Das Fitnessprogramm für jenen großen Teil des Publikums, der mit dem Rudolstadt-Festival gealtert ist, musste dieses Jahr entfallen. Seit Beginn der Neunzigerjahre erstreckte sich das Weltmusik-Festival über die ganze Thüringer Residenzstadt, von hoch oben auf der Heidecksburg bis hinunter zum Heinepark an der Saale. Aber bei der 34. Ausgabe am vergangenen Wochenende war der sonst mehrmals zu absolvierende, schweißtreibende Anstieg zu den Bühnen der Heidecksburg nicht nötig, da die gerade saniert wird, vermutlich bis 2030. Man kann nicht leugnen, dass so das Festival etwas Flair einbüßte, auch wenn neue Spielstätten unten in der kleinen Stadt erschlossen wurden.Kurz vor dem Beginn kam noch eine Hiobsbotschaft: Die für das Eröffnungskonzert vorgesehene Band Blumengarten, die mit ihrem Song „Gut genug“ international Erfolge feiert und die gewiss auch junges Publikum anlocken sollte, sagte ab. Sie favorisierte neue Gelegenheiten für Auftritte in den USA. Da war das gastfreundliche Städtchen in Ostthüringen, in das an Festivaltagen fast so viele Besucher strömen, wie dieses Einwohner hat (aktuell 24.500), nicht gut genug: lieber New York als Rudolstadt. Als Ersatz rettete die Brass-Funk-Rap-Band Make a Move aus Berlin aber den Auftakt.Kürbismusik und KehlkopfgesangAus den über 330 Auftritten der Musiker aus fast vierzig Ländern konnte sich sodann jeder wieder sein eigenes Festival basteln – Mut zur Lücke ist geboten, um entspannt durch die vier Programmtage zu kommen. Die einen begeisterten sich für das La Vespa Cougourdon Ourchestra, das Musik auf selbstgebauten Kürbis-Instrumenten bietet, die im Karneval Nizzas wurzelt – andere, gerade auch viele junge Leute, feierten das englische Geschwistertrio Kitty, Daisy & Lewis, das im Retrosound Swing, Blues und Country der Vierziger- und Fünfzigerjahre covert, verbunden mit Eigenkompositionen im Stile westindischer Musik. Wieder andere blieben an der Bühne hängen, auf der des Finnen Antti Paalanens mongolisch beeinflusster Kehlkopfgesang zu seinem Akkordeonspiel ertönte. Auch drei A-cappella-Ensembles faszinierten mit mehrstimmigen Gesängen: bulgarische Frauen, das Bulgarka Junior Quartet, sardische Tenöre, die Tenores di Orosei, und Basbaritenori, vier burgenländische Kroaten.Die österreichische Gruppe A Schwoazzes Gebiss beim Rudolstadt Festival 2026Oliver JentschMit dem Burgenland in Österreich pflegt Rudolstadt neuerdings eine „Kulturpartnerschaft“. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt geriet da in seiner Eröffnungsrede ins Schleudern. Zuletzt wegen intransparenter Nutzung von KI-Software, auch für einen Beitrag in dieser Zeitung, ins Gerede gekommen, sprach er frei, aber ihm unterlief der Fauxpas, dass er den Repräsentanten des Burgenlands wiederholt als Vertreter des Burgenlandkreises in Sachsen-Anhalt ansprach.Sackpfeifen als PromotionsthemaNicht nur die Region um Eisenstadt – ganz Österreich war diesmal „Länderschwerpunkt“ des Festivals. Den krönte ein Orchesterprojekt der Thüringer Symphoniker, die mit dem Handpan-Spieler Manu Delago dessen Musik spielten. Länderschwerpunkte werden in Rudolstadt in Vorträgen und Workshops stets auch wissenschaftlich traktiert. Doktor Michael Verano von der Kapelle Winkeltanz spielte nicht nur die böhmisch-österreichische Bockspfeife, er referierte auch über diese, waren Sackpfeifen doch sein Promotionsthema. Das Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften stellte Kerstin Klenke vor und betonte, dass dort schon von 1899 an „open science“ betrieben wurde. Ein „Songposium“ präsentierte den lieben Augustin als Archetyp des Straßenmusikers aus Wien und erwog, Wilhelm August Jureks „Deutschmeister Regimentsmarsch“ in der Parodieversion „Idiotenklub“, die 1985 die Gruppe Liederjan sang, zur EU-Hymne zu bestimmen.Einen wunderbaren Einblick in den Länderschwerpunkt boten die beiden österreichischen Hörfunkjournalisten Albert Hosp und Johann Kneihs. Mit Hörbeispielen zeigten sie die Entwicklung von Broadlahns „Gastarbeiterroute“ über Otto Lechners anarchisches und doch mit heiligem Ernst betriebenes Schaffen bis zu Hubert von Goiserns Experimenten im alpinen Klanglabor. Muss man zur Charakterisierung des Rudolstadt-Festivals extra erwähnen, dass sowohl Lechner als auch von Goisern längst dort aufgetreten sind, Goisern 2003 zusammen mit Mohamed Mounir, Lechner im Jahr vor Corona?Das Lied zum BadeschlussDer Gedichtband „Med ana schwoazzn dintn“ brachte H. C. Artmann 1958 den literarischen Durchbruch. Den Wiener Musiker Georg Kostron inspirierte der Buchtitel zum Namen seiner Band „A Schwoazzes Gebiss“. Die liefert nicht nur düsteres Liedgut („Als der Zirkus in Flammen stand“, ein Georg-Kreisler-Cover), sondern auch Vertonungen Wiener Nachkriegslyrik, erschreckend etwa das Jandl-Gedicht „schtzngrmm“.Wer als Musiker in Rudolstadt erfuhr, dass das Lied „Badeschluß“ der Gruppe 5/8erl in Ehren inzwischen in allen Wiener Bädern als Rauswerfer ertönt, könnte neidisch werden. Den Trost von Agnes Palmisano, Interpretin des Wiener Dudlers, einer Mischform aus alpinem Jodler und Koloraturgesang, dass Deutschland und Österreich etwas gemeinsam hätten, nämlich dass beide früh aus der Fußball-Weltmeisterschaft ausgeschieden sind, zierte eine Boshaftigkeit. Stolz den Kopf zurückwerfend, durchs schöne lange Haar streichend, rief sie: „Aber wir sind nach Deutschland ausgeschieden!“Die Aktualität von Mascha Kalékos LyrikNeben leisen Konzerten im Heinepark waren auch zwei der zahlreichen Auftritte Simon Mayers und der Sons of Sissy eine sensationelle Novität für Rudolstadt: Nackt hatte man dort bisher nur Besucher an extrem heißen Sommertagen in der Saale gesichtet. Nun brachte Mayer, er war Mitglied des Wiener Staatsopernballetts, in der Performance „FolkDanceParty“ vier nackte Männer mit Geige und Akkordeon auf die Bühne.Die Vertonungen von Gedichten der in Galizien geborenen jüdischen Dichterin Mascha Kaléko durch Rosa Valetti, Claire Waldoff oder Annemarie Hase in der Weimarer Republik kennt heute kaum noch jemand. Dota Kehr rief sie wieder in Erinnerung und zeigte die Aktualität dieser Großstadtlyrik der Zwanzigerjahre. Den alljährlich auf dem Festival verliehenen Weltmusikpreis erhielt Kehr für ihr Programm „In der fernsten der Fernen“ mit Texten Kalékos. Im kommenden Jahr soll man dann mit dem Länderschwerpunkt Korea in Rudolstadt erfahren, dass koreanische Musik mehr ist als K-Pop.
Rudolstadt-Festival 2026: Kürbismusik und mehr
Welches Burgenland darf's denn sein? Das Weltmusik-Festival im thüringischen Rudolstadt hatte in diesem Jahr viel Kurioses zu bieten – auch einen Lapsus des Ministerpräsidenten Mario Voigt.








