eines universellen Patriarchats verharmlosen.Tränen über den Tod des Hamas-Terroristen SinwarIn diesem Milieu lässt man es laut Bussigny zu, wenn aggressive Männer Demos für Frauenrechte kapern und die Teilnehmerinnen mit Gaza-Slogans übertönen. Ein femininer Mann sei an einer solchen Demo als «pédé» (Schwuchtel) verhöhnt worden, ohne dass dies Widerspruch ausgelöst hätte. Noch schlimmer treffe es jüdische und iranische Frauen, die nicht Israel, sondern die Mullahs in Teheran und die Vergewaltiger der Hamas anklagen: «Sie wurden beschimpft und manchmal sogar mit Flaschen beworfen.»Die Solidarität mit Terroristen gehe so weit, dass Hamas-Führer wie Märtyrer gefeiert werden. Im Oktober 2024, so berichtet Bussigny, sei sie in Ivry-sur-Seine live dabei gewesen, als propalästinensische Aktivisten die Nachricht vom Tod des Hamas-Führers Yahia Sinwar erhalten hätten. «Mädchen im Hijab haben geweint, als wäre ihr Lieblingspromi gestorben, Will Smith oder sonst jemand.» An jener Veranstaltung seien auch Rufe wie «Gloire au Hamas» und «zehn Märtyrerkämpfer fallen, tausend andere werden sich erheben» zu hören gewesen.Wie hält man es in diesem Milieu aus, und wie schafft man es, nicht aufzufliegen? Nora Bussigny antwortet, sie habe während ihrer Undercover-Recherche unter einer Art Persönlichkeitsspaltung gelitten. «An einem Tag habe ich ‹Sieg für die Hamas› geschrien, am nächsten Tag mit einem jüdischen Kind gesprochen, das verprügelt wurde, weil es jüdisch ist.» Manchmal singe sie noch heute «wir sind die Kinder von Gaza», wenn sie beim Duschen oder Abwaschen sei.Wichtig sei, Begeisterung und Empörung zu mimen und keine «verdächtigen» Begriffe wie «Israel» zu verwenden. «Zionistische Entität» heisse das in der Aktivistensprache.Die oft vorgebrachte Behauptung, Kritik an «Zionisten» habe nichts mit klassischem Judenhass zu tun, hält Bussigny für eine Lüge. Das zeige unter anderem die Verschwörungstheorie über die angebliche «zionistische» Kontrolle von Medien und Regierungen, die schon in den 1930er Jahren populär gewesen sei (der LFI-Führer Jean-Luc Mélenchon, dessen Partei nichts mit Antisemitismus zu tun haben will, hat diese Theorie kürzlich zitiert, indem er der Regierung vorwarf, sie empfange Befehle von einem jüdischen Verband).Gewalt und ein Pitbull in der Banlieue-SchuleDie Folgen dieser Propaganda sind in Frankreich jedenfalls nicht zu übersehen. In Strassburg, wo Nora Bussigny vor dem «McDonald’s» demonstrierte, versuchte ein Attentäter 2023, Passanten abzustechen. «Gott ist gross», rief er, «ihr kommt alle in die Hölle, für das, was ihr in Palästina macht!» 2024 vergewaltigten und misshandelten muslimische Jugendliche in Courbevoie bei Paris ein jüdisches Mädchen, um es «für Gaza» zu bestrafen. Die Zahl der Angriffe auf Juden ist seit dem 7. Oktober 2023 sprunghaft gestiegen, bis zu 100 000 sollen das Land seit 2000 verlassen haben, viele ans Auswandern denken.Obwohl sie selber als «Zionistin» und «Komplizin des Genozids» verleumdet wird, verbindet Nora Bussigny nichts mit Israel. Sie ist 1995 in Clermont-Ferrand geboren, als Tochter eines Franzosen und einer Marokkanerin, Vater und Mutter beschreibt sie als säkulare Sozialisten. Mit Gewalt und religiösem Fundamentalismus wird Bussigny schon früh konfrontiert, als sie als Aufseherin in einer Schule im Grossraum Paris arbeitet. «Irre Szenen» habe es da gegeben, blutige Schlägereien, Schüler, die mit Schlagstöcken oder einem Pitbull aufgekreuzt seien.«Manche Kollegen betätigten sich als Prediger und forderten die muslimischen Schüler zum Beten und zum Tragen des Kopftuchs auf», erzählt sie. «Das war umso schockierender für mich, als ein Teil meiner Familie muslimisch ist, aber mit dieser Art der Glaubensausübung absolut nichts anfangen kann.» Ihre Erfahrungen hat Bussigny 2018 in einem ersten Buch verarbeitet, unter dem Titel «Surveillante : Journal d’une pionne de banlieue».Schon dieses Buch sorgte in den Medien für einiges Aufsehen, aber das ist wenig im Vergleich zu dem, was Bussigny seit der Veröffentlichung von «Les nouveaux antisémites» erlebt. Besonders die LFI versucht, die Journalistin mit allen Mitteln als «islamophobe» Hetzerin zu diskreditieren. Linke Medien werfen ihr vor, sie habe die Protagonisten in ihrem Buch zu wenig angehört.Propaganda für die Generation ZTatsächlich hat Bussigny namentlich genannte Aktivisten und Politiker nicht direkt konfrontiert, sie hat aber deren Äusserungen und Verbindungen akribisch dokumentiert. Die Beweislast ist erdrückend, gerade was den Antisemitismus und die Beziehungen der LFI und anderer Gruppen zu islamistischen Kreisen betrifft. Eine Kommission des französischen Parlaments hat Bussigny deshalb im Dezember als Expertin eingeladen. Mehrere Abgeordnete gratulierten ihr zu ihrem Mut.Anders als manche Autoren, die bloss von Islamogauchismus raunen, nennt Bussigny Namen, Orte und Organisationen. Zum Beispiel das Netzwerk Samidoun, das sich offiziell für die Rechte palästinensischer Gefangener einsetzt, in der Realität aber als legalistischer Arm der mit der Hamas verbündeten Terrororganisation PFLP wirkt. In Deutschland, Kanada und anderen Ländern ist Samidoun verboten, in Frankreich darf die Organisation in Gemeindesälen ihre Propaganda verbreiten und Kinder dazu animieren, palästinensische Flaggen zu schwenken.Samidoun gibt sich ganz offen als Proxy der Mullahs in Teheran und feiert diese als «Knotenpunkt des Widerstands». Eine amerikanische Koordinatorin von Samidoun hat 2024 in Teheran einen «Menschenrechtspreis» empfangen. Das hindert Politiker der LFI laut Nora Bussigny nicht daran, sich mit Samidoun-Exponenten zu zeigen und die mit Samidoun verbundene Organisation Urgence Palestine zu unterstützen. Sie scheuen sich auch nicht davor, einen Agitator wie Elias Imzalène zu verteidigen, der bei einer Demo in Paris zur Intifada in Frankreich aufgerufen und früher im Milieu der Holocaustleugner verkehrt hat.Wie Nora Bussigny in ihrem Buch aufzeigt, zielt die links-islamistische Allianz auf Muslime in den französischen Vorstädten, aber auch auf die Generation Z, die bei den Präsidentschaftswahlen erstmals eine wichtige Rolle spielen wird. «Diese jungen Wähler werden auf X, Instagram und vor allem auf Tiktok mit Propaganda überflutet», sagt sie, «zudem betreiben Sender wie al-Jazeera massive Desinformation und unterstützen die LFI.»Da derzeit massgebliche Teile der europäischen Linken mit einem Kurs à la LFI sympathisieren, ist die Lektüre von Bussignys Bericht auch ausserhalb Frankreichs zu empfehlen.Etwa in Deutschland, wo die Partei Die Linke unter Jubel beschlossen hat, von einem «Genozid» in Gaza zu sprechen. Oder in der Schweiz, wo nonbinäre Kulturschaffende Samidoun-Leute einladen und sich Sozialdemokraten in Genozid-Rhetorik ergehen. SP-Vertreter haben kürzlich die LFI-Politikerin Rima Hassan eingeladen, die Verschwörungstheorien und Fake News über «Zionisten» verbreitet und säkulare Linke als «Islamfeinde» zum Abschuss freigibt. In Bussignys Buch erfährt man viel über Hassan, ihre Einschüchterung von politischen Gegnern und ihre, wie es die Autorin ausdrückt, «jüdische Obsession».Bei aller Düsternis, die Bussignys Bücher durchziehen, ist die 30-Jährige im Gespräch stets gut gelaunt. Ist sie optimistisch? «Als ich in der Menge ‹Gloire au Hamas› gerufen habe, dachte ich, wir seien verloren», antwortet sie. «Aber seit mein Buch herausgekommen ist, bin ich voller Hoffnung. Es gibt eine stille Mehrheit, die von der Explosion des Antisemitismus schockiert ist, die die extreme Linke nicht mehr erträgt und die erkennt, dass es in Frankreich ein Problem mit dem Islamismus gibt.»Der Erfolg ihres Buches gibt Bussigny recht. Mehrere Übersetzungen sind geplant.Nora Bussigny: Les nouveaux antisémites. Enquête d’une infiltrée dans les rangs de l’ultragauche. Verlag Albin Michel, Paris 2025. 265 S., Fr. 31.50.Passend zum Artikel
Undercover in der radikalen Linken: Nora Bussignys Enthüllung
Eine junge französische Journalistin deckt die Verstrickungen zwischen Islamisten und Linksextremen in Frankreich, Belgien und den USA auf. Ihr Buch «Die neuen Antisemiten» ist auch für Deutschsprachige lehrreich.








