Noch am Samstag, als Alexander Zverev ins Achtelfinale des Rasenturniers in Wimbledon eingezogen war, feierte er überschwänglich einen deutschen Kollegen. „Struffi ist sensationell. Immer, wenn man denkt, dass er aufhört mit Tennis, kommt ein Turnier, bei dem er sich für das gesamte nächste Jahr für die Top 100 qualifiziert. Das war bei den US Open letztes Jahr so, das ist dieses Jahr in Wimbledon so“, sagte Zverev. Und: „Struffi ist ein riesiger Teddybär und hat kein Gramm Böses in sich. Ich weiß gar nicht, wie das geht.“ Schließlich befand er: „Ich bin sehr, sehr glücklich, wie er spielt, ich bin sehr, sehr glücklich über die Matches, die er gewonnen hat, er hat eine fantastische Form und gegen Hurkacz kann er auch gewinnen.“ Tags darauf musste man sich die Augen reiben und sich fragen: Kann Zverev die Zukunft vorhersagen?Denn Jan-Lennard Struff, von dem der frische French-Open-Sieger geredet hatte, konnte tatsächlich sein Achtelfinalmatch am Sonntag gegen Hubert Hurkacz gewinnen. Der berühmteste Warsteiner Bürger präsentierte sich in seiner Partie auf Court No. 2 im All England Club wie bei seinen ersten drei engen Rundenerfolgen vorbildlich, kämpfte, gab nie auf, ließ selbst nach einem 0:2-Satzrückstand nicht nach. Er gewann hauchdünn den dritten Satz, und dann kam für ihn das Glück und für seinen Gegner das Pech hinzu. So ist Sport manchmal.Nun steht jedenfalls Struff im Alter von 36 Jahren erstmals im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers. Er gewann, nach einer für Hurkacz tragischen Schlussphase, mit 3:6, 6:7 (5), 7:6 (2), 7:5, 4:2 und Aufgabe seines Gegners. Der 29-jährige Pole konnte nicht mehr weiterspielen.Struff ist voller Empathie für seinen Gegner: „So das Match zu beenden, ist hart.“Rückenprobleme hatten den Weltranglisten-96., der schon mal zu den Top Ten gezählt und 2021 die Wimbledon-Karriere des Schweizers Roger Federer im Viertelfinale beendet hatte, immer wieder aus der Bahn geworfen. Jetzt hatte er wieder Beschwerden. Nach dem dritten Satz folgte für ihn die erste Behandlungspause, im vierten Satz beim 5:5 und Vorteil Struff die zweite, diesmal verließ er den Rasenplatz. Nach ein paar Minuten kam Hurkacz zurück, sich an die rechte Flanke fassend. Rasch kassierte er das 5:7. Vor dem fünften Satz bat Hurkacz darum, dass das Match wegen der aufkommenden Dunkelheit abgebrochen werde. Aber es ging weiter. Struff wirkte fit und bissig, auch nach dreieinhalb Stunden Spielzeit. Und fünf Minuten später war die Partie vorbei. Hurkacz winkte ab. Struff nahm ihn in den Arm.„Hubi ist einer der nettesten Jungs auf der Tour, so das Match zu beenden, ist hart“, sagte Struff beim kurzen Interview auf dem Platz am Mikrofon. Er blickte empathisch, doch sein Gesichtsausdruck änderte sich, als die Moderatorin auf ihn zu sprechen kam: „Du bist das erste Mal in einem Grand-Slam-Viertelfinale!“ Da lächelte Struff, der in den vergangenen zwei Jahren eine Art Fahrstuhlspieler in der Weltrangliste war, gerade ist er auf Position 74. Noch. Er klettert nun viel höher. „Ich bin sehr glücklich, das Ende war wild“, sagte er, und es war ihm anzumerken, dass er überrumpelt war vom abrupten guten Ausgang für ihn. „36 Jahre alt, das erste Mal im Viertelfinale, man darf nie aufgeben“, das fiel ihm auf die Schnelle ein.Dreimal war Struff, seit Jahren eine verlässliche Größe im deutschen Davis-Cup-Team, zuvor in einem Grand-Slam-Achtelfinale gestanden, 2019 und 2021 bei den French Open und im vergangenen Jahr in New York. „Es gibt so viele, die älter sind und noch so gut spielen, wie Novak“, sagte er und meinte Novak Djokovic, 39, der mit einem 7:6 (6), 6:3, 3:6, 6:3 gegen den Russen Roman Safiullin, 28, ins Viertelfinale einzog. Der Serbe hat in Wimbledon nun 106 Matches gewonnen und damit eines mehr als Federer, der seine Karriere beendet hat. „Sie sind Vorbilder und pushen auch mich damit“, sagte Struff – und strahlte. So langsam begriff er, was er geleistet hatte.