PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftArtikeltyp:MeinungAlltagssexismusDann sagte er noch: „Nein, sie ist nicht hübsch“Von Anke van BeekhuisStand: 08:26 UhrLesedauer: 5 MinutenUnternehmerin Anke van BeekhuisQuelle: Anke van BeekhuisEin Satz im Zug, eine Frage im Vorstandsbüro, ein Grinsen auf einer Veranstaltung: Unternehmerin Anke van Beekhuis berichtet von Momenten, in denen ihr die Worte fehlten. Weil Männern der Respekt fehlte. Sie hat eine Botschaft, vor allem an Väter von Töchtern.Viele Männer erleben solche Situationen selten selbst. Viele Frauen und Mädchen aber kennen sie sehr genau: Momente, in denen sie nicht als gleichwertig wahrgenommen werden. In denen ihre Kompetenz angezweifelt, ihre Leistung übersehen oder ihre Rolle und ihr Auftreten infrage gestellt werden – manchmal offen, manchmal beiläufig, manchmal mit einem Grinsen.Kürzlich saß ich im Zug – in der Business Class. Neben mir saß ein etwa 35-jähriger Mann, der ein Meeting beziehungsweise Telefonat nach dem anderen führte. Er sprach nicht einfach laut, sondern so laut, dass es für die Menschen rundherum kaum auszublenden war. Ich bat ihn freundlich, etwas leiser zu sprechen. Seine Antwort: „Sie sagen mir gar nichts. Geht’s eh noch? Sie gehören nicht hierher. Hier darf man sprechen. Dass eines klar ist: So läuft das. Verstehen wir uns? Wenn es Ihnen nicht passt, setzen Sie sich woanders hin.“Ich sagte ruhig, dass er ganz entspannt mit mir sprechen könne. Ich würde ihn lediglich bitten, etwas Rücksicht zu nehmen. Außerdem wies ich ihn auf den Monitor hin, auf dem die Verhaltensregeln angezeigt wurden.Er wiederholte seine Aussagen und setzte sein Meeting fort. Zum Schluss sagte er noch: „Und nein, sie ist nicht hübsch.“Ich fragte mich: Würde er mit einem Mann in derselben Situation genauso sprechen? Wenn einem die Argumente ausgehen, werden manche Menschen persönlich.Lesen Sie auchEine andere Situation ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich war zu einem Gespräch in einem Vorstandsbüro. Über eine Stunde sprachen wir über die Herausforderungen des Unternehmens und darüber, was wir als Beekhuis Performance Culture machen. Mein aktuelles Buch „Die 8 Säulen der High Performance Culture im 21. Jahrhundert“ lag auf dem Tisch – mit meinem Namen als Autorin auf dem Cover – und die Visitenkarten mit dem Unternehmensnamen lagen ebenfalls dort. Ich erzählte außerdem, dass ich das Unternehmen vor über 20 Jahren gegründet und mittlerweile sechs Bücher veröffentlicht habe. Zehn Minuten vor dem Ende des Gesprächs fragte mich der Vorstand: „Und Ihr Mann hat das Unternehmen gegründet?“ Eine einzige Frage – und doch zeigt sie, wie tief manche Denkmuster noch immer verankert sind.Lesen Sie auchOder eine Veranstaltung, bei der zu 95 Prozent Männer anwesend waren. Zunächst führte kaum jemand ein Gespräch mit mir. Erst als ich mit einigen Managern sprach, die ich bereits kannte, wurde ich plötzlich für die anderen interessant. Die erste Frage, die ich bekam: „Arbeiten Sie für den? Sie sind sehr vertraut miteinander. Sie kennen ihn gut.“ Dazu ein kleines Grinsen.Lesen Sie auchIch bin sehr schlagfertig. Doch in allen drei Situationen fehlten mir die Worte. Ich blieb freundlich, respektvoll und auf Augenhöhe – weil ich dachte, das wäre selbstverständlich und würde auch mir entgegengebracht werden. Das war nicht so.Ehrlich gesagt macht es mich müde, immer wieder erklären zu müssen, dass 51 Prozent der Bevölkerung Frauen sind. Dass Kompetenz nichts mit dem Geschlecht zu tun hat, sondern mit Erfahrung, Wissen und Ausbildung.Und dass Respekt im Alltag dort beginnt, wo wir Menschen auf Augenhöhe begegnen.In meiner Arbeit geht es darum, Dinge bewusst zu machen. Denn nur, was wir erkennen, können wir auch verändern. Viele Frauen erleben solche Situationen. Und viele Mädchen wachsen mit ihnen auf. Meine Tochter ist 13 Jahre alt. Vor Kurzem sah sie in der ZIB 1 (Nachrichtensendung des ORF, Anm.) eine Grafik zum Gender-Pay-Gap und sagte: „Dann arbeite ich später in Luxemburg. Dort ist der Gender-Pay-Gap kleiner.“ Sie versteht heute schon, dass ihr Geschlecht Einfluss darauf haben kann, wie sie gesehen, bewertet oder bezahlt wird. Und genau das macht mir Sorgen.Lesen Sie auchDeshalb meine Bitte: Geht nicht automatisch davon aus, dass ihr mehr wisst als euer Gegenüber. Geht lieber davon aus, dass euer Gegenüber mindestens genauso kompetent ist wie ihr selbst – unabhängig vom Geschlecht.Und an alle Männer – besonders an die Väter von Töchtern: Denkt einen Moment darüber nach, ob ihr euch wünscht, dass eure Tochter dieselben Fragen gestellt bekommt, oder ob sie sich irgendwann dafür rechtfertigen muss, dass sie erfolgreich ist, ein Unternehmen gegründet hat oder Verantwortung trägt. Männer, seid nett zu Frauen. Die Frau, die ihr heute respektlos behandelt, ist die Tochter eines Mannes, der sie liebt.Unsere Kinder lernen Gleichberechtigung nicht aus Schulbüchern. Sie lernen sie von uns – aus unserem Verhalten. Wir entscheiden jeden Tag mit, ob wir eine Zukunft auf Augenhöhe schaffen oder alte Denkmuster weitergeben.Frauen führen Unternehmen, übernehmen Verantwortung, leisten Care-Arbeit, gestalten Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Sie gebären eure Kinder. Sie sind Gründerinnen, Führungskräfte, Kolleginnen, Töchter und Freundinnen – vor allem aber sind sie Menschen. Mir geht es nicht darum, Männer und Frauen gegeneinanderzustellen. Mir geht es darum, alte Rollen- und Denkmuster sichtbar zu machen.Respekt beginnt im Alltag. Denn am Ende wünschen wir uns doch alle dasselbe: gesehen, ernst genommen und mit Wohlwollen behandelt zu werden.Anke van Beekhuis, geboren 1976 in Salzburg, ist Unternehmerin, Autorin und Gründerin von Beekhuis Performance Culture. Sie war Bauleiterin, arbeitete in Managementpositionen verschiedener Branchen und berät heute Unternehmen zu High-Performance-Culture, Transformationen und Leadership.
Sexismus im Alltag: „Sie gehören nicht hierher. Hier darf man sprechen.“ - WELT
Ein Satz im Zug, eine Frage im Vorstandsbüro, ein Grinsen auf einer Veranstaltung: Viele Frauen kennen Momente, in denen ihre Kompetenz bezweifelt und ihnen mit wenig Respekt begegnet wird. Eine Unternehmerin beschreibt, was das auslöst – und warum mehr Bewusstsein im Alltag nötig ist.







