Die Sommerferien sind eine Gelegenheit, auf die praktischen Folgen der Kommunalwahl vom 15. März zu blicken. In den großen hessischen Städten zeichnen sich inzwischen Koalitionen und Bündnisse ab, auch wenn sie, wie in Darmstadt, keine Mehrheit haben. Oder, wie in Frankfurt, mehr Partner haben als nötig. Die Ferien und damit die sitzungsfreie Zeit sind eine Zäsur. Denn die vereinfachte Abwahl von Beigeordneten in kreisfreien Städten und Sonderstatusstädten ist nur bis Ende September möglich. Und zwar in zwei Wahlgängen, zwischen denen vier Wochen liegen müssen.Aus diesen Fristen und den Sitzungsterminen ergibt sich: Wer bisher nicht zueinandergefunden hat, kann seine personellen Vorstellungen kaum noch durchsetzen. Deshalb wurden in Hessens größter Stadt Frankfurt in der letzten Sitzung vor der Sommerpause die Bürgermeisterin und drei Dezernenten abgewählt, in Wiesbaden gleich sechs, und in Offenbach ist der Personalwechsel sogar schon komplett vollzogen. In Hanau folgen die Umbesetzungen erst, wenn es im Oktober zum Wechsel im Oberbürgermeisteramt kommt.Die Verhandlungen über eine Zusammenarbeit haben sich mancherorts schwierig gestaltet, und die Zersplitterung der Stadtparlamente macht es nicht leichter. Der Hessische Staatsgerichtshof hatte Anfang des Jahres die Absicht der Landesregierung verworfen, die Stimmen nach dem d’Hondt-Verfahren auszählen zu lassen, das eher größeren Parteien zugutekommt. Schon vor der Wahl im März war in den größeren Städten im Rhein-Main-Gebiet die Zahl der im Stadtparlament vertretenen Gruppierungen zweistellig, in Darmstadt, Frankfurt und Hanau ist es nochmals eine mehr geworden.17 Listen mit Sitz im StadtparlamentDass in Frankfurt diesmal lediglich 22 statt 28 Listen auf dem quadratmetergroßen Stimmzettel standen, hat nicht verhindert, dass nun 17 Listen statt bisher 16 über Sitze verfügen. Zehn Stadtverordnete vertreten ihre Partei oder Wählergruppe allein, von diesen haben sich inzwischen jeweils drei zu Fraktionen zusammengeschlossen. Wäre nach dem d’Hondt-Verfahren ausgezählt worden, würden im Römer nur Stadtverordnete von zehn Listen sitzen.Nach mehreren Anläufen hat sich in Frankfurt ein neues Koalitionsmodell etabliert, die 3+1-Variante. Sie besteht aus einer Koalition von CDU, SPD und den Grünen, die eine Beteiligung von Volt zur Bedingung machten. Die Europapartei ist jetzt als „Kooperationspartner“ eingebunden, obwohl ihre Stimmen nicht nötig wären. Mit der Wahl hat die CDU die Grünen als stärkste Kraft abgelöst. Der neuen Mehrheit gehören aber immer noch drei Parteien der vorigen Koalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt an, aus der die Liberalen vorzeitig ausgeschieden waren.Auch die Landeshauptstadt Wiesbaden bereichert die politische Mehrheitsbildung um einen neuen Begriff, die Maracuja-Koalition. So nennen CDU, Grüne, FDP und Volt das Ziel ihrer Verhandlungen, die umso bemerkenswerter sind, als der Stadtverordnete der Initiative „Pro Auto“ in der FDP-Fraktion hospitiert. Er habe an den Sondierungen jedoch nicht teilgenommen und werde auch nicht Teil der Koalition sein, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung. Die Maracuja-Koalition soll das frühere Linksbündnis aus Grünen, SPD, Linken und Volt ablösen. Den politischen Wechsel hat sie jetzt mit der ersten Abwahl aller Dezernenten eingeleitet.Oberbürgermeister ohne politische MehrheitDie SPD als Partei des Wiesbadener Oberbürgermeisters Gert-Uwe Mende wäre damit nicht an der Koalition beteiligt. Auch in Darmstadt kann Oberbürgermeister Hanno Benz (SPD) nicht auf eine Koalition mit SPD-Beteiligung bauen, was für ihn keine neue Erfahrung ist. Die vorherige Koalition aus CDU, Grünen und Volt hatte am Ende keine Mehrheit mehr. Jetzt arbeiten zwar CDU, SPD, Uffbasse und FDP zusammen, doch auch ihnen fehlen sechs Stimmen zur absoluten Mehrheit.In allen drei Städten war in der vergangenen Wahlperiode der Neuling Volt an Koalitionen beteiligt. In Frankfurt kam der Europapartei jetzt eine Schlüsselrolle zu, weil sie ein Bündnis ohne Grünen-Beteiligung verhinderte. Als einen Grund nannte sie die Erfahrungen mit der FDP in der vorigen Koalition. In den Verhandlungen band sich Volt jetzt an die Grünen, auch in Darmstadt bilden Grüne und Volt ein „Team“ und in Hanau sowie im Main-Taunus-Kreis sogar Fraktionsgemeinschaften. Doch in der Kommunalpolitik lässt sich Parteipolitik nicht über einen Kamm scheren. In den Kreistagen des Hochtaunuskreises, des Main-Kinzig-Kreises und der Wetterau haben sich Volt und FDP zu Fraktionen zusammengeschlossen.Während die CDU in ganz Hessen mit einem Zugewinn von 1,3 Prozent der Wahlsieger war und SPD, Grüne und FDP Stimmenanteile verloren, gehen die Uhren in Offenbach und Hanau anders. Dort ist jeweils die SPD stärkste Kraft, in Offenbach konnte sie sogar deutliche Stimmengewinne verbuchen. Die Partnersuche ging hier deutlich schneller, auch weil nur zwei verhandelten: SPD und CDU arbeiten in Offenbach zusammen, während die Grünen nach 29 Jahren nicht mehr im hauptamtlichen Magistrat vertreten sind. Bürgermeisterin Sabine Groß (Die Grünen) und Stadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP) sind abgewählt und Andreas Bruszynski (CDU) und Helena Wolf (SPD) zu Nachfolgern gewählt worden.Noch unaufgeregter geht es in Hanau zu. Dort steht erst im Herbst mit dem Ausscheiden des dienstältesten hessischen Oberbürgermeisters Claus Kaminsky (SPD) ein Einschnitt bevor. Im Stadtparlament setzen SPD, CDU und FDP ihre Zusammenarbeit der vergangenen Wahlperiode fort. Maximilian Bieri (SPD) ist als Nachfolger Kaminskys schon gewählt. Obwohl die SPD die größte Fraktion ist, rückt seine Konkurrentin aus dem Oberbürgermeisterwahlkampf, Stadträtin Isabelle Hemsley (CDU), auf den Bürgermeisterposten nach. Die SPD besetzt den dadurch frei werdenden Stadtratsposten mit Andreas Jäger.