Lukaschenko weiss nicht, ob ihm jemand auf den Kopf gemacht hat – Intellektuellenhatz in WeissrusslandUm das Lukaschenko-Regime ist es nach Trumps Annäherung stiller geworden. Dennoch werden unabhängige weissrussische Künstler, Verleger und Wissenschafter als angebliche Extremisten verfolgt, schreibt der Autor Felix Ackermann. Die grosse Mehrheit von ihnen lebt im Exil oder steckt im Gefängnis.Felix Ackermann06.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAls Diktator kann man sich nicht einfach gemütlich zurücklehnen: Alexander Lukaschenko.Alexander Kazakov / ImagoNach der öffentlichkeitswirksamen Freilassung von 117 politischen Gefangenen im Dezember 2025 legen die weissrussischen Behörden den Fokus ihrer Repression auf unabhängige Verleger. Das Regime von Alexander Lukaschenko zeigt damit, dass es trotz der politischen Annäherung an die USA weiterhin jede Regung unabhängiger Kultur im Land bekämpft. Anfang 2026 nahmen die Minsker Strafbehörden mehrere Verleger ins Visier, die weiterhin im Land tätig sind, um (analoge) Bücher auf Weissrussisch zu verkaufen. Obwohl Weissrussisch nur von etwa 10 Prozent der 10 Millionen Einwohner aktiv verwendet wird, gilt es als wichtiges Medium der Opposition.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Anfang der jüngsten Verhaftungswelle stand am 18. Februar das Verbot des illustrierten Kinderbuchs «Dscha», in dem Elijasch Bart von einem Drachen erzählt, der eine Insel befreit. Offensichtlich sah die Zensurbehörde zu offenkundige Ähnlichkeiten mit der Republik Weissrussland und ihrem seit 1994 herrschenden Präsidenten.Zunächst wurde das Buch von einer staatlichen Kommission mit dem Etikett «extremistisch» versehen. Das bedeutet, dass der Vertrieb und der Verkauf des Buchs in Weissrussland unter Strafe stehen. Danach wurde der formell in Krakau ansässige Gutenberg-Verlag zu einer extremistischen Vereinigung erklärt. Damit können alle verfolgt werden, die von Weissrussland aus mit dem Verlagshaus zusammenarbeiten.Die Sache mit dem MaulwurfDerzeit werden Prozesse gegen die wichtigen verbliebenen weissrussischen Verleger vorbereitet, als hätten sie mit den von ihnen verlegten Werken eine Verschwörung lanciert. Zu ihnen gehören Jaraslaw Iwanjuk, Dsimitrij Kolas und Aliaxandr Jaudacha. Der Übersetzer Ljawon Barscheuski verliess das Land, um einer Verhaftung zu entgehen. Der Verleger Smitr Kolas sitzt schon länger hinter Gittern.Bereits zuvor waren die Telegram- und Instagram-Kanäle der Europäischen Humanistischen Universität (EHU) als extremistisch deklariert worden. Jetzt geriet die ganze Hochschule auf den Index, obwohl sie sich bereits seit 2006 im Exil in Vilnius befindet. Für die Studierenden und Lehrenden, die zwischen Weissrussland und Litauen pendeln, bedeutet die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in Minsk unmittelbare Gefahr.Auch die bereits im Exil tätigen Verlage Lohvinau, Yanushkevich und Tehnologija erhielten das Etikett «extremistisch». Dabei gerieten auch Dutzende Sachbücher auf den Index. Die Liste extremistischer Werke gibt Auskunft über den Zustand des Minsker Regimes. Denn es sind nicht nur die Bücher des in der Schweiz lebenden Schriftstellers Sascha Filipenko verboten. Auch die weissrussische Übersetzung von Wolf Erlbruchs Kinderbuchklassiker «Der kleine Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat» gilt inzwischen als Literatur, die nicht geduldet werden kann. Da es keine offizielle Begründung gibt, ist unbekannt, ob auch in diesem Fall Beamte Alexander Lukaschenko in einer der Figuren wiedererkannt haben.Wenige Wochen nach dem Urteil begann der Geheimdienst, der in Weissrussland immer noch KGB heisst, mit der Durchsuchung von Wohnungen. Als belastendes Material gelten selbst Notizblöcke mit dem Logo der Hochschule, weil sie im Mai als ganze Institution als extremistisch eingestuft wurde. In mehreren Fällen beschlagnahmten die Ermittler die Mobiltelefone von Angehörigen, um direkt während der Durchsuchung in Weissrussland bei Lehrkräften in Litauen anzurufen und ihnen unverhohlen zu drohen. Die jetzigen Ermittlungen deuten darauf hin, dass im Herbst ein Schauprozess folgen wird. Ziel ist es, die Arbeit der Hochschule im Exil zu erschweren, indem der Preis für ein Studium in Vilnius für die Familien in Weissrussland steigt.Viele der besonders aktiven Mitglieder der weissrussischen Zivilgesellschaft haben an der EHU studiert. Aus Sicht der Behörden in Minsk sind sie nun alle Extremisten. Über 500 000 Teilnehmer der Massenproteste in Weissrussland flohen in den vergangenen fünf Jahren aus ihrer Heimat. Viele fühlen sich nun selbst im Exil weiter verfolgt. Die meisten Kanäle, die sie lesen, wurden kriminalisiert. Stirbt ein naher Angehöriger in Weissrussland, können sie nicht zur Beisetzung fahren, da das Risiko einer Verhaftung zu gross ist.Litauen blocktZugleich werden die Auflagen für die Vergabe humanitärer Visa in Litauen strenger. Das 3 Millionen Einwohner zählende Land hatte die weissrussische Freiheitsbewegung nach 2020 besonders prominent unterstützt. Als die Zahl der weissrussischen Staatsbürger auf über 50 000 stieg, wurden litauische Politiker vorsichtiger.Da auch die Geflüchteten aus Russland und der Ukraine im öffentlichen Raum Russisch sprechen, gibt es zunehmenden innenpolitischen Druck, die slawischsprachige Migration zu beschränken. Dabei wird Weissrussland in Vilnius zunehmend als hybride Bedrohung wahrgenommen. Eine Folge war, dass die weissrussische Oppositionsführerin Swjatlana Zichanouskaja weniger Unterstützung erhielt. Ihr Übergangskabinett entschied deshalb Ende 2025, von Vilnius nach Warschau umzuziehen.Die Situation im 40 Millionen Einwohner starken Polen unterscheidet sich von jener in Litauen. Niemand fühlt sich hier von den über 350 000 weissrussischen Migranten bedroht. Im Nordosten von Polen siedelt eine historische weissrussische Minderheit. In ihrem Zentrum Bialystok gibt es besonders viele Menschen aus dem Nachbarland, die sich hier ein neues Leben aufgebaut haben.Zu ihnen gehört der Journalist Ruslan Kulewicz. Er arbeitete fünfzig Kilometer östlich von hier in Grodno für die Plattform «Hrodna.life». In der 300 000-Einwohner-Stadt war er ein publizistischer Hansdampf in allen Gassen. Während des Volksaufstands im Sommer 2020 unterstützte er die Protestierenden, dokumentierte ihre Märsche. Nach einer Verhaftung floh er noch im Herbst desselben Jahres aus Grodno.Da ihm weitere Strafverfolgung droht, kehrte er nicht nach Weissrussland zurück. Nach einem kurzen Aufenthalt in Lettland entschied er sich bewusst für Bialystok. Zu Beginn setzte Kulewicz seine Arbeit für «Hrodna.life» fort, berichtete nun von Bialystok aus über Grodno. Doch er merkte selbst, wie er sich nach und nach entfernte und wie sich mit ihm auch seine Leser langsam von ihrer Heimatstadt entfernten. Deshalb baute er ein neues Portal für Weissrussen in Polen auf. Täglichen Kontakt mit Weissrussland hat er weiterhin, da sich verschiedene Initiativen das Media-Most-Büro in der Ulica Sienkiewicza teilen. Um die Ecke liegt die Bar Grodno. Sie wurde in den sechziger Jahren eingerichtet, da Bialystok und Grodno Partnerstädte sind. Auf diese Weise geht Kulewicz jeden Tag im «Grodno» Mittag essen, obwohl er in die gleichnamige Stadt nicht mehr reisen kann.Neues Zentrum Warschau25 Kilometer von Bialystok entfernt lebt ein Verleger aus Minsk, der nicht namentlich genannt werden will, im Sommerhaus eines Freundes. Er versucht weiter von Polen aus, neue Bücher auf Weissrussisch auf den Weg zu bringen. Doch ein grosser Teil seiner Leserschaft ist im Land jenseits der EU-Aussengrenze verblieben. Die Leser haben sich in Weissrussland und im Exil gleichermassen daran gewöhnt, die meisten Bücher als digitale Raubkopien zu nutzen.«Die Repressionen des Regimes und die Folgen der Digitalisierung sind zwei simultane Herausforderungen, die kleinere Verlage besonders hart treffen», erzählt er bei einem Treffen in Bialystok. Die bereits gedruckten Auflagen seiner Bücher sind in Weissrussland verblieben. Mehrere Titel wurden als extremistisch eingestuft. Um den Verlag von Polen aus weiter betreiben zu können, ist er darauf angewiesen, dass Bücherkuriere kleine Stückzahlen im Gepäck über die Grenze tragen. Das erinnert an die Situation im späten 19. Jahrhundert. Bücherträger brachten damals unweit von Bialystok verbotene Druckwerke auf Litauisch aus Ostpreussen ins Russische Reich.Der Umzug der Oppositionsführerin Swjatlana Zichanouskaja an die Weichsel macht deutlich, dass die neue Hauptstadt des weissrussischen Exils heute in Polen liegt. Dazu trägt bei, dass andere Staaten kaum unabhängige weissrussische Kulturprojekte unterstützen. Während die Republik Polen an den Aussengrenzen gegen Migranten aus dem Nahen Osten mit aller Härte vorgeht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Anträge von Menschen aus Weissrussland positiv beschieden werden, deutlich höher als in anderen Staaten der Europäischen Union. Deshalb leben in Warschau besonders viele Künstler, Journalisten, Rechtsanwälte, Verleger und Wissenschafter, die nach 2020 Weissrussland verlassen mussten.Das Zentrum der weissrussischen Solidarität liegt in der Ulica Oleandrów unweit der Metrostation Politechnika. Im langgezogenen Korridor ist zu spüren, dass in Warschau mehr Menschen aus der Republik Weissrussland als in Vilnius und Bialystok zusammenkommen. In den Räumen finden parallel Rechtsberatung, Gymnastik für Rentner und Weissrussischkurse statt. In der Küche stapeln sich Säcke mit geschälten Kartoffeln. Dahinter liegt ein Raum, in dem die neusten Bücher zu kaufen sind, die im Exil erschienen sind. Das Label «extremistisch» hat die Buchhändlerin stolz als schwarz-gelbe Banderole um die verbotenen Bücher gelegt, als wäre es ein Platz auf einer Bestsellerliste.Passend zum Artikel