KommentarEltern wollen keine Söhne mehr: Das Mädchen ist das neue Trophy-KidViele Eltern wünschen sich heute Töchter und bezahlen sogar in Kinderwunschkliniken dafür. Was als Fortschritt und Emanzipation verkauft wird, ist das Gegenteil: Wachsende biologistische Stereotype schaden allen.07.07.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenDer biologistische Essenzialismus ist hartnäckig: Die Erwartungen an einen Menschen heften sich immer noch an seine Biologie.Photopress-Archiv / KeystoneMilena Reszka weint viel in ihren Instagram-Videos. Besonders weint sie aber vor der Gender-Reveal-Party, bei der das Geschlecht ihres Kindes, ja, «veröffentlicht» werden soll. «Was, wenn es kein Mädchen wird?», schluchzt die Influencerin in die Kamera. Als aus dem goldenen Luftballon blaues Konfetti herabflattert, hüpfen die Gäste und reissen die Arme hoch, Reszkas Mundwinkel aber bleiben unten. Später zeigt sie sich gefasster. Sie wehrt sich gegen böse Kommentare: Ihr Sohn werde später nicht traurig über ihr Video sein, denn alle Gefühle seien wertvoll, das werde der Sohn bestimmt verstehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieser Internetschnipsel wirkt vielleicht aussergewöhnlich einfältig, ist aber kulturelle Reflexion eines verbreiteten Phänomens: Immer mehr werdende Eltern in entwickelten Gesellschaften wünschen sich Mädchen und müssen ihre Trauer erst einmal verarbeiten, wenn es ein Knabe wird.Diese Präferenz wird zwar in sozialen Netzwerken oft als Tabu bezeichnet, das jetzt endlich einmal mutig ausgesprochen wird. Die Unzahl von Foreneinträgen, Artikeln und Videos, in denen Eltern über ihre Enttäuschung sprechen, kein Mädchen zu bekommen, zeigt aber eher die Normalisierung des Phänomens mit dem griffigen Namen «gender disappointment». Wobei dieser neutral klingende Begriff seltsamerweise nur die Enttäuschung über Buben meint.Auch gibt es immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen, die die wachsende Mädchenpräferenz dokumentieren. Ein wichtiges Indiz sind auch Statistiken aus Kinderwunschkliniken. Hierzulande mag die Selektion von Embryonen nach Geschlecht zwar verboten sein, doch in den USA und anderen Ländern können künftige Eltern ihrem Glück für 10 000 Dollar einen Schubs geben.Feministische UngerechtigkeitDie Chefin einer grossen New Yorker Fruchtbarkeitsklinik äusserte gegenüber dem Magazin «Economist»: «Früher ging es nur um Buben.» Heute hingegen seien Mädchen deutlich bevorzugt. Auch haben zur Adoption freigegebene Mädchen bessere Chancen auf Eltern als Jungen.Auch hierzulande äussern werdende Eltern in gebildeten Milieus ihre Sorge, einen Buben zu bekommen, oft völlig selbstverständlich, ohne auch nur in den Gedanken zu verfallen, dass daran etwas irritierend sein könnte.Warum auch, mögen Feministinnen fragen. Ist doch ausgleichende Gerechtigkeit, dass Mädchen jetzt bevorzugt werden, und ein Zeichen von gelingender Emanzipation. Nachdem in Indien und China nun mehrere Jahrzehnte Millionen weiblicher Föten abgetrieben und sogar Babys getötet worden sind, weil sie Mädchen waren. Auch westliche Gesellschaften behandelten jahrhundertelang Jungen bevorzugt als Stammhalter. Ausserdem, wer will schon einen toxischen Mann gebären?Doch diese Haltung ist ein grosses Problem, das viel Leid erzeugt – für beide Geschlechter. Denn sie spiegelt, wie unsere Gesellschaften heute funktionieren. Trotz allen Emanzipationsbemühungen bleiben wir im biologistischen Essenzialismus hängen: Die Erwartungen an einen Menschen heften sich an seine Biologie. Der Charakter klebt unausweichlich am Chromosom – keinen Deut weniger als vor fünfzig Jahren. Jede Feministin und jeden Humanisten sollte dabei das kalte Grausen packen.Zwar haben sich die Bewertungskriterien gedreht. Doch unsere Zuschreibungen an Geschlechter bleiben inhuman, das gilt auch für die nur scheinbar positiver bewerteten Mädchen.Mädchen gelten als dienstbarerDenn der angeblich so fortschrittliche Mädchenwunsch vieler Eltern ist in Wahrheit eine Nutzenerwartung. Mädchen gelten als einfacher, ruhiger, fürsorglicher. Einige Ökonomen und Soziologen diskutieren als einen Grund für den wachsenden Mädchenwunsch, dass Töchter im Durchschnitt häufiger emotionale Unterstützung und Pflege für ihre Eltern übernehmen als Söhne, und nennen das den «caregiving daughter effect». Das ist also eine sehr traditionelle Rollenerwartung an die Dienstbarkeit der Frauen.Zusätzlich können Mädchen heute alles werden: Bundeskanzlerin, Bauingenieurin, Astronautin, Professorin. Wie nützlich. Während das ruhige und fleissige Mädchen stets eine gute Beziehung zu seinen Eltern hält und ihnen im Alter den Hintern abwischt, kann es wie eine eierlegende Wollmilchsau auch noch den sozialen Status nach oben treiben.Und dabei gelten Frauen auch noch als die besseren Menschen. Denn wenn Frauen an der Macht sind, wirken sie ausgleichend und üben ihre Macht aus, ohne andere auszubeuten – so die fragwürdige kulturelle Deutung. Mehr Mädchen: Es wirkt wie das Versprechen auf eine postpatriarchale Welt ohne Gewalt. Deshalb wohl wirkt der Mädchenwunsch so fortschrittlich, so unverfänglich.Wenn man da auf die Bubenseite schaut, sieht es scheinbar düster aus: Nach #MeToo, dem Pelicot- und dem Epstein-Skandal fragt sich die Öffentlichkeit: Gibt es überhaupt noch eine Männlichkeit, die nicht toxisch ist?Betrachtet man das Kinderhaben von der Kosten-Nutzen-Seite her, scheinen Söhne für heutige Bedürfnisse ein Risiko zu sein. In der Schweiz wie in Deutschland haben mehr Frauen als Männer einen Hochschulabschluss. Männer fallen doppelt so häufig durch Studienabschlussprüfungen. Sie sterben früher, Männer begehen häufiger Suizid, die Gewalttäter in Gefängnissen sind zu 95 Prozent Männer. Aus Elternsicht fühlt es sich für viele wohl so an, dass mit einem Buben vor allem Ärger auf einen zukommt.Eltern behandeln Söhne schlechterAuch wenn es biologische Teilerklärungen dafür gibt, warum Männer eher zu Gewalt neigen. So sollte man sich unbedingt fragen, ob die inhumanen Rollenzuschreibungen und die Behandlung, die Eltern ihren kleinen Söhnen zukommen lassen, nicht genau diese problematischen Männer erst kreieren.Denn wenn es nur problematische Männlichkeitserwartungen gibt, wie soll sich ein Junge da entwickeln?Die Gesellschaft behandelt Buben in sehr grundlegenden Belangen schlechter: Töchter bekommen mehr emotionale Fürsorge als Söhne. Eine Studie aus dem Jahr 2016, die auf Datensätzen aus den Vereinigten Staaten, Kanada und dem Vereinigten Königreich basierte, ergab, dass Mütter und Väter mehr Zeit mit ihren kleinen Töchtern als mit ihren Söhnen verbrachten, um ihnen Geschichten zu erzählen, mit ihnen zu singen und ihnen vorzulesen – von der frühen Kindheit bis zum Vorschulalter.Andere Studien zeigen, dass Mütter seltener mit kleinen Söhnen sprechen, sie weniger trösten und umarmen. Die Eltern von Buben berichten häufiger, dass sie zu beschäftigt seien, um mit ihren Kindern zu spielen. Zudem ist ihre Sprache anders: Sie nutzen mehr Worte, die im Zusammenhang mit Wettbewerb und Leistung stehen, während Eltern mit Mädchen emotionsfokussierter sprechen.Der fragile MannDabei ist es in der Wissenschaft mittlerweile Konsens, dass Buben vulnerabler sind als Mädchen. Männliche Föten sterben häufiger im Mutterleib. Sind Buben auf der Welt, ist ihre Hirnentwicklung in manchen Bereichen anders als die von Mädchen. Für die Entwicklung von Hirnfunktionen zur Verarbeitung von Stress und Impulskontrolle brauchen sie im Schnitt etwas länger. Sie können auch im Schnitt schlechter stillsitzen.Buben sind auch nachweislich anfälliger, wenn sie in einem schwierigen Umfeld aufwachsen. Mädchen aus dysfunktionalen Familien schaffen es häufiger, sich trotzdem gut zu entwickeln, während Jungen eher soziale und psychische Probleme bekommen. Dass Eltern Buben weniger Zuneigung zeigen, ist also fatal.Buben und Männer haben doppelt verloren: Schon lange werden sie härter und weniger einfühlsam erzogen, sie sollen ihre Gefühle für sich behalten und kein Weichei sein. Doch heute werden die emotionale Taubheit und die Härte gegen sich selbst und andere, die diese Art der Erziehung zur Folge hat, ihnen negativ ausgelegt. Denn sie passt nicht mehr in unsere Gesellschaft, in der Soft Skills gefragt sind. Womöglich waren die Boomer die letzte Männergeneration, die mit teilweise mangelnder Selbstreflexion und tumbem Sozialverhalten noch erfolgreich sein konnte.In einer Welt, in der nur noch sehr wenige Kinder geboren werden, ist es aus einer Marktlogik heraus also nur richtig, sich die sichere Investition zu wünschen: die Tochter. Hohe Erwartungen hat sie zu erfüllen. Sie soll mit ihrer verträglichen Art das Leben schöner machen und sich reibungslos in den Alltag und den Lifestyle ihrer Eltern integrieren – wie ein wartungsarmer Thermomix.Geschlecht macht keine Persönlichkeit«Wir haben heute keine Trophy-Wives mehr», sagte Richard Reeves, Präsident des American Institute for Boys and Men, kürzlich dem «Economist». «Wir haben Trophy-Kids.» Das Institut ist eine amerikanische Organisation, die sich mit sozialen Problemen von Buben und Männern befasst.Dass sogenannte Boy-Moms im Internet wieder achselzuckend ihre Erfahrungen mit der Botschaft teilen: «Boys will be boys. Da kann man halt nichts machen», zeigt die Schieflage. Geschlecht ist demnach Schicksal. Er wird nie die Klopapierrollen nachfüllen, niemals den Küchentisch abwischen, aber im Bus breitbeinig anderen den Platz wegnehmen. Erziehungs- und Beziehungsarbeit spielt in diesem Denken keine Rolle.Kleine Buben sind keine toxischen, gewaltaffinen, gefühlsblinden Subjekte. Vielleicht ist es auch unserer angeblich so individualisierten Gesellschaft zuzuschreiben, dass viele Männer einen verschütteten Zugang zu ihren Gefühlen haben - samt den Folgen.Es ist wohl ein unglaublich utopischer Gedanke, aber was wäre, wenn man Kinder als komplexe Persönlichkeiten betrachtete? Sich für ihren Humor interessierte, ihre Ängste, ihre Zärtlichkeit, ihre Besonnenheit, ihren Mut und ihre Wut?Passend zum Artikel