Hae-Lin Choi ist 49 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im New Yorker Borough Brooklyn. Hae-Lin Choi ist in Bochum aufgewachsen und wurde an der Freien Universität in Berlin in Politikwissenschaften promoviert. 2008 ging sie über ein Stipendium in die Vereinigten Staaten. Inzwischen arbeitet sie hauptberuflich für „Hands off New York“ und engagiert sich für Menschen, denen die Verhaftung durch die Einwanderungs- und Zollbehörde ICE droht.Frau Choi, im Februar kündigte die Einwanderungsbehörde ICE an, als „wichtiger Bestandteil“ des WM-Sicherheitskonzepts agieren zu wollen. Nun sind dreieinhalb Turnierwochen vorbei, und ICE ist praktisch unsichtbar. Täuscht der Eindruck, oder halten sich die Einheiten der Behörde wirklich zurück?Dieser Eindruck ist schon richtig. Unsere Sorge war, dass ICE in die Nachbarschaften vordringen würde, in denen sich die Menschen Spiele anschauen. Das ist tatsächlich nicht der Fall. Dennoch können wir sagen, dass es grundsätzlich einen Anstieg der ICE-Aktivitäten gibt. Wir sind Teil eines Netzwerks mit den anderen Städten, in denen WM-Spiele stattfinden, und sehen diese Entwicklung in all diesen Städten. USA-weit gibt es im Moment 1500 Festsetzungen pro Tag. Zwischen 25. Juni und 1. Juli wurden mehr als 10.000 Menschen verhaftet. Allerdings ist keine klare Verbindung zur WM erkennbar. Es gab keine Vorfälle während irgendwelcher Spiele oder Watchpartys.Als „Hands off New York“ nutzen Sie die WM, um auf Ihre Arbeit aufmerksam zu machen. Worin besteht die Arbeit Ihrer Organisation?Wir haben in unseren Vorbereitungen auf das Turnier zwei Bereiche definiert: die dunkle Seite der WM und die helle Seite. Die helle Seite ist die Chance, die Diversität in diesem Land hervorzuheben. Im Moment sind viele Einwanderer-Communities sehr verängstigt und fühlen sich attackiert. Die Hoffnung ist, dass in vielen individuellen Begegnungen irgendetwas passiert, was zusammengenommen dazu führt, dass immer mehr Amerikaner erkennen: Der Umgang der Regierung und der Behörden mit den Migranten, mit Menschen aus anderen Ländern, der ist nicht richtig. Menschen können während der WM erleben, dass das Fremde eigentlich interessant und gut sein kann. Auch jenseits der großen Städte, in denen gespielt wird.Wie soll das funktionieren?Zum einen verbreiten sich viele Dinge sehr stark über die sozialen Medien. Die feiernden Schotten, die Japaner, die überall aufräumen, alle sind friedlich und freuen sich über Begegnungen. Es gibt hier jede Menge Feelgood-Stories, in denen Leute dokumentieren, dass hier vieles anders ist, als sie sich vorgestellt haben. Das ist in einer Zeit, in der vieles dämonisiert wird, ein guter Impuls. Es hilft immer, rauszugehen und sich zu begegnen. Aber es gibt auch sehr interessante Phänomene in den kleineren Gemeinden, wo die Teamcamps sind. Zum Beispiel in Lawrence, dem Standort der Algerier, die gefeiert und von den Leuten dort unterstützt werden. In Chattanooga, Tennessee, wo die Spanier sind, ist ein Lamine-Yamal-Hype entstanden. Es gibt viele solche Beispiele und viele sehr schöne Geschichten, die sich vor allen Dingen über die sozialen Medien verbreiten. Ich finde allerdings, dass die FIFA hier die Chance verpasst, diese positiven Dinge in ihrer eigenen Kommunikation viel stärker in den Vordergrund zu stellen.Was ist die dunkle Seite?Wir haben uns schon anlässlich der WM gefragt, ob es zu ICE-Einsätzen in den Communities kommt, die Fußball schauen und feiern. Wir ahnten aber auch, dass das aus Publicity-Gründen so nicht stattfinden würde. Bei solchen Einsätzen wären ja schockierende Bilder entstanden, die um die Welt gehen. Aber eine Eigenschaft dieser Regierung ist: Man weiß es nie. Die machen so viele unpopuläre Sachen, und am Ende ist ihnen das Echo aus der Gesellschaft meistens egal. Deswegen haben wir gesagt: Wir können nicht darauf spekulieren, dass nichts passiert.ICE agiert während der WM jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit?Ich glaube, es gibt grundsätzlich einen Lerneffekt von ICE: Die meisten Amerikaner finden die Einsätze dieser Einheiten nicht gut, auch solche, die eigentlich für viele Abschiebungen und für Trump sind. Daher scheint die Regierung die Midterms, die Wahlen des Repräsentantenhauses im Herbst, abzuwarten, bis ICE wieder hemmungsloser vorgehen kann.Aus Qatar 2022 und Russland 2018 sind viele Besucher mit dem Gefühl abgereist, dass die Verhältnisse vor Ort gar nicht so schlimm seien, wie vorher berichtet wurde. Droht hier in den USA ein ähnlicher Effekt?Das kann passieren. Die Dinge, die hier passieren, egal ob WM ist oder nicht, finden ja meist im Hintergrund statt. Zum Beispiel dieses Riesenbudget, das ICE zugesprochen bekommen hat, um mehr Leute einzustellen und Infrastruktur aufzubauen. Das wurde von 10 auf 70 Milliarden Dollar ausgeweitet. Außerdem wird immer härter gegen Dissidenten vorgegangen. Es wurden Leute in Ohio durchsucht und in Minneapolis verklagt. In Texas wurden Aktivisten zu Haftstrafen von 50 bis 100 Jahren verurteilt. Das sind Beispiele zur Frage, ob dieses Land in Richtung Faschismus marschiert. Aber das findet alles im Hintergrund der WM statt und hat auch nicht so viel mit der WM zu tun.Was zumindest einen topographischen Bezug zur WM hat, ist das Abschiebelager Delaney Hall, das keine zehn Meilen Luftlinie vom Endspielstadion in East Rutherford entfernt liegt.Das ist das größte Abschiebegefängnis hier in der Gegend. Die Hauptsammelstelle für die Menschen, die von ICE aufgegriffen werden und die übrigens privat betrieben wird. Das ist perfide, weil es dadurch ein privates Interesse gibt, möglichst viele Betten dort zu befüllen. Die Insassen haben keine medizinische Versorgung, es gibt Berichte über vergammeltes Essen, viele sind krank. Kürzlich gab es auch einen Hungerstreik. Dabei gibt es die Vorgabe, dass eine Abschiebung keine Strafe sein soll. Die Leute sind ja nicht dort, weil sie eine Straftat begangen haben, die gesühnt werden muss. Das sind unterirdische Zustände, ganz in der Nähe des Finalspiels, wo die ganze Welt hinsehen wird. Aber kaum jemand sieht diesen Zusammenhang.„Es geht darum, sichtbar zu machen, dass man in New York fast jedes Land besichtigen kann, und dass diese Vielfalt Wertschätzung erfährt“: Hae-Lin ChoiAFPSie selbst nutzen die WM, um auf solche Dinge hinzuweisen. Was planen Sie noch?Wir kooperieren mit verschiedenen anderen Organisationen, auch um unsere Arbeit bekannter zu machen. Es gibt zum Beispiel „No ICE in the Cup“, eine sehr politische Organisation, die Botschaften in die Welt senden will. Dann gibt es „Our Copa“, die sind explizit nicht politisch und setzen sich dafür ein, dass sich beim Fußballgucken niemand Sorgen machen muss. In New York gibt es eine große Koalition verschiedener Organisationen, in der drei Hauptthemen im Mittelpunkt stehen: Wohnen, die Lage der Migranten und Arbeit. Wenn irgendwo Verträge mit der FIFA gemacht werden, dann fallen ja oft alle Regeln. Aber in New York wurde da gut dagegengehalten, zum Beispiel bei den Einschränkungen von Vermietungen über Airbnb, die aufgehoben werden sollten. Das ist nicht passiert. Für uns ist die WM aber auch ein Weg, Leute zu erreichen, zu denen wir sonst keinen Kontakt hätten.Wie funktioniert das?Die WM lockt Influencer an, die eigentlich nicht politisch engagiert sind, aber zum Beispiel bei Watch-Partys mit uns in Kontakt kommen. Auch zu unseren „Swag Labs“, wo man T-Shirts mit coolen Motiven bedrucken lassen kann, kommen immer mehr Menschen, die nicht dem Kreis der Aktivisten entstammen. Und gerade das Interesse an unseren Workshops, in denen wir Menschen über ihre Rechte aufklären, wird immer größer. Es gibt ein schnell wachsendes Bewusstsein in der Gesellschaft, dass man seine Rechte kennen muss. Weil einfach immer häufiger in Rechte eingegriffen wird. Die WM hilft uns, unser Angebot bekannter zu machen, zu dem auch gehört, dass wir ein angemessenes Verhalten bei ICE-Einsätzen üben.Sie verteilen sogenannte World-Cup-Neighborhood-Passports, mit denen man in verschiedenen Stadtteilen von New York von Künstlern gesammelte Stempel sammeln kann. Was ist die Idee dahinter?Das ist eine Partnerschaft zwischen Bürgermeister Zohran Mamdani und ungefähr 300 Organisationen, von denen wir eine sind. Ich bin sehr beeindruckt, wie viele kreative Events bei der WM gibt. Es geht darum, sichtbar zu machen, dass man in New York fast jedes Land besichtigen kann, und dass diese Vielfalt Wertschätzung erfährt. Es war möglich, ein Senegal-Spiel in Little Senegal anzusehen, ein Haiti-Spiel in Little Haiti, Ägypten, Ghana, Kap Verde, all diese Länder haben ihre Straßenzüge in der Stadt. Das ist übrigens auch eine Einladung an die New Yorker, ihren Radius zu erweitern und in andere Viertel zu gehen. Hier gibt es nicht zuletzt wegen ICE die Tendenz, nicht mehr so viel rauszugehen, was auch den kleinen Geschäftsmodellen vieler Migranten schadet. Dem wollen wir entgegenwirken.Sie selbst sind als Kind südkoreanischer Eltern in Deutschland aufgewachsen und leben seit 17 Jahren in den USA. Haben Sie Angst vor ICE?Ich bin seit einigen Monaten US-Staatsbürgerin und hätte keine Angst davor gehabt, nach Deutschland abgeschoben zu werden. Aber es gibt immer wieder Berichte von Menschen, die willkürlich in Länder abgeschoben werden, mit denen sie gar nichts zu tun haben. Die Vorstellung, in einem Lager in einer Zelle mit 20 anderen Leuten zu sitzen, und man sagt einmal am Tag zu einem Wärter: Hallo, hier ist ein Fehler passiert, ich muss eigentlich nach Deutschland. Und keiner hört dir zu. Das ist eine Albtraumvorstellung, und genau das passiert. Ich frage mich immer, wie man so mit Menschen umgehen kann, die hier einfach als Nanny oder als Koch in einem Restaurant arbeiten, die nichts anderes als ein etwas besseres Leben wollen.
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