Das Finale dauerte offiziell 25 Minuten. Um 19.44 Uhr betrat Schauspieler David Duchovny die Bühne des Amerikahauses in München, um den „Cinemerit Award“, von ihm später zärtlich „weapon“ genannt, in Empfang zu nehmen und sich mit den Filmfest-Chefs Julia Weigl und Christoph Gröner über das Filmemachen auszutauschen. Um 20.09 Uhr verließ Duchovny leicht gebeugt, langsamen Schrittes die Bühne. Sein Film „See you when I see you“ startete und beendete das 43. Münchner Filmfest.Schon die Eröffnungsszene stellte auf schmerzliche Weise eine Verbindung zum Beginn der ersten Folge von Duchovnys Kultserie „Californication“ her. Wurde in Letzterer der Drehbuchautor Hank beim Aufwachen von einer Frau beglückt, so muss sich in Duchovnys aktuellem Film der von ihm gespielte Familienvater Robert Whistler mit der kalten Schulter seiner Frau Paige (Hope Davis) begnügen, die sie ihm und seinem Begehren nach morgendlichem Sex zeigt.Die Aula der Hochschule für Fernsehen und Film ist im Rahmen des Filmfests blau beleuchtet.dpaRegisseur Jay Duplass hatte in einer Videoeinspielung Duchovnys Sinn für emotionale Anteilnahme und familiäre Verbundenheit am Set gelobt. David Duchovny, 63, mochte das nicht so ganz für sich stehen lassen: „Am Ende zählt nur der Enthusiasmus, das tun zu dürfen, was du wirklich liebst“, sagte er. Er habe zu Beginn eines jeden Films das Gefühl, zum ersten Mal vor der Kamera zu stehen. Dabei hat er seine Bühnenpräsenz inzwischen auf Musikbühnen erweitert. Sein Song „The Thing“ untermalte den eingespielten biographischen Trailer beim Filmfest.Enthusiasmus war dann auch das Zauberwort, der Schlüssel zu Karrieren im Showgeschäft: Wie dieser weit über die Lebensweisheiten eines älter gewordenen Hollywoodstars hinaus Berge versetzen kann, beschrieb am Tag zuvor Lena Decker auf dem in der Hochschule für Fernsehen und Film überraschend überlaufenen Werkstattgespräch über Finanzierung, Risiko und Unternehmertum. Decker ist Hauptdarstellerin und Produzentin des Films „So happy it hurts“, der mit 55.000 Euro Startkapital nach 44 Drehtagen – unter anderem auf Bali – den Weg ins Kino finden wird, nachdem sich die Constantin Film die Rechte gesichert hat.Viele Sponsoren halten sich bei Filmprojekten vornehm zurückEnthusiasmus bedeutet hier, dass Decker „am Set mit Baby auf dem Boden schlief, um Übernachtungskosten zu sparen“, und von der schließlich mit 35.000 Euro Kosten angesetzten Kostümbildnerin, nachdem man sich getrennt hatte, auch deren Job übernahm, was dem Team dann 31.000 Euro sparte. Dass man in Bali statt mit Drehgenehmigung mit Schmiergeld besser fuhr, erfuhr das Publikum auch. Selbstausbeutung mit Happy End könnte man sagen – die Sponsoren, die bei Social Media so leicht und zahlreich bereitstünden, würden sich bei Filmprojekten oft vornehm zurückhalten. Der Ausgang des Ganzen sei den möglichen Partnern zu ungewiss, erklärte Decker.Michael Kalb, weitgehend solo als Produzent vor allem für die öffentlich-rechtlichen Sender im Einsatz, gab unvermutet tiefe Einblicke, als er vorrechnete, dass bei einer BR-„Lebenslinie“ beim Produzenten 20.000 Euro brutto übrig blieben und bei einer großen Dokumentation, die insgesamt 300.000 Euro kostet, 45.000 Euro. „Wenn ich mir die über drei Jahre auszahle, sind das 15.000 Euro pro Jahr. Nicht genug zum Leben …“ Kalb ist den öffentlich-rechtlichen Sendern allerdings dankbar für ihre Verlässlichkeit. „Von den Streamern wird man meistens geghostet“, sagte Kalb.Die künstlerische Ko-Leiterin Julia Weigl (17. v. l.), Bettina Böttinger, (16. v. l.) Maren Kroymann (18. v. l.), Esther Schweins (19. v. l.) und Christoph Gröner, Festivaldirektor Filmfest München (3. v. r.), und das Team stehen bei der Premiere des Dokumentarfilms „Was haben wir gelacht“ über das Frauenbild in der deutschen Comedy in den 1990er und frühen 2000er Jahren vor dem Gloria Palast.dpaIn und aus der Not der Corona-Jahre geboren ist dagegen Arkanum Pictures aus Babelsberg. Deren Vertreter Sebastian Herbst verglich die Firma mit ihren drei Partnern mit einer Rechtsanwaltskanzlei. Jeder habe seine eigenen Projekte, die anderen arbeiteten bei Bedarf mit ihren speziellen Fähigkeiten zu. Serien wie „Wingspan“ und „Ignition“ (ARD) entstünden so oder „The Good Sister“ (rbb). Der Vorteil: „In Krisenzeiten müssen wir keinen großen Apparat abbauen.“ Noch während der Diskussion bewarben sich Anwesende um eine Partnerschaft bei Arkanum. Auch das ist das Filmfest: eine Fachmesse, bei der im besten Fall neue Verbindungen geknüpft werden.Die vielen Filmfest-Empfänge durchzog ein Hauch von Hoffnung – auch weil Disney ankündigte, mal eben die Investitionen in Deutschland zu verdreifachen, und Netflix verlauten ließ, dass man den Anteil deutscher Produktionen ausbauen möchte, gerne mit Komödien und Thrillern. „Aber bitte kein Genre und keine Action. Das trauen sie uns einfach in Deutschland nicht zu“, verrät ein deutscher Produzent. Dieser aber schätzt an Netflix zumindest, „dass ein Two-Pager reicht, um Netflix zu überzeugen – oder eben eine Absage zu bekommen. Wichtig ist, dass man eine Zutat, die sie intern ‚Netflix-Spice‘ nennen, nicht vergisst. Ohne die hast du keine Chance.“Eine Dokumentation, die ihr Publikum berührtOder man geht doch zum ZDF. Die ersten Folgen der ZDF-Miniserie „München Beats“ (ab 7. August im ZDF-Streamingportal) wurden unter freiem Himmel an einem See im Westpark vorgeführt. Ex-„Kommissar Pascha“ Tim Seyfi spielt den legendären Münchner Hallenmogul Wolfgang Nöth, der hier einfach Prell heißt und vom Niedergang der Kartoffelknödelfirma Pfanni profitiert: Er zieht in die leer stehenden Hallen der Firma und ermöglicht den Aufstieg der Techno-DJane Linda, Tochter eines Ismaninger Kartoffelbauern. Der Cast vereint mit Tobias Moretti, Jule Hermann, Klaus Steinbacher und Sophie von Kessel einige schauspielerische Hochkaräter. Steinbacher und von Kessel sind ebenfalls zusammen ab Anfang September in der Agenten-Serie „spy on“ bei ZDF-Neo zu sehen, die dem Genre ganz neue Farben abgewinnen soll.Regelrecht gerührt war das Publikum nach der Vorführung der aufwendigen Dokumentation „Was haben wir gelacht“, die schmerzhaft verdeutlichte, dass viele Humorlegenden aus den Neunzigern die MeToo-Debatte wohl nicht ganz schadlos überstehen werden. Auch Harald Schmidt, der (einst dafür gefeiert) im Jahr 2009 Ahoj-Brause aus Monica Ivancans Bauchnabel leckte. So viel Betroffenheit war nach einer Filmfest-Vorführung in Anwesenheit von Gaby Köster und Co. doch eher selten.Der mit insgesamt 70.000 Euro dotierte Förderpreis Neues Deutsches Kino ging dafür in diesem Jahr mehrheitlich an Frauen: Die Regisseurinnen Ella Cieslinski und Nina Wesemann erhielten die Förderung für den Film „Erzähl mir dein Morgen“, die Drehbuchautorin Sabine Heinrich für „Die miserable Mutter“ und Ricarda Seifried als beste Schauspielerin in „Erzähl mir dein Morgen“. Produzent Christoph Otto wurde für „Die Ballade von Mittwoch auf Donnerstag“ ausgezeichnet. Die mit 100.000 Euro höchste Auszeichnung des Filmförderfonds Bayern, der Cinepro-Award, ging an „Strange River“ von Jaume Claret Muxart. Der Hauptpreis des Münchner Filmfests, der Cinemasters-Award, kürte Visar Morinas „Von Scham und Geld“ zum besten internationalen Film – laut Jury „eine zarte, aber zugleich schonungslose Beobachtung einer Welt, in der Arbeitskräfte entbehrlich sind“. Der Film konfrontiere sein Publikum mit der Frage: „Lässt unsere kapitalistische Gesellschaft überhaupt Raum für Würde und Selbstachtung?“ Diese Frage mag vielen Besuchern des 43. Münchner Filmfests am Ende auf der Seele gelegen haben.