Niemand weiß, welch eine Wendung das Leben von Julián Andrés Quiñones Quiñones, 29, genommen hätte, wenn er einem falschen Schamgefühl nachgegeben hätte. Er war 16 Jahre alt und mit vier weiteren Kindern aus seinem kolumbianischen Heimatort Magüi Payán, einer 18 000-Einwohnergemeinde im Departement Nariño, nach Cali gereist, um bei einem Verein namens Fútbol Paz FC vorzuspielen.Scham verspürte er, weil er, wenn er zu seinen Füßen hinunterblickte, sah, dass seine Zehen aus den zerschlissenen Schuhen ragten. Aber er spielte vor, beeindruckte und löste Debatten aus: Ob man wirklich 20 Millionen Pesos, in etwa 5000 US-Dollar, für die Rechte an dem Spieler bezahlen solle, das war die Frage. Gut ein Dutzend Jahre später nähert sich der Marktwert des vor Jahren in Mexiko eingebürgerten Quiñones wieder der 20-Millionen-Marke an. Nur halt nicht in Pesos, sondern in Dollar.Interview mit kapverdischem Nationalspieler:„Wenn du nur daran denkst, dass du gegen Messi spielst, verlierst du deinen Kopf“Sidny Lopes Cabral steht mit den Kapverden sensationell in der K.-o.-Runde der WM und fordert nun Argentinien. Er erzählt, was er sich für das Duell mit dem weltbesten Fußballer vornimmt – und warum er während seiner Zeit bei Rot-Weiß Erfurt jeden Tag geweint hat.Quiñones ist zu einer der Geschichten der Fußball-Weltmeisterschaft geworden. Der Widerhall, den der Stürmer hervorruft, dürfte sich potenzieren, sollte er am Sonntag im Estadio Azteca gegen England seinen bislang vier direkten Torbeteiligungen weitere hinzufügen. Quiñones erzielte beim Auftaktspiel das erste Tor der WM (Mexiko besiegte Südafrika 2:0), er traf gegen die Tschechen und lieferte gegen den DFB-Bezwinger Ecuador ein weiteres Tor sowie einen Assist. Lediglich beim 1:0 gegen Südkorea ging er leer aus; es war allerdings auch der einzige Auftritt der Mexikaner außerhalb der Hauptstadt. In Mexiko-Stadt spielt er auf, als hätten ihn die Götter des Azteca adoptiert.Dass sie ihn damals bei Fútbol Paz unter Vertrag nahmen und ausbildeten, lag daran, dass sie auf dem Platz „eine überwältigende Persönlichkeit“ sahen. Es bedurfte nur ein wenig Feinschliffs, da war er schon auf der Exportliste.Er flog nach Nueva León, Mexiko. Weil er als Minderjähriger das Land nicht allein verlassen durfte, saß seine Mutter Gloria mit im Flieger. Quiñones wurde bei den Tigres in die zweite Mannschaft einsortiert; an den FC Venados aus Yucatán und an die Lobos BUAP aus Puebla ausgeliehen; dann erfolgte der Durchbruch. Er führte Tigres, Atlas – die 70 Jahre lang nicht Meister gewesen waren – und schließlich auch Club América zu Titeln. Seit zwei Jahren spielt er in der Saudi-Liga, bei al-Qadsiah, in dieser Spielzeit wurde er mit 33 Treffern vor Ivan Toney (32) und Cristiano Ronaldo (28) Torschützenkönig. Gemessen daran, dass seine Optionen, im Leben zu triumphieren, in Magüi Payán durch ökonomische Umstände beschränkt waren, war das eine optimale Ausbeute.Den Ressentiments begegnete Quiñones sachlichWer dort geboren wird, „wird entweder Fußballer oder Guerillero oder Drogenhändler“, sagte Fabio Marín, der Manager von Quiñones, dem TV-Sender ESPN. Quiñones erklärte vor ein paar Jahren in einem Interview, als 13-Jähriger habe er angefangen, wie die Älteren in einen Bergstollen abzutauchen, auf der stets enttäuschten Suche nach Gold. Es sei ein gefährliches Unterfangen gewesen, es komme immer wieder zu Einstürzen. Doch wäre er noch in seinem Blechhütten-Heimatort, so würde er wohl sein Glück unter Tage versuchen.Nun aber ist er längst in der mexikanischen Nationalelf etabliert, nach einem alles andere als einfachen Prozess. Mexiko ist ein zutiefst chauvinistisches Land, im Fußball lebt es diesen Wesenszug dadurch aus, dass es eine, gelinde gesagt, massive Skepsis gegenüber „naturalisierten“ Spielern gibt. Auch gegenüber Quiñones, der sich 2023 entschloss, für Mexiko und nicht für Kolumbien aufzulaufen – und auch danach rassistisch angefeindet wurde, zum Beispiel in einem Spiel von América gegen Chivas aus dem März 2024.„Er wird nie Mexikaner sein“, ätzte ein Trainer namens Benjamín Mora; die Kultur, die Wesensart, die Wurzeln und „die Rasse“ von Quiñones machten das unmöglich, meinte er. Quiñones konterte sachlich. Es gebe viele Mexikaner, die mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in die USA aufbrächen; er habe nichts anderes getan, als er nach Mexiko ging. Und: Er sei nicht dazu da, Mäuler zu stopfen, sagte Quiñones dieser Tage, „wenn ich schon nichts gesagt habe, als ich kritisiert wurde, werde ich das jetzt erst recht nicht tun“. Denn jetzt schwimmt er obenauf.Stimmung beim Co-Gastgeber:In Mexiko schlägt das Herz dieser WM – und am heftigsten schlägt es in GuadalajaraZum dritten Mal empfängt die Stadt die Fußballwelt. 1970 stand hier für Pelé und seine Brasilianer sozusagen alles still. Und heute? Zeigt Guadalajara, worauf es wirklich ankommt – und was die Fifa nicht verstehen will.Das ist insofern überraschend, als Anfang des Jahres in der Branche getratscht wurde, Trainer Javier „El Vasco“ Aguirre verstehe sich nicht mit Quiñones. Unfug, sagte der Coach, bei nächster Gelegenheit könne man Quiñones fragen. Diese Debatten sind vorbei. Ein ganzes Land pflichtet Aguirre bei, wenn er nun sagt, dass Quiñones „der mächtigste Spieler“ sei, „den wir haben“.Das zeigen auch die Daten. Im Spiel gegen Ecuador lief er knapp neun Kilometer – und setzte nach Angaben der Datenerfassung des Weltverbandes Fifa zu 47 Sprints an. Das lag weit über dem Durchschnitt, den die WM-Teilnehmer bieten. Bei den Mexikanern drückte ein einziger Spieler, Abwehrmann Jorge Sánchez, häufiger aufs Tempo (66 Mal). Im selben Spiel zeigte Quiñones, wie abschlusssicher er ist. Er schoss nur einmal aufs Tor, am Ende einer elektrisierenden Szene: Nach einem theoretisch ermüdenden Tempolauf über das halbe Feld schlug er einen Haken, setzte eine Kunstpause an – und jagte den Ball aus 14 Metern in den linken Winkel. „Er versteht das Spiel sehr gut“, sagt Aguirre. Nun soll er das auch daheim gegen England zeigen.