PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftArtikeltyp:MeinungHochzeiten, Jubiläen, Abi-FeiernIch kann keine von ChatGPT entworfenen Festreden mehr hörenStand: 07:15 UhrLesedauer: 4 MinutenVolker CorstenQuelle: Bertold FabriciusKaum eine Kommunionsfeier, kein Familienfest, keine Abiturübergabe, bei der Redner nicht noch den schalsten Witz an die KI delegieren – und das auch noch witzig finden. ChatGPT als Redenschreiber war noch nie originell – ist mittlerweile aber nur noch ärgerlich.Es war im Mai 2023, ChatGPT war gerade ein knappes halbes Jahr der Öffentlichkeit zugänglich, dass ich zum ersten Mal in den Genuss einer offensiv KI-gestützten Festrede kam. In Hamburg im sehr gutbürgerlichen Eppendorf wurde eine Konfirmation gefeiert. Es ging nach der Kirche in ein Restaurant, und der Vater des Konfirmanden, ein Rechtsanwalt und guter Freund, begann, ein paar Worte an die Gäste und natürlich das Konfirmationskind zu richten. „Ich habe alles“, begann er, „was es an Daten und Informationen über unseren ältesten Sohn gibt, zusammengetragen, ChatGPT damit gefüttert und die KI gebeten, auf der Basis eine Rede vorzuschlagen. Das ist dabei herausgekommen …“ Und weil der Freund nicht nur schnell im Kopf ist, sondern auch einen scharfen, trockenen Humor hat, begann er zum einen, die KI-Rede vorzulesen, kommentierte aber immer auch in freier Rede sehr launig die Absurditäten, die sich ChatGPT da zusammengereimt hatte. Denn was die KI vorgeschlagen hatte, klang zwar auf den ersten Blick gut, aber eben nur auf den ersten. Damals war so eine Rede noch eine halbwegs neue Idee.Seitdem sind zwar nur drei Jahre, aber unendlich viel Zeit vergangen. Jedenfalls, wenn es um den Einsatz von künstlicher Intelligenz geht. KI ist mittlerweile tatsächlich, wie es so schön heißt, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Einerseits. Andererseits ist die Entwicklung offenbar noch so frisch, dass viel zu viele, die gezwungen sind, eine Rede zu halten, es immer noch für originell halten, sich nicht nur der KI zu bedienen, sondern den Umstand auch gleich zum Thema (der Rede) zu machen. Vergangene Woche etwa, überall im Land wurden Abiturzeugnisse übergeben, hielten in einer Hamburger Schule die beiden Schüler, die dort das beste Abi gemacht hatten, eine Rede im Namen ihres Jahrgangs. Die beiden gingen auf die Bühne und begannen ein Pseudo-Zwiegespräch: A: „Ich hab‘ überhaupt keine Lust, mir jetzt etwas auszudenken“ – B: „Ich auch nicht. Lass skippen!“ – A: „Komm, wir fragen ChatGPT. Irgendwas halbwegs Vernünftiges wird schon dabei rauskommen.“ Kam nur bedingt. Lesen Sie auchWenige Minuten später gingen die Lehrerinnen auf die Bühne, die hauptsächlich den Abiturjahrgang betreuten, und stöhnten gespielt, sie hätten entschieden zu viel Stress, um sich jetzt auch noch selbst Gedanken darüber zu machen, was sie ihren Schülern bei der feierlichen Übergabe mit auf den Weg geben sollten. Stattdessen wäre es doch viel einfacher und schlauer … Sie ahnen es! Die Überschneidung mit den Schülerinnen war vielsagend, aber nicht abgesprochen. Lesen Sie auchMir ist schon klar, dass es sich hier um anekdotische Evidenz dreht, aber ob ich nun zuletzt auf einem runden Geburtstag oder einem Familienfest, oder eben bei einer Abiturübergabe war: Überall wurden Reden gehalten, deren Idee es war, sich beim Finden der Worte der KI zu bedienen. Oft war es die einzige Idee überhaupt. Und in viel zu vielen Fällen wurde auch noch geglaubt, dass das Delegieren eigener Sprache und Gedanken an die KI eine zündende Idee sei. Wie arm es um die öffentliche Rede steht, dazu passen auch die Meldungen, dass sich vermehrt Politiker ihre „Gastbeiträge“ für Zeitungen (und sicher nicht nur die) von der KI formulieren lassen. In den Führungsetagen sieht es ebenfalls nicht besser aus, wenn man nur die Ankündigung der Kommunikationsagentur Storymaschine von Kai Diekmann und Philipp Jessen nimmt, die gerade eine App herausbringen, die Vorstandsmitglieder (C-Level) für 250€ monatlich passgenau ihre Ergüsse etwa für die Selbstdarstellungsplattform LinkedIn formuliert (inklusive eingebautem „Shitstormradar“).ChatGPT oder (bei progressiveren) Claude sind, könnte man sagen, wenn es um Festtagsreden geht, die neuen Goethe, Schiller, Oscar Wilde. An deren Weisheiten aus dem Zitatebuch hatte sich manch gestresster Vater oder Onkel, der etwas sagen musste, erfolgreich festgeklammert. Goethe ging immer. Im Nachhinein sollte man wirklich über jedes „‚Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne‘, sagte schon Hermann Hesse“ dankbar – so sehr man damals auch innerlich mit den Augen rollte. Denn origineller wird es mit Claude oder ChatGPT (Stand: 2026) nicht. So nützlich die KI-Tools in vielem sein mögen (Daten strukturieren, Präsentationen machen, Fakten filtern, Reden transkribieren): Sie sind aktuell nicht zu gebrauchen für Momente, die mehr als Allgemeinplätze fordern – was übrigens auch das Ergebnis der meisten Redner ist, die am Ende über ihre KI-Textbausteine „humorvoll“ schimpfen. Unser kluger Freund, der Rechtsanwalt, beruflich ein KI-Heavy-User, hat sich für Reden längst von der KI verabschiedet. Der Überraschungseffekt ist vorbei. Für die besonderen Momente, die es auch 2026 noch gibt, setzt er wieder auf einen eigenen Ton, Originalität und persönlichen Witz. Oder, wie Kant sagte, jedenfalls soweit ich mich aus dem Uni-Grundkurs „Philosophie der Aufklärung“ erinnere: Sollte es nicht wieder Zeit sein, den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen? Und auch der eigenen Worte – gerade wenn es darauf ankommt?!