Abrechnungsbetrug in der häuslichen Pflege: Kriminelle haben leichtes SpielDurch gefälschte Rechnungen und Manipulationen entsteht bei den deutschen Krankenkassen jährlich ein Millionenschaden. Ermittler kommen nicht hinterher. Denn Abrechnungen sind kaum digitalisiert, und das System ist intransparent.06.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenImmer mehr Senioren sind auf Unterstützung angewiesen. Doch der Pflegemarkt ist intransparent und damit manipulationsanfällig.Robert Kneschke / ImagoWenn es um Abrechnungsbetrug im deutschen Gesundheitswesen geht, haben die Ermittler zuerst die häusliche Pflege im Visier. Denn Betrügern wird es hier besonders leichtgemacht. Mit wenig Aufwand lassen sich Leistungsnachweise manipulieren oder Qualifikationen fälschen, um die höhere Vergütung für Fachpersonal abrechnen zu können. Jedes Jahr entsteht den Krankenkassen so ein Millionenschaden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Weil das System so komplex ist, haben nicht einmal die Kassen einen genauen Überblick über die Höhe des Schadens. Die Leidtragenden sind ohnehin die Versicherten, denn sie finanzieren mit ihren Beiträgen das System.Wie funktioniert der Betrug konkret? Ein paar Beispiele:In Berlin wurde jüngst ein Pflegedienst verurteilt und musste fünf Millionen Euro zurückzahlen. Er hatte ein ausgeklügeltes Betrugsnetzwerk geschaffen. Den angeblichen Patienten wurden monatliche Bestechungsgelder von mehreren hundert Euro gezahlt. Dafür bestätigten sie mit ihrer Unterschrift Pflegeleistungen, die es nie gab.In einem anderen Prozess rechnete ein Pflegedienst die besonders kostenintensive Intensivpflege für Beatmungspatienten ab, die aber von nichtqualifiziertem Personal vorgenommen wurde. Der Krankenkasse schickten die Betreiber gefälschte Qualifikationsnachweise und Sprachzeugnisse für die in Osteuropa angeworbenen Mitarbeiter. Das Geschäft war lukrativ: Krankenkassen zahlen bis zu 25 000 Euro pro Monat für die Versorgung in der Intensivpflege. Der Schaden soll mehr als sechs Millionen Euro betragen haben.Ausserdem gibt es das Phänomen, dass Pflegedienste aus bestimmten migrantischen Milieus in sich geschlossen agieren. Ermittler haben zwar starke Indizien für Betrug, können diesen aber nicht nachweisen. In Berlin tauchten vor einigen Jahren vermehrt russische Pflegedienste auf. 80 Prozent von ihnen würden nachweislich betrügen, sagte der damalige Stadtrat von Berlin-Mitte, Stephan von Dassel. Denn Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion seien siebenmal so häufig pflegebedürftig wie andere, aber im Durchschnitt zehn Jahre jünger. Zwar gab es immer wieder Ermittlungen, aber selten Anklagen. Denn Angehörige, Pflegebedürftige und Pflegekräfte halten dicht.Handgeschriebene Listen statt digitaler AbrechnungAbrechnungsbetrug hat in den vergangenen Jahren rapide zugenommen. Laut dem GKV-Spitzenverband entsteht den Krankenkassen allein bei der Pflege ein Schaden von rund 62 Millionen Euro pro Jahr, wobei die Dunkelziffer weitaus höher liegt. Denn Ermittler kommen laut eigenen Angaben nur einem Bruchteil der Fälschungen auf die Spur.Die Gründe dafür liegen vor allem in dem sehr kleinteiligen Abrechnungssystem, bei dem es kaum Digitalisierung gibt. Statt einheitlicher Belege landen auf den Schreibtischen der Krankenkassen noch von Hand ausgefüllte Tabellen und Quittungen. Die Intransparenz macht das System so manipulationsanfällig.In Deutschland gibt es noch keine belastbaren statistischen Daten über das reale Ausmass der Betrügereien. Internationale Untersuchungen wie beispielsweise in England gehen davon aus, dass dem Gesundheitswesen ein jährlicher Schaden durch Betrug in Höhe von fünf bis sechs Prozent seines Gesamtbudgets entsteht. Wenn die Ergebnisse auf Deutschland übertragen würden, kämen gewaltige Summen zustande. Bei rund 71 Milliarden Euro Ausgaben der deutschen Pflegekassen im vergangenen Jahr entspräche das etwa 4,3 Milliarden Euro. Das Finanzloch in der Pflegeversicherung könnte so gestopft und Beitragserhöhungen vermieden werden.Pflegekassen prüfen auf PlausibilitätPflegebetrug ist vor allem in den vergangenen Jahren immer mehr in den Fokus gerückt. Denn Hunderte neue ambulante Pflegedienste sind entstanden, weil in einer alternden Gesellschaft immer mehr Menschen auf Unterstützung angewiesen sind. Damit schnellten auch die Ausgaben der Krankenkassen in die Höhe. Egal, ob Pflegekräfte beim Waschen helfen, die Stützstrümpfe anziehen, Medikamente verabreichen oder eine Scheibe Brot für das Abendessen schmieren – es werden immer die Einzelleistungen abgerechnet. Am Ende des Monats entstehen so lange Listen, die an die Pflegekassen weitergereicht werden.Ihre Einsatzzeiten dokumentieren Pflegekräfte meist handschriftlich auf Quittungen, die von den Patienten abgezeichnet werden – auch wenn diese oft gar nicht verstehen, was sie unterschreiben.Und die Pflegekassen? Dort prüfen die Mitarbeiter die Abrechnungen auf Korrektheit im Sinne des Sozialgesetzbuches. Stutzig werden sie nur, wenn Daten nicht nachvollziehbar erscheinen, eine Pflegekraft beispielsweise zur gleichen Zeit zweimal im Einsatz war. Doch das sind oft nur Zufallsfunde.Oftmals kommen Hinweise über Unregelmässigkeiten von ehemaligen Mitarbeitern von Pflegediensten. Angehörige oder Patienten halten sich dagegen, so sagen es Experten, vielfach mit Kritik zurück, denn Pflegedienste sind Mangelware. Vor allem in ländlichen Regionen fehlt die Unterstützung in der häuslichen Versorgung. Dort sind Pflegebedürftige froh, wenn sie überhaupt betreut werden.KKH-Chefermittler wünscht sich mehr KontrollmöglichkeitenNun ist es natürlich so, dass die grosse Mehrheit der Pflegedienste ehrlich arbeitet. Wer das System aber als Selbstbedienungsladen benutzen will, hat leichtes Spiel. Emil Penkov ist Chefermittler der Krankenkasse KKH und erklärt, mit welch akribischer Detektivtätigkeit die Abrechnungen kontrolliert werden müssen.«Es gibt eine Handzeichenliste, in der jede Pflegekraft ihr Kürzel einträgt. Dieses Kürzel wird auch für die Leistungsnachweise verwendet», sagt er der NZZ. Betrug fällt auf, wenn die handgeschriebenen Kürzel gefälscht werden, also die Pflegekraft gar nicht im Einsatz war. Das müssen die Mitarbeiter der Krankenkasse aber erst einmal herausfinden.Penkov spricht sich für eine lebenslange Beschäftigtennummer für Pflegekräfte aus, die es noch nicht flächendeckend gibt. Ähnlich der bestehenden Arztnummer könnte so die Abrechnung einfacher jeder Pflegekraft zugeordnet werden. «Damit würden sich unsere Kontrollmöglichkeiten erheblich verbessern», meint der Jurist.Die meisten Betrugsfälle auf seinem Tisch sind sogenannte Luftbuchungen, also abgerechnete Leistungen, die es nicht gab. Gleich dahinter kommen Abrechnungen für Leistungen von Fachkräften, die aber von nichtqualifiziertem Personal vorgenommen wurden. Das heisst, Dienstpläne und Unterschriften wurden dafür gefälscht.KI wird auf Abrechnungsbetrug trainiertAm Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik (ITWM) in Kaiserslautern versucht ein Team von Wissenschaftern, die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben. Sie entwickelten einen KI-basierten Demonstrator. Verschiedene Algorithmen lernen aus einer Mischung von künstlichen und anonymisierten, echten Daten, wie Auffälligkeiten aufgespürt werden können.«Wenn acht Leistungen in zehn Minuten erbracht worden sein sollen, sehe ich, da kann was nicht stimmen», so erläutert Elisabeth Leoff von der Abteilung Finanzmathematik am ITWM das Vorgehen. Ähnlich sei es bei den Tourenplänen der Pflegekräfte, wenn diese nicht plausibel erschienen. Wichtig ist immer, dass die durch die KI gefundenen Beweise vor Gericht Bestand hätten, sagt Leoff. Doch bislang ist die KI nur testweise im Einsatz.Der schiere Umfang und die Kleinteiligkeit der Abrechnungen im Gesundheitswesen stellen auch die Ermittlungsbehörden vor enorme Herausforderungen. In Nürnberg beschäftigen sich bei der Generalstaatsanwaltschaft sechzehn spezialisierte Staatsanwälte, zwei IT-Forensiker und medizinische Abrechnungskräfte ausschliesslich mit Betrug und Korruption im Gesundheitswesen. Das Modell ist bislang bundesweit einmalig.Der Tatnachweis sei oftmals schwierig, sagt Oberstaatsanwalt Daniel Hader. Etwa weil die Belastbarkeit von Zeugenaussagen aufgrund des Gesundheitszustandes nicht allzu hoch sei, teilweise auch Versicherte und deren Angehörige in Betrugstaten verwickelt seien oder Mitarbeiter von Pflegediensten nicht aussagten, weil sie Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hätten.Staatsanwaltschaft sieht bandenmässige StrukturenGenerell sei festzustellen, dass sich im Pflegebereich vermehrt Bandenstrukturen zeigten, sagt Hader. Häufig handele es sich dabei um in sich «geschlossene Pflegedienste» von einzelnen Migrantengruppen mit gleichem kulturellem Hintergrund. Betrügern werde es einfach gemacht, weil häufig keine oder nur sehr niederschwellige Kontrollen stattfänden, meint der Staatsanwalt.So dürfe beispielsweise der medizinische Dienst, der Behandlungen überprüft, nur mit Einwilligung des Versicherten die Wohnung betreten und müsse zudem seinen Besuch zwei Tage vorher ankündigen. «Es liegt auf der Hand, dass diese Kontrollen dann nicht wirklich sinnhaft und effektiv sind», sagt Hader.Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass sich an der Pflegebürokratie so schnell nichts ändern wird. Kriminellen wird es weiterhin viel zu einfach gemacht, das überforderte System auszunutzen. Auch bei der Pflegereform hat Gesundheitsministerin Nina Warken die Chance vertan, Abrechnungen zu vereinfachen und damit transparenter zu machen. Das hätte die Versicherten wirklich entlastet.Passend zum Artikel