Es ist die erste Woche der hessischen Sommerferien, doch im Schullandheim Wegscheide im Spessart liegen Mäppchen und Hefte auf dem Tisch. 17 Kinder, zehn Jungen und sieben Mädchen, pauken Verben. Wobei pauken ein starkes Wort ist für die spielerische Art, wie im Schullandheim in Bad Orb unterrichtet wird. Einige Kinder basteln drinnen am Tisch Papierwürfel. Auf die Seitenflächen schreiben sie Verben. Dann wird gewürfelt und konjugiert.Andere üben draußen. Mateo springt durch Hüpfkästchen, die vor dem Bungalow mit Kreide aufs Pflaster gezeichnet wurden. In den Kästchen stehen Pronomen. Mateo zieht aus einem Beutel eine Karte, auf der die Grundform steht, und konjugiert auf einem Bein hüpfend: „Ich trinke, du trinkst, er/sie/es trinkt, wir trinken, ihr trinkt, sie trinken.“ Dann ist der nächste Schüler mit einem anderen Verb an der Reihe. Mateos neuer Freund Toprak, zehn Jahre alt, hüpft auch mit. Er sagt: „Natürlich gibt es hier Deutschstunden, aber es macht voll viel Spaß. Das ist keine Sommerschule.“Genau dieses Gefühl will die Deutschlehrerin Manal El Kaddouri den Kindern vermitteln: „Sie sollen wieder Spaß haben am Lernen.“ El Kaddouri und ihre beiden Kollegen – eine Sozialpädagogin und ein Theaterpädagoge – betreuen die Kinder drei Wochen lang. Vormittags stehen Deutsch und Theater auf dem Plan, nachmittags Freizeit. Heute machen sie einen Ausflug zum Barfußpfad. Mit ihnen gemeinsam sind noch acht weitere Gruppen auf der Wegscheide. Hinzu kommen zwei Intensivklassen in der Frankfurter Innenstadt. Dort verbessern Schüler, die erst seit Kurzem in Deutschland sind, ihre Sprachkenntnisse. Insgesamt werden im Deutschsommer somit 180 Kinder fit gemacht für die Zeit, wenn die Schule wieder beginnt.Deutsch, Theater, Freizeit: Der Dreiklang des „Deutschsommers“Rodrigo Pozo ist Theaterpädagoge und macht mit den Kindern eine Aufwärmübung. Auf Kommando berühren sie Körperteile – Ohr, Schulter, Rippe, Hüfte, Ellbogen, Knie. Bevor sie sich im Deutschunterricht den Verben widmen, spielen sie noch eine Runde Pantomime. Drei Jungen machen „Breakdance“, zwei andere stellen einen Spiegel dar, passend zur diesjährigen Lektüre. Das Kinderbuch „Der durch den Spiegel kommt“ von Kirsten Boie steht beim Deutschsommer 2026 im Mittelpunkt. Pozzo ist schon zum achten Mal dabei. Er ist vom Konzept überzeugt: „Über das Theaterspiel üben wir Artikulation und erweitern den Wortschatz.“Theaterpädagoge Rodrigo Pozo während der TheatereinheitMaximilian von LachnerDeutsch, Theater und Freizeit bilden den Dreiklang des „Deutschsommers“. Das Projekt ist ein Klassiker im Programm der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Seit 20 Jahren nehmen Drittklässler in den Sommerferien daran teil, insgesamt wurden schon mehr als 3250 Kinder erreicht und auf ihrem Bildungsweg gestärkt. Das pädagogische Ziel: Sprache fördern, Persönlichkeit bilden, Selbstwertgefühl stärken.Das Projekt läuft so erfolgreich, dass es mittlerweile auch in anderen Städten angeboten wird. Zum Beispiel in Gießen, Wiesbaden und neun weiteren Kommunen in Hessen. Aber auch jenseits der Landesgrenze wird es kopiert. Die Stiftung hilft beim Transfer und stellt Unterrichtsmaterial zur Verfügung.Mit Freude dabei: Aaliyah, Toprak und XeniaMaximilian von LachnerDas Projekt richtet sich bewusst an Drittklässler mit Sprachförderbedarf. Ein Jahr vor dem Übergang auf die weiterführende Schule sollen sie ihre Deutschkenntnisse verbessern. Die Stiftung kooperiert mit dem Staatlichen Schulamt, das die Frankfurter Schulen auf das Programm aufmerksam macht. Lehrer können Kindern mit Förderbedarf die Teilnahme empfehlen. Die Eltern zahlen einen symbolischen Beitrag von 60 Euro, den Großteil der Kosten übernimmt die Stiftung. Die Stadt Frankfurt fördert den „Deutschsommer“ für die beiden Intensivklassen in der Innenstadt.„Man lernt Leute kennen und findet neue Freunde“Bevor die Schüler in Gruppen aufgeteilt werden, wird ihr Sprachstand ermittelt. Die Schüler im Maximilian-Kolbe-Haus gehören sprachlich zu den stärkeren. Es sind Kinder wie Toprak, der erst vor drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist und mit seinen zehn Jahren eigentlich schon eine Klasse weiter sein sollte. Aber er musste zunächst Deutsch lernen, was er inzwischen beeindruckend gut beherrscht. Er plaudert munter drauf los: „Ich kann schon gut Deutsch sprechen, meine Eltern lernen noch“, sagt er und lacht. Seine Lehrerin sei mit ihm zufrieden: „Sie sagt, ich sei schlau. Aber manchmal habe ich Probleme, mich zu melden.“ Den Deutschsommer findet Toprak prima. „Man lernt Leute kennen und findet neue Freunde“, sagt er.Auch Xenias Lehrerin hat ihr die Teilnahme empfohlen. „Manchmal verwechsle ich Präteritum und Perfekt“, sagt die Neunjährige, die neben Toprak schüchtern wirkt. Sie wurde in Moldau geboren, ist seit sieben Jahren in Deutschland. Und auch Aaliyah ist auf Empfehlung hier: „Manchmal verstehe ich Sachen falsch“, sagt die Neunjährige, die einen ruhigen, selbstbewussten Eindruck macht.Sascha Janitz leitet bei der Stiftung den Deutschsommer. „Wir wollen in einem kleinen Bezugsrahmen die Potentiale der Kinder heben und eine positive Fehlerkultur etablieren“, sagt er. Oliver Beddies, der für die Bildungsprojekte der Stiftung zuständig ist, macht auf die „typische Frankfurter Breite“ aufmerksam, die sich auch im Teilnehmerfeld auf der Wegscheide widerspiegelt. 70 Prozent der Kinder in Frankfurt hätten eine Migrationsgeschichte. „Wir haben einen Sprachförderbedarf, den wir bearbeiten müssen“, sagt Beddies. Die Kinder seien „hungrig“: „Sie haben Lust, etwas zu lernen.“Im Maximilian-Kolbe-Haus gibt es nun Mittagessen. Eine Betreuerin sorgt routiniert für Aufmerksamkeit: „Kommando Kugelfisch“, ruft sie. Die Kinder machen einen Fischmund. Auf „Kommando Brezel“ verschränken sie die Arme vor der Brust. Schlagartig ist es still. Eine Schülergruppe, die sich den Namen „Lieferando“ gegeben hat, hat das Essen mit einem Rollwagen aus dem Küchenhaus geholt. Es wird gewartet, bis sich alle versorgt haben. Dann wünschen sie „Guten Appetit“, auf Deutsch und in einer anderen Sprache. Heute auf Ukrainisch.Am Ende des Deutschsommers gibt es wieder einen Sprachtest, um die Wirkung zu messen. 43 Prozent der Schüler gelang 2025 der Übertritt in eine leistungsstärkere Gruppe. Erstmals wurden auch ehemalige Teilnehmer in einer „Generationenumfrage“ befragt. 94 Prozent von ihnen berichten, der Deutschsommer habe ihnen geholfen, sich sprachlich zu verbessern. 85 Prozent hatten danach mehr Spaß in der Schule. Bei 83 Prozent haben sich die Schulnoten verbessert. Und 68 Prozent haben immer noch Kontakt zu anderen Teilnehmern aus ihrem persönlichen Deutschsommer.
Frankfurt: So läuft die Sprachförderung im Deutschsommer
Im Schullandheim Wegscheide im Spessart verbessern Drittklässler aus Frankfurt ihre Deutschkenntnisse. Den „Deutschsommer“ gibt es schon seit 20 Jahren. Was ist sein Geheimnis?












